Olympia-Abzocke: Londoner Hoteliers bleiben auf überteuerten Zimmern sitzen

Von , London

Londoner Hotels verlangten Aufschläge von 300 Prozent, die Gier auf den großen Reibach bei den Olympischen Spielen war immens. Selbst ein Taxifahrer wollte seinen Wagen zum Schlafen vermieten. Doch die Nachfrage wurde krass überschätzt: Die Zimmerpreise sind im freien Fall.

SPIEGEL ONLINE

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Wie so viele Londoner wollte David Weekes mitverdienen an der Bonanza. Vor zwei Monaten stellte er sein Zimmerangebot für die Olympischen Spiele ins Internet. Es ist keine gewöhnliche Schlafgelegenheit: Für 50 Pfund können Gäste in seinem Taxi übernachten. Die Sitzbänke im Fonds lassen sich umklappen, so dass eine Person in gekrümmter Haltung dort schlafen kann.

Ein echtes Londoner Black Cab, ausgerüstet mit Bettzeug im Union-Jack-Muster, das müssten Touristen doch reizvoll finden, dachte sich der 49-jährige Cabbie. Obendrein können die Gäste sich aussuchen, wo das Taxi über Nacht parken soll.

Doch wie es aussieht, geht die Rechnung nicht auf. Trotz reichlich Aufmerksamkeit in den Medien hält sich das Interesse am schwarzen Schlafmobil in Grenzen. Gebucht hatte wenige Tage vor der Eröffnungsfeier am Freitag noch niemand. Warum auch, wenn man für das gleiche Geld ein richtiges Bett haben kann?

Furcht vor der Fülle

Weekes ist nicht allein. Hunderte Londoner Hoteliers und Vermieter erkennen in diesen Tagen, dass sich während der Spiele weit weniger Touristen in der Stadt aufhalten werden als ursprünglich prognostiziert. Von den 140.000 Londoner Hotelzimmern werden mehrere zehntausend nicht belegt sein. Und die Träume vieler Eigenheimbesitzer, ihr Gästezimmer für mehrere hundert Pfund pro Woche zu vermieten, sind in den allermeisten Fällen zerstoben.

Fotostrecke

6  Bilder
Olympia-Abzocke: Londoner Hoteliers haben sich verrechnet

"Normalerweise ist London im Sommer voll", sagt Mario Bodini, Chef des Tour-Veranstalters JacTravel. "Dieses Jahr ist das nicht so." Seine Erklärung: Die Olympischen Spiele verschrecken mehr Besucher, als sie anziehen. "Durch den Hype um die Spiele ist bei Touristen der Eindruck entstanden, dass London teuer und chaotisch sein wird", sagt Bodini. "Das verdirbt ihnen die Lust."

Besucher, die an Museen und Theatern interessiert sind, wählen für ihren Städtetrip eine andere Metropole - und verschieben London auf einen anderen Zeitpunkt. Auch Firmen haben ihre Dienstreisen an die Themse in den zwei Wochen so weit wie möglich reduziert. Niemand will schließlich unnötig Zeit in U-Bahn und Taxi vergeuden.

Vor allem jedoch spüren die Hotels die Abwesenheit der Tour-Veranstalter, die sonst im Sommer für hohe Belegungsraten von 85 Prozent und mehr sorgen. In diesem Jahr wollten Hoteliers in Erwartung des Olympia-Reibachs nicht die üblichen Rabatte gewähren und bestanden auf Vorauszahlung. Die Tour-Veranstalter strichen London kurzerhand aus ihren Katalogen, die Massen reisen nun nach Paris, Amsterdam oder Kopenhagen.

Sehr gute Angebote bei einfacheren Hotels

Wenige Tage vor der Eröffnungsfeier müssen viele Hotels daher um Gäste kämpfen. Die Preise sind seit Wochen im freien Fall. Viele Zimmer seien noch zu haben, bestätigt Nigel Pocklington, Marketingchef der Webseite hotels.com. Zwar liege der Durchschnittspreis für ein Doppelzimmer mit 220 Euro noch immer über den Preisen im vergangenen Sommer. Doch verzerren die Hotels mit vier und fünf Sternen das Bild erheblich. Die Luxusherbergen sind voll belegt - zu teils saftigen Aufschlägen. Die vielen hochrangigen Delegationen aus aller Welt haben die Preise nach oben getrieben.

