"Nervige" Straßenmusiker Londons Bürgermeister vergrätzt Dudelsackspieler

Neue Benimmregeln für Londons Straßenmusiker: Wer nervt, muss sein Instrument schnappen und die Biege machen. Und was nervt, das definiert der Bürgermeister - zum Beispiel Dudelsäcke. Die Sackpfeifer der Stadt sind empört.

AFP

Auf Londons Dudelsackspieler kommen harte Zeiten zu. Sie dürfen künftig nicht mehr in der Nähe von Wohnungen, Büros, Geschäften und Hotels spielen - oder müssen zumindest regelmäßig weiterziehen. Denn nun ist es offiziell: Ihr Sound stört. So steht es auf BuskInLondon.com, der offiziellen Webseite für Straßenmusik in Großbritanniens Hauptstadt.

Jeder Klang könne nach einer Weile nervig werden, heißt es dort. "Doch einige werden schneller nervig", zum Beispiel die "repetitiven Geräusche" einiger Percussion-Instrumente, Beatboxing, stark verstärkte Gitarren, Trommeln - und eben "der durchdringende Klang von Dudelsäcken".

Was sich als Angriff auf Kulturschaffende liest, ist Teil einer Kampagne, die Straßenkünstler eigentlich fördern soll. Die von Bürgermeister Boris Johnson ins Leben gerufene Initiative bewirbt Musiker neuerdings im Internet mit einer Standortkarte, außerdem wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Man rühmt sich damit, London zur "straßenmusikerfreundlichsten" Stadt der Welt machen zu wollen. Doch für die Dudelsackspieler muss sich das zynisch anhören.

Der 58-jährige Pat Sands fühlt sich angegriffen und fürchtet, bald gar nicht mehr spielen zu dürfen. "Wir wurden in einen Topf mit E-Gitarren geworfen", sagte er dem "Herald Scotland". "Dabei können die meisten Sackpfeifer allein schon physisch nicht länger als eine Stunde spielen, dann ziehen sie ohnehin weiter." Er versteht die neuen Regeln als ersten Schritt hin zu einer Lizenzvergabe, bei der Dudelsackspieler das Nachsehen haben könnten. Und schlimmer noch: Es scheint ihm, als führe Johnson unterbewusst die englische Tradition fort, "die schottische Kultur zu unterdrücken".

In der Tat waren Dudelsäcke unter verschiedenen englischen Königen und Regierungen verboten. 1746 wurde der Sackpfeifer James Reid hingerichtet, weil er sein Instrument bei sich trug.

"Wie eine Katze, auf die man getreten ist"

Auch Alistair Campbell, ehemaliger Regierungssprecher in der Downing Street, macht seinem Ärger über die neue Regelung Luft. "Die damit ausgedrückte geringschätzige Haltung zeugt von einer nicht gerechtfertigten Voreingenommenheit gegen Dudelsäcke." Sollten die Sackpfeifer nun gegen die neuen Regeln protestieren wollen, hätten sie seine volle Rückendeckung. Campbell war als Student selbst Dudelsackspieler.

Das Büro des Bürgermeisters wehrt sich gegen den Vorwurf. "Sackpfeifer sind in London sehr willkommen", sagte ein Sprecher dem "Evening Standard". Musiker sollten sich jedoch über die Geräuschkulisse im Klaren sein, die sie verursachen - und das bedenken, wenn sie Orte zum Musizieren auswählen.

Offenbar gibt es Menschen, die den Vorstoß begrüßen. "Danke BoJo", twittert Robin Sones. "Der Klang von Dudelsäcken ist nicht gerade Musik in meinen Ohren, es hört sich eher an wie eine Katze, auf die man versehentlich getreten ist."

"Wenn du den Dudelsackverbieter Boris Johnson siehst, tu mir einen Gefallen und spiele ihm das hier LAUT vor", schreibt Filmemacher Peter Bach auf Twitter und postet ein schottisches Volkslied als YouTube-Clip.

jus



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