Gartenlaube statt Gourmettempel Erfundenes Restaurant landet auf Platz eins bei Tripadvisor

Viele Reisende verlassen sich auf Bewertungsportale. Dass die Kritiken dort nicht unbedingt aussagekräftig sind, hat nun ein Londoner Journalist bewiesen - mit einem Restaurant, das es gar nicht gibt.

Tripadvisor-Logo
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Mit einem erfundenen Restaurant hat ein Londoner Journalist das Bewertungsportal Tripadvisor ausgetrickst: Mit gefälschten Restaurantkritiken machte Oobah Butler vom Magazin "Vice" seine Gartenlaube binnen weniger Monate zum bestbewerteten Restaurant der britischen Hauptstadt auf dem Portal - ohne je ein einziges Essen zu servieren.

Früher habe er sich Geld dazuverdient, indem er gefälschte Rezensionen über Restaurants geschrieben habe, die von Tripadvisor veröffentlicht wurden, berichtete Butler auf der Website von "Vice". "Restaurantinhaber zahlten mir zehn Pfund, und ich schrieb ihnen eine gute Kritik, ohne jemals dort gegessen zu haben." Irgendwann habe er sich dann gefragt, ob in "Zeiten der allgegenwärtigen Fehlinformation" sogar ein komplett erfundenes Restaurant möglich sei.

Für seine Erfolgsgeschichte brauchte Butler nur eine Internetseite, eine Telefonnummer und eine etwas ungenaue Adresse. In seinem Artikel beschreibt Butler ganz genau, wie er vorgegangen ist. Im April ging "The shed at Dulwich" im Internet an den Start, sämtliche Essensfotos waren gefälscht: Ein Nachtisch war ein mit Farbe bemalter Schwamm, ein Spiegelei drapierte Butler kunstvoll auf seinem nackten Fuß.

Im Mai wurde Butler bei Tripadvisor gelistet. Als Neueröffnung landete er erst einmal auf dem letzten Platz aller 18.149 verzeichneten Londoner Gaststätten. Dank positiver Bewertungen seiner Freunde schaffte er es bis Ende August auf Platz 156.

"Beim Anblick meiner Fußsohle mit Ei läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen"

Butler erhielt nun haufenweise Reservierungsanfragen - die er natürlich alle abwimmeln musste. "Mir wird klar, woran es liegen muss: Tische nur nach Vereinbarung, keine Adresse - das insgesamt äußerst exklusive Flair hat den Menschen den Verstand geraubt", schreibt er. "Beim Anblick meiner Fußsohle mit Ei läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen."

Im November war er schließlich am Ziel: Begeisterte Kritiken und Tausende Suchanfragen machten "The shed at Dulwich" auf Tripadvisor zum bestbewerteten Londoner Restaurant. Um den Schwindel aufzulösen, öffnete Butler seine Laube nun wirklich - und servierte Fertiggerichte.

Tripadvisor erklärte in der "Times", das Bewertungsportal habe "The shed at Dulwich" schon länger auf dem "Radar" gehabt, früher oder später wäre der Eintrag also gelöscht worden. Seine Vertrauenswürdigkeit sieht Tripadvisor nicht beschädigt: Betrüger seien sonst nur daran interessiert, die Bewertungen echter Firmen zu manipulieren. Erfundene Restaurants ausfindig zu machen, sei daher normalerweise nicht nötig.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein fiktives Restaurant auf Tripadvisor exzellente Bewertungen erhält. 2013 erfand etwa ein Geschäftsmann ein Restaurant, um auf die unregulierte Kommentarfunktion bei Tripadvisor hinzuweisen. Für zwei Monate blieb er unenttarnt.

kry/AFP



insgesamt 42 Beiträge
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barlog 08.12.2017
1. Betr. Unregulierte Kommentarfunktionen
Habe auch schon genug Gefälligkeitskommentare für die Geschäfte von Freunden und Bekannten geschrieben. Keine Macht (bzw. Programm) der Welt kann das sowie Schadkommemtare von Konkurrenten "regulieren", ausgenommen vielleicht die geschmeidigen Textlein von "Profis", die zuviele Formulierungen aus der Werbesprache verwenden.
frank.huebner 08.12.2017
2. Bekanntes Problem
Das Problem mit gefälschten Bewertungen hat nicht nur TA, auch Portale wie Holidaycheck und andere sind da nicht besser. Sicher kann man nur sein, wenn ein Gast einen Code bekommt, mit dem er eine Bewertung abgeben kann. Nachverfolgbar. Portale, wo jeder einen Kommentar abgeben kann, drängen den Betrug geradezu auf. Ich kenne einige grottenschlechte Hotels, wo nach jeder negativen Bewertung sofort einige Top-Bewertungen folgen. Auch wenn man so etwas Auffälliges meldet reagieren die Portale selten bis nie. Daher gebe ich nicht allzuviel auf die Bewertungen.
muellerthomas 08.12.2017
3.
Naja, was wurde nun damit gezeigt? Er hat natürlich alle potenziellen echten Gäste abgewimmelt. Es konnte somit keine negativen Rezensionen von realen Gästen geben. Die Situation ist bei einem echten Restaurant, das Rezensionen faked also eine ganz andere. Klar kann ein schlechtes Restaurant gute Rezensionen kaufen und sich damit zeitweise im Rankiung verbessern und temporär sicher auch Kunden anlocken. Wenn diese Kunden dann aber merken, dass das Restaurant viel schlechter ist als z.B. bei Tripadvisor alle erzählen, wird es schnell auch schlechte Rezensionen geben, bei einer starken Diskrepanz vermutlich auch mit Hinweisen auf vermuteten Bewertungsbetrug.
malcom1 08.12.2017
4. Fake
Ein schönes Beispiel wie man Menschen manipulieren kann. Google und Co. lassen Grüßen. Wann übernehmen Goggle , Facebook & Co. die Weltherrschaft?
ex rostocker 08.12.2017
5. Ich vertraue Tripadvisor
Natürlich darf man dabei seinen Verstand nicht abschalten. Denn für die meisten Bewertungen ergibt sich eine Spanne von "Ausgezeichnet" bis "Mangelhaft". Daher hilft ein Blick ins Kleingedruckte: Wieviele Beurteilungen hat der Bewerter schon geschrieben? Wie viel "Hilfreich-"Wertungen hat er? Wie ist die Spannbreite seiner Bewertungen - zu viel "Sehr gut" oder zu viel "Mangelhaft"? Wer hier etwas mitdenkt, kann sich sicher ein Bild über das Hotel/Lokal machen.
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