"Lonely Planet": Die blaue Reisebibel erscheint auf Deutsch

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Was Koreaner und Japaner deutschen Globetrottern bisher voraus hatten? Sie konnten den "Lonely Planet", ohne den keine Fernreise möglich scheint, in ihrer eigenen Sprache lesen. Ab sofort aber liegt die deutsche Version des Reiseführers in den Regalen - und lässt die Kleinen der Branche zittern.

Letzter Check vor dem gepackten Rucksack: Resochin, Moskito-Netz, Teva-Sandalen, Schlafsack, Reiseschecks, Kamera, Tagebuch und - das Wichtigste: der blaue Reiseführer, der "Lonely Planet". Für den Backpacker ist klar: Das inzwischen zur "Reisebibel" avancierte Buch muss mit, vor allem wenn es in die Ferne geht. Es führt, rät und unterhält auf der Expedition in jedes Land der Erde - doch bisher waren die deutschen Weltenbummler im Wesentlichen auf die englischsprachige Ausgabe angewiesen.

"Lonely Planet": Die Reisebibel nach mehr als 30 Jahren auf Deutsch

"Lonely Planet": Die Reisebibel nach mehr als 30 Jahren auf Deutsch

Zwar hat Gründer und Verlagseigner Tony Wheeler aus Australien seine Guides inzwischen in 14 Sprachen übersetzen lassen. So können Koreaner, Japaner, Franzosen, Italiener, Spanier und ab nächsten Monat auch die Chinesen am idyllischen Strand ihre nächsten Ziele erblättern. Die Deutschen, immerhin Reiseweltmeister, hat der australische Verlag bisher vernachlässigt. Nur kurze Versuche mit einzelnen übersetzten, ins Programm integrierten "Lonely Planets" gab es beim Bremer Gisela E. Walther Verlag und bei den Stefan Loose Travel Handbücher in Berlin.

Jetzt hat der MairDumont-Verlag aus Ostfildern, der ansonsten eher konservative Marken wie Dumont, Marco Polo und Baedeker führt, die Missionierung für den größten Reisebuchverlag der Welt übernommen. Zwölf Titel - mit derselben Schrift und Gliederung, nun in Blau-Türkis mit dem deutlichen Aufdruck "Deutsche Ausgabe" - wurden am Mittwoch zu ähnlichen Preisen wie die Originale in die Regale der Buchhandlungen gelegt: Neben europäischen Zielen wie Italien, Irland, Bulgarien und Norwegen sind auch Argentinien, Australien und Indien dabei.

"Wir sind besser"

Die deutsche Konkurrenz reagiert auf den Coup von MairDumont verschnupft: "Wir finden es ganz schön frech von Herrn Mair und seinen Töchtern, sich in alle Nischen zu drängen", sagt Birgit Hempel, Pressesprecherin des Reise Know-how Verlags, über den Geschäftführer von MairDumont. "Wir sehen uns mit Verlagen wie Michael Müller als Urheber dieser Form von Reiseinformation in Deutschland."

Die Deutschen Peter Rump von Reise Know-how, Michael Müller mit seinem gleichnamigen Verlag und Stefan Loose mit seinen Travel Handbücher gehören wie der 59-jährige Wheeler zu einer Generation von Weltenbummlern und Selfmademen, die ihre Leidenschaft zum Beruf machten und ihre Verlage in den Siebzigern gründeten - als Fernreisen noch Expeditionen glichen und die Autoren Pioniere waren.

"Wir sind besser", verteidigt Michael Müller seine 150 Titel. "Wir sind näher dran an den deutschen Reisenden. Wir kennen die europäischen Bedürfnisse. Wir wissen, was gutes Essen ist."  Bei seinen Guides könnten auch Kenner der Regionen noch Neues entdecken, während "Lonely Planet" eher für den Anfänger-Reisenden geschrieben sei.

