Von Stephan Orth
Die A321 der Lufthansa mit Ziel Frankfurt rollt auf die Startbahn, beschleunigt dann stark und hebt ab. Ein ungewohntes Bild an diesem Montag, leider handelt sich auch um kein echtes Flugzeug, sondern eine Nachbildung im Maßstab 1:87. Das Miniatur-Wunderland ist in Hamburg an diesem Streiktag der einzige Ort, wo der Flugbetrieb von Deutschlands größter Airline normal läuft, wie ein Sprecher bestätigt. "Knuffingen" heißt der Mini-Flughafen, er wurde mit viel Liebe zum Detail dem Hamburger Airport Fuhlsbüttel nachempfunden.
Auf seinem Vorbild läuft an diesem Montag wenig normal. Ein paar Menschen mit Rollkoffern und betretenen Mienen stehen vor der Anzeigetafel. Zürich 9.35 Uhr: gestrichen. Birmingham 9.55 Uhr: gestrichen. Mailand/Malpensa, Madrid und Moskau, Stockholm, Paris und Oslo: alle gestrichen. Wegen des Streiks der Mitarbeiter aus Service und Technik fallen sämtliche Lufthansa-Flüge des Tages aus, mehr als 200 insgesamt, nach Deutschland und ins europäische Ausland.
"Wir sind schon um halb eins aufgestanden, um jetzt hier zu sein", sagt eine Passagierin mittleren Alters aus Bremen, die zusammen mit einer befreundeten Rentnerin nach Florenz will. Weil ihr Direktflug ab Bremen ausfiel, hat der Reiseveranstalter die beiden über Hamburg und Wien umgebucht. Um 10.15 Uhr soll ihre Maschine der Austrian Air abheben. "Wir sind eine große Reisegruppe, die anderen 21 fliegen von Bremen nach Rom und sollen dann mit dem Bus weiter - mal sehen, wer schneller da ist", sagt die Frau im schwarz-weiß gestreiften Pulli.
Laut ihrem Ausdruck liegt der Preis für den Ersatzflug pro Person bei etwa 900 Euro. "Das ist fast so viel, wie die ganze Reise kostet", wundert sie sich. Acht Tage Toskana stehen auf dem Reiseprogramm, Siena, Volterra und Lucca. Und im Moment sieht es gut aus für ihren Urlaub: "Der Flug wird stattfinden", sagt eine Lufthansa-Mitarbeiterin. Das glauben die beiden jedoch wohl erst, wenn sie im Flieger sitzen - denn Austrian ist eine Tochtergesellschaft der Lufthansa, auch bei manchen Partnern des Konzerns müssen Fluggäste wegen der Streiks mit Ärger rechnen.
Schneller Marathon, langsame Rückreise
Ärger, wie ihn drei Spanier aus Bilbao erleben, die über Düsseldorf in ihre Heimatstadt fliegen wollten. "Wir sind für den Hamburg-Marathon hierher gekommen", erzählt Reuben Imaz, der einen Kapuzenpulli und weiße Turnschuhe trägt. Drei Stunden und 16 Minuten hat er für das Rennen gebraucht, ist ziemlich müde - die Rückreise wird wohl ein Vielfaches seiner Marathon-Zeit dauern. "'Wir versuchen schon seit einer Stunde erfolglos, diese Service-Telefonnummer anzurufen." Wahrscheinlich werden sie erst am nächsten Tag reisen können. "Da muss ich eigentlich schon wieder im Büro sein", ärgert sich Imaz.
Viele kleine Dramen wie dieses spielen sich ab im Terminal 2 in Hamburg. Da ist der Pianist, der ein Konzert im norwegischen Bergen hat und keine Möglichkeit, rechtzeitig anzukommen. Oder der Mann, der fassungslos vor der Anzeigetafel steht und zu seinem Nebenmann sagt: "Für so was habe ich kein Verständnis, das ist Leute-Verarsche!" Oder der Geschäftsmann, der heute Morgen sein Handy anmachte und die Nachricht von der Flugstreichung bekam, trotzdem zum Flughafen fuhr und nun in den Zug nach Frankfurt umsteigen muss.
Einer der wenigen, denen der Streik wenig ausmacht, ist der Flughafen-Mitarbeiter am Informationsstand. "Sonst ist hier Remmidemmi um diese Zeit mit den ganzen Geschäftsreisenden", sagt er. "Heute ist es angenehm ruhig." Denn wie auch in Frankfurt, München, Düsseldorf und Berlin, wo es ebenfalls zu massiven Ausfällen kommt, wurden die meisten Fluggäste vorab über die Ausfälle informiert. Die Leere im Terminal 2 sorgt für einen ungewohnten Anblick, der Lärmpegel um 9 Uhr ist so gering, dass man überdeutlich das Rauschen der Lüftung hören kann.
Auf den Bildschirmen über den Lufthansa-Check-in-Schaltern 7 und 8 sind keine Flüge angezeigt, stattdessen sind dort Informationen zum Handgepäck zu finden und die Angabe, dass sich der Wäschereiservice in Terminal 1 in der Nähe der Sicherheitskontrolle befindet. "Nur ein paar Leute vom Büropersonal sind da", sagt eine der Airline-Mitarbeiterinnen mit gelben "Service for Lufthansa"-Ansteckern.
Sie verteilen Plastiksäcke mit trockenem Schwarzbrot, Leberwurst und Corny-Riegeln. Nervennahrung. Ansonsten besteht ihre Aufgabe darin, Passagieren in schicksalsergebener bis aufgebrachter Stimmung Zettel mit Telefonnummern für ihre Umbuchung in die Hand zu drücken. Im Terminal kann keiner umbuchen, denn auch die Ticketschalter sind nicht besetzt - per Telefon müssen Passagiere wegen des enormen Andrangs allerdings lange Wartezeiten einkalkulieren.
Auch die beiden Bremerinnen auf dem Weg nach Florenz erleben eine böse Überraschung: Weil der Check-in von Austrian über den Lufthansa-Schalter abgewickelt werden soll, können sie ihr Gepäck nicht aufgeben. Das gleiche Problem haben einige Passagiere der Swiss, nur die Lufthansa-Partner Luxair und TAP haben extra zusätzliche Schalter geöffnet.
Die Florenz-Fliegerinnen müssen sich nun entscheiden, ob sie am nächsten Tag fliegen oder ihre Koffer per Post im "presse + buch"-Laden im Erdgeschoss versenden. "Ich weiß nicht, was wir jetzt machen sollen", sagt die Passagierin.
Wer an diesem Montag einen reibungslosen Flugbetrieb erleben will, muss wohl tatsächlich ins einige Kilometer entfernte Miniatur-Wunderland in der Hamburger Speicherstadt gehen. "Wir werden heute hundert Starts und Landungen von Lufthansa-Maschinen haben", sagt der Sprecher.
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