Urlaub für Fortgeschrittene

Urlaub für Fortgeschrittene Ist da ein Loch in der Luft?

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Wenn sich Flugzeuge schütteln und Flügel biegen, wird vielen Passagieren mulmig. Luftlöcher seien schuld, heißt es oft - aber was soll das eigentlich sein? Das neue Blog "Urlaub für Fortgeschrittene" gibt Infos gegen die Flugangst.


Wer fliegt, kennt das: Gefühlt genau dann, wenn man gerade seinen kochend heißen Kaffee bekommen hat, sackt die Maschine ab. Ganz kurz scheint sie im freien Fall zu sein, um dann nicht minder kräftig wieder nach oben gehoben zu werden. Man spürt den Andruck, man "geht in die Kissen". Für den Passagier fühlt sich das ähnlich an wie die rasende Achterbahnfahrt durch eine Senke - und offenbar auch für den Kaffee: Der schwappt bedenklich.

Im günstigsten Fall ist das alles nach zwei, drei Sekunden vorbei. Im ungünstigsten Fall rappelt es für Minuten. Auch der Blick nach draußen ist dann wenig beruhigend. Denn im Extremfall biegen sich die Flügel und schwingen unter der Belastung.

Luftlöcher und Turbulenzen sind eine Art Kraftfutter für die Flugangst. Gegen sie wirkt eigentlich nur ein Mittel: Man muss verstehen, was passiert. Denn das ist zwar beeindruckend, aber fast immer halb so schlimm, wie es sich anfühlt.

Was sind Turbulenzen eigentlich?

Piloten sprechen grundsätzlich nicht von Luftlöchern, denn Löcher gibt es im Luftraum nicht. Sie nennen das Turbulenzen und warnen oft schon vorab davor. Vereinfacht gesagt sind das die spürbaren Konsequenzen von Luftbewegungen, durch die sich der Flieger bewegt.

Wir alle wissen, dass Luft nicht bewegungslos im Raum steht: Das Gas um uns herum bewegt sich ständig. Tut es das spürbar, nennen wir es Wind.

Wir wissen auch, dass sich Luft in unterschiedlichen Höhen nicht unbedingt in dieselbe Richtung bewegt. Lassen wir einen Luftballon steigen, ändert der oft Richtung und Geschwindigkeit, wenn er Höhe gewinnt. Luft bewegt sich also in Schichten und oft in unterschiedliche Richtungen, manchmal sogar in entgegengesetzte. Herrscht viel Bewegung, spricht man von einer "instabilen Schichtung". Salopp könnte man das auch Wirrwarr nennen: Ein Flugzeug, das da hindurchfliegt, kann rappeln wie ein Auto auf Kopfsteinpflaster.

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Luftlöcher: Wenn der Flieger rappelt

Woher kommen die Fallgefühle?

Bewegung herrscht nicht nur in der Horizontalen. Es gibt auch Winde, die auf- oder abwärts wehen. Warme Luft steigt - wir kennen das als Thermik. Kühle Luft sinkt hingegen - wir kennen das von den Fallwinden, die Berge hinabwehen. Wo solche Strömungen aufeinandertreffen, reiben sie sich aneinander, es kommt zu Verwirbelungen und "Riffeln", die zusätzliche Unruhe verursachen können.

Jetzt stellen Sie sich vor, was passiert, wenn ein Flugzeug in so einen Auf- oder Fallwind fliegt: Es hebt oder drückt die Maschine ein Stück. Allerdings in aller Regel in sehr viel geringerem Maße, als man denkt - da stimmt etwas mit unseren Gefühlen nicht.

Was sich wie eine erhebliche Höhenveränderung anfühlt, ist meist ein Absacken oder Steigen der Maschine um wenige Meter. Gefühlt ist das oft viel mehr, weil wir unsere Bewegungsrichtung kurzzeitig, aber bei sehr hoher Geschwindigkeit ändern.

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit 60 km/h durch eine Senke in der Straße. Und dann stellen Sie sich vor, wie sich die selbe Senke mit 160 km/h anfühlt. Wie stark und heftig wir eine Richtungsänderung empfinden, hängt also offensichtlich auch von der Geschwindigkeit ab, mit der wir uns bewegen. Bei 800 km/h reicht eine kleine Höhenveränderung, um mit relativ viel Kraft aus dem Sitz gehoben oder hineingepresst zu werden.

Der Schreck darüber beruht auf einer Fehleinschätzung: Unsere Sinne täuschen uns, weil sie die gefühlten Kräfte mit unserer Normalität vergleichen. Sie fragen quasi: Wie tief müsste ich fallen, um dieses Gefühl zu haben? Bei 800 km/h liefern sie uns eine Antwort, die uns erschreckt. Wir glauben, Dutzende oder Hunderte Meter abzusacken, weil sich die Kraft eben so groß anfühlt - und können kaum glauben, dass es doch nur drei, fünf oder zehn Meter waren.

Kurzum: Viele der erschreckenden Gefühle, die unsere Flugangst füttern, beruhen auf "Fehlmessungen" unserer körpereigenen Sensoren - wir verschätzen uns schlicht.

Gibt es gefährliche Turbulenzen?

Aber natürlich gibt es auch ernstere Turbulenzen. Stürme sind offensichtlich riskant. Auch in ganz normalen Gewittern kommt es zu Auf- und Abwinden, die Geschwindigkeiten von bis zu 180 km/h erreichen können. Das ist auch der Grund, warum Sie das normalerweise nicht erleben werden: Wenn es irgendwie möglich ist, umfliegen Passagierflugzeuge solche Zonen weiträumig.

Vorab nicht zu erkennen sind auch die sogenannten Clear Air Turbulences (CATs), die nur in großen Höhen auftreten. Oft beruhen diese auf sogenannten Schwerewellen: Für den Flieger ist das wie eine unsichtbare Brandung. Riskant sind CATs, wenn man nicht gewarnt ist und beispielsweise unangeschnallt auf dem Gang von dem Geruckel überrascht wird.

Fallen CATs schwer aus, versuchen Piloten, durch Höhenanpassung ruhigere Schichten zu finden. Selbst vor CATs wird im Flieger aber meist gewarnt: Sobald ein Flugzeug in so etwas hineingeraten ist, warnt es per Funk alle anderen.

Wie gefährlich ist das alles?

Das Flugzeug hält das alles aus, es ist dafür gebaut. Der letzte Absturz einer großen Passagiermaschine, den man auf Turbulenzen zurückführte, war 1997. Aus den letzten zwei Jahrzehnten sind weltweit zwei Todesfälle durch Turbulenzen aktenkundig. Kleinere Verletzungen gibt es natürlich immer wieder einmal. Unter dem Strich aber sind "Luftlöcher" weit ungefährlicher, als man fürchtet oder als es sich anfühlt.

Sie sind Fliegeralltag. Viele Piloten mögen es sogar, wenn ein paar leichtere Turbulenzen auftreten - es ist weniger langweilig, als stundenlang stur geradeaus zu fliegen.

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23 Leserkommentare
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