Loch im Qantas-Jumbo "Ein solcher Fehler darf nicht passieren"

Druckabfall, Sauerstoffmasken, Notlandung: Das Loch im Rumpf einer Boeing 747 hat Hunderte Qantas-Passagiere erschreckt - obwohl sie mit der sichersten Airline der Welt flogen. Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt erklärt SPIEGEL ONLINE, wie es zu dem ungewöhnlichen Vorfall kam.


SPIEGEL ONLINE: Herr Großbongardt, was genau ist am Freitag auf dem Flug der Qantas-Maschine von London nach Australien passiert?

Großbongardt: Die Fotos des Lochs im Rumpf der Boeing 747-400 zeigen, dass im Innenraum der Maschine etwas explodiert ist. Man erkennt sehr deutlich, dass das Blech der Flugzeughaut nach außen gebogen ist - und zwar auch entgegen der Flugrichtung. Das ist ein Indiz dafür, dass sich die Verkleidung nicht einfach abgelöst hat, wie es etwa bei Korrosion oder Verschleißerscheinungen passieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte zu der Explosion geführt haben?

Großbongardt: In diesem Bereich des Flugzeugs werden die Sauerstoffvorräte für die Notversorgung der Passagiere gelagert. Denkbar ist, dass eine der Flaschen explodiert ist. Die Behälter stehen unter erheblichem Druck. Möglicherweise wurde eine der Flaschen versehentlich mit Fett oder Öl verschmutzt. Zusammen mit hochverdichtetem Sauerstoff gibt das eine explosive Mischung.

SPIEGEL ONLINE: Kommen noch andere Ursachen in Frage?

Großbongardt: Die Explosion einer Sauerstoffflasche ist an dieser Stelle des Flugzeugs auf den ersten Blick am wahrscheinlichsten. Das Verkleidungsstück am Übergang vom Flügel zum Rumpf ist komplett weggeplatzt. Alterserscheinungen kommen theoretisch auch in Frage: Diese Maschine ist nicht mehr die jüngste, Qantas hat sie 1991 in ihre Flotte aufgenommen. Möglich ist auch, dass sich im Gepäckstück eines Passagiers eine explosive Substanz befand. Das halte ich aber eher für unwahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß war die Gefahr für die 346 Passagiere an Bord der Boeing?

Großbongardt: Die Sauerstoffversorgung der Passagiere war in keiner Sekunde unterbrochen - solche Systeme sind immer mindestens doppelt ausgelegt. Auch die strukturelle Stabilität der Maschine war nicht gefährdet, ebenso wenig andere lebenswichtige Systeme. Die Bilder sehen also spektakulärer aus, als das Ereignis in Wahrheit ist. Dennoch war der Vorfall ein Fehler, der eigentlich nicht vorkommen darf. Ein Loch im Rumpf eines Flugzeugs fällt definitiv in die Kategorie "massive Störung". Der Zwischenfall wird daher nicht nur intern untersucht werden, sondern auch die australische Luftfahrtbehörde beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Besatzung mit einer Notlandung richtig gehandelt?

Großbongardt: Die Crew hat auf ein Standardverfahren zurückgegriffen, welches Piloten sehr oft trainieren. Der Besatzung wurde über Warnsysteme angezeigt, dass es einen Druckverlust an Bord gibt. Deshalb wurden die Sauerstoffmasken aktiviert, und die Piloten brachten den Flieger auf schnellstem Wege zunächst auf 3000 Meter Höhe, wo sie wieder in ausreichender Luftdichte flogen.

SPIEGEL ONLINE: Die australische Airline Qantas gilt als sicherste Fluggesellschaft der Welt. Müssen sich Passagiere auch bei teuren Qualitätsflügen Sorgen um ihre Sicherheit machen?

Großbongardt: Auch bei den sichersten Fluggesellschaften werden Fehler gemacht. In den meisten Fällen spüren die Passagiere nichts davon. Eine hundertprozentige Garantie für einen störungsfreien Flug gibt es aber nirgendwo - allerdings ist das Sicherheitsniveau in Europa, Nordamerika und Australien so hoch wie nie. Pro zehn Millionen Flüge zählen die Statistiken gerade einmal zwei bis drei Unfälle - meist ohne Personenschaden.

Das Interview führte Annett Meiritz



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