Bei den weniger exklusiven Hotels sieht es ganz anders aus. Der Durchschnittspreis eines Doppelzimmers in einem Ein-Sterne-Hotel liegt mit 66 Euro nicht wesentlich über dem Langzeitwert. Selbst im Olympia-Viertel Stratford gibt es noch günstige Zimmer. "Zentral gelegene Fünf-Sterne-Hotels sind ausgebucht", sagt Bodini. "Aber von drei Sternen abwärts gibt es sehr gute Angebote."

Auch Vermieter, die sich mit Olympia-Gästen etwas nebenher verdienen wollten und zum Teil ihre regulären Mieter für zwei Wochen vor die Tür gesetzt haben, stehen nun häufig mit leeren Händen da. Es sei eine komplette Zeitverschwendung gewesen, klagte Guy Watson von der Maklerfirma Champions im "Evening Standard". Von den Hunderten Wohnungen im Angebot habe er genau eine vermietet.

Wenn die bisherigen Hotelbuchungen ein Indiz sind, könnte London in den kommenden Wochen also entgegen aller Erwartungen nicht voller, sondern leerer sein als in einem gewöhnlichen Sommer. Es wäre eine freudige Überraschung nicht nur für die meisten Londoner. Auch den Verantwortlichen für den öffentlichen Nahverkehr würde ein Stein vom Herzen fallen. Je leerer die Hotels sind, desto eher bleibt der befürchtete Verkehrsinfarkt aus.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
static_noise 25.07.2012
Ich glaube die Olympischen Spiele werden dieses Mal generell massiv überschätzt. In meinem Bekanntenkreis hatte niemand den Begin auf dem Schirm gahabt und es interessiert sich auch keiner dafür. Die meisten reagieren jetzt mit: "Ach die fangen JETZT an?! ... hmm... OK... whatever..."
2. Die
crocodil 25.07.2012
Luxushotels sind ausgebucht - wahrscheinlich von den Sportfunktionären, die eh nicht im Olympia-Lager schlafen wollen. In den Hotels gibt es ja auch gute Speisen und Getränke - vielleicht noch mehr .- und alles bezahlen sie ja nicht selbst........
3. Selbst Schuld und kein Mitleid
larry_lustig 25.07.2012
London wollte unbedingt die olympischen Spielen und jetzt sieht man die negativen Folgen: - Ausbeuterunterkünfte für die Hilfskräfte - Touristenversprechen die nicht eingehalten werden (wie eigentlich immer bei der Nachhaltigkeit der Touristennachfrage) - Fahrspuren extra für Athleten und Offiziell(!) (Putin in Moskau lässt grüßen) Hamurg,München, Leipzig.... schaut Euch das an und bewerbt Euch nie wieder unter diesen IOC-Vorgaben
4. Ach,
eisbaerchen 25.07.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINELondoner Hotels verlangten Aufschläge von 300 Prozent, die Gier auf den großen Reibach bei den Olympischen Spielen war immens. Selbst ein Taxifahrer wollte seinen Wagen zum Schlafen vermieten. Doch die Nachfrage wurde krass überschätzt: Die Zimmerpreise sind im freien Fall. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,846079,00.html
sind die Menschen doch nicht mehr so blöd für jeden Quatsch einen Haufen Geld zu bezahlen? So korrupt wie das Unternehmen Olympiade inzwischen ist, sollen doch die Funktionäre in Zukunft unter sich bleiben! Die bekommen ja alles bezahlt und werden von vorne bis hinten gepampert...Und wird so die Geldgier der Vermieter abgestraft, umso besser...:-)
5. Dummheit und Gier...
donnerfalke 25.07.2012
sind stets zusammen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Aktuell
RSS
alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 83 Kommentare