Tatsächlich aber ist die Zielgruppe dieselbe: Globetrotter aller Alterstufen, die praktische Alltagstipps, verlässliche Empfehlungen und schnelle Orientierung suchen, und das knackig und übersichtlich präsentiert. MairDumont sieht da noch viel Platz auf dem deutschen Markt: Während in England der Anteil der Individualreisetitel am Gesamtmarkt der Reiseführer bei über 50 Prozent liege, in Italien bei rund 40 Prozent und auch in Frankreich noch bei 35 Prozent, sei es in Deutschland lediglich ein Anteil von 19,5 Prozent, sagt Verlegerin Stephanie Mair-Haydts.

Nicht das Ende des deutschen Individualreiseführers

In Deutschland fehle bisher die starke Marke, sagt Mair-Haydts: "Mit dem deutschen 'Lonely Planet wollen wir Marktführer werden." Im Herbst werde der nächste Schwung Übersetzungen fertig. Die Kleinen der Branche halten dagegen: "Wir bleiben optimistisch", sagt Hempel, deren Verlag 230 lieferbare Reiseführer im Programm führt, "der deutsche 'Lonely Planet' wird zwar nicht spurlos an Reise Know-how vorbeigehen, aber das wird nicht das Ende des deutschen Individualreiseführers bedeuten." Aber auch Müller ahnt: "Wir werden es merken." Doch wo alle Welt hinlaufe, da gehe es wenig individualistisch zu.

"100 Prozent das Original: praktisch, witzig und verantwortungsbewusst", so wirbt MairDumont. Und viel mehr als das gute Original bieten die Übersetzungen nicht: Zwar sind allgemeine Tipps wie Anreise, Zollformalitäten und Botschaftsadressen jetzt auf das deutschsprachige Zielpublikum und die Kapitel Politik und Geschichte auf eine europäische Sicht abgestimmt. Doch "Schlafen", "Essen", "Shoppen" führt die deutschen Urlauber zu denselben Ziele wie die chinesischen, kanadischen und italienischen Leser.

Dafür sind die Autoren - für das Original sind rund 150 Scouts für über 600 Titel unterwegs - in die allerletzten Ecken der Welt gereist, und sie behalten keinen Geheimtipp für sich. Das ist Programm bei Tony Wheeler, der die ersten Exemplare eines "Lonely Planet" zusammen mit seiner Frau Maureen am Küchentisch zusammenbastelte. Und das ist zugleich Vor- und Nachteil der Bücher, die je nach Reiseziel als schmales Bändchen (Osttimor, Burma) oder dicker Schinken (Australien, USA) daherkommen.

Massentourismus auf Backpacker-Art

Denn anders als Globetrotter-Führer etwa von Michael Müller, mit denen Deutsche im Ausland an den empfohlenen Restaurants, Hotels und Stränden wiederum meist nur Deutsche treffen, schreibt der "Lonely Planet" für die Welt über die Welt. Der "einsame Planet" macht die Erde weniger einsam, denn er befördert den Massentourismus - auf Backpacker-Art.

Kaum im "Lonely Planet" veröffentlicht, wird eine einstmals idyllische Kneipe von der internationalen Globetrotter-Gemeinde gestürmt. In dem gelobten Hostel ist kein Bett mehr zu bekommen, und das  empfohlene Restaurant am Strand ist von Sandalen-tragenden, in blauen Büchern blätternden Weltenbummlern gefüllt. In Indien sprießen unzählige "Bangalore Retreats" aus dem Boden - nachdem der Name durch einen Eintrag im "Lonely Planet" für die Ewigkeit geadelt wurde.

Der Markt der deutschen Reisenden, die sich nicht auf Pauschalpakete und Reisebüros verlassen, wächst enorm: von 13 Millionen 2002 auf 21,5 Millionen im letzten Jahr, sagt Verlegerin Mair-Haydts. Der Ostfilderner Verlag startet vorsichtig mit einer Auflage von 10.000 Stück pro Titel - dann wird sich zeigen, ob die Deutschen tatsächlich auf einen "Lonely Planet" in ihrer Sprache gewartet haben, mit dem Original zufrieden waren oder ihren deutschen Verlagen treu bleiben.

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