Luftverkehr 2009 Zahl der Toten durch Flugzeugunglücke steigt an

Erstmals seit drei Jahren sind weltweit wieder mehr Menschen bei Flugzeugunglücken ums Leben gekommen als im Vorjahr. Die schlimmsten Abstürze passierten im Iran, vor den Komoren und über dem Atlantik - in Südamerika und Afrika sah die Bilanz besser aus als zuvor.

Suchtrupps vor den Komoren: Bei einem Absturz starben hier 141 Passagiere
AFP

Suchtrupps vor den Komoren: Bei einem Absturz starben hier 141 Passagiere


Hamburg - Im Jahr 2009 starben 766 Menschen bei Flugzeugunglücken, 2008 waren es nur 598. Das geht aus der Sicherheitsbilanz 2009 des deutschen Unfalluntersuchungsbüros Jacdec hervor, die das deutsche Magazin der Zivilluftfahrt, "Aero International", am Mittwoch veröffentlicht hat. 2007 verunglückten 751 Passagiere und Besatzungsmitglieder tödlich, 2006 waren es 876.

Damit wurde der in den vergangenen Jahren positive Trend im Unfallgeschehen vorerst gestoppt. 2005 wurden weltweit noch 1054 Tote im Luftverkehr gezählt, danach waren die Zahlen immer weiter gesunken. Der schwerste Unfall im vergangenen Jahr war der Absturz eines Airbus A330-200 der Air France am 1. Juni rund 1000 Kilometer nordöstlich der brasilianischen Küste. Dabei kamen 228 Menschen ums Leben. Insgesamt um 20 Prozent zurückgegangen ist jedoch die Zahl schwerer Unfälle, bei denen an Flugzeugen Totalschaden entstand.

Die wenigsten schweren Unglücke ereigneten sich in Europa. Hier gab es neun Tote, als nahe Amsterdam eine türkische Boeing 737 vor der Landebahn auf ein Feld stürzte. Der zweite Unfall einer europäischen Airline - allerdings außerhalb Europas - war der Airbus-Absturz der Air France. Die Ursache ist nach wie vor ungeklärt

Zu den schlimmsten Luftfahrtkatastrophen des Jahres 2009 gehörte auch der Absturz einer Tupolew Tu-154M der Caspian Airlines am 15. Juli nahe Kaswin im Iran, bei dem alle 156 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder starben. Der Pilot hatte kurz nach dem Start Richtung Eriwan technische Probleme. Wenig später prallte es nach einem Sturzflug auf dem Boden auf und zerbrach in mehrere Teile.

Wunderbare Rettung einer 14-Jährigen

Beim Absturz eines Airbus A310-300 der Yemenia Airways am 30. Juni beim Landeanflug auf den Komoren-Flughafen Moroni kamen 141 Passagiere und elf Crewangehörige ums Leben. Ein Wunder war die Rettung eines 14-jährigen Mädchens aus dem Meer, das mit leichten Verletzungen überlebte. Die Unfallursache ist bis heute ungeklärt. Zu den schweren Unglücken gehörte ferner der Absturz einer Bombardier Q400 der Colgan Air am 12. Februar bei Buffalo im US-Bundesstaat New York. Dabei starben alle 49 Flugzeuginsassen sowie ein Mensch in einem Wohnhaus.

Nur vier der 28 Insassen einer Embraer EMB 110 der Manaus Aero überlebten einen Absturz bei San Antonio in Brasilien. Das Flugzeug streifte bei schweren Regenschauern beim Versuch einer Notlandung auf einer Graspiste in Manacapuro die Baumwipfel und stürzte in den Amazonas.

Zu hohe Geschwindigkeit beim Aufsetzen war die Ursache für den Unfall einer Iljuschin IL-62M der Aria Air am 24. Juli beim Anflug auf Mashhad im Iran. Dabei wurde der vordere Rumpfteil total zerstört. Alle 13 Piloten und Flugbegleiterinnen, die im vorderen Bereich saßen, sowie drei Passagiere starben; überlebt haben 137 Insassen. Zwei Tage nach dem Unfall wurde der Aria Air die Fluggenehmigung entzogen.

Verbesserungen in Südamerika

Europa war zwar, wie "Aero International" berichtet, abermals eine der sichersten Regionen im Luftverkehr, aber auch woanders in der Welt gab es positive Veränderungen. Ausgerechnet Lateinamerika, das jahrelang als eines der schwarzen Schafe im Luftverkehr galt, schnitt im vergangenen Jahr relativ gut ab. Nur 3,7 Prozent aller Unfalltoten gab es in Süd- und Mittelamerika. Nordamerika, wo es nach wie vor mit Abstand den meisten Luftverkehr gibt, zählte nur zwei Flugzeugunfälle mit tödlichem Ausgang.

Auch die Bilanz Afrikas, das jahrelang eine der unsichersten Regionen auf dem Globus war, sieht besser als bisher aus. Knapp ein Viertel aller Unfalltoten wurde hier registriert. Negativer Spitzenreiter war 2009 die Region des Nahen und Mittleren Ostens. In diesem Teil der Welt starben 195 Menschen durch Flugzeugunfälle, die meisten im Iran. Als wesentliche Unfallursache sehen die Experten die Überalterung der Flugzeugflotten des Iran. Das Durchschnittsalter der Flugzeuge der islamischen Republik liegt bei 22,5 Jahren - in den EU-Ländern beträgt der Durchschnitt etwa zehn Jahre.

Trotz der 766 Luftverkehrstoten des Jahres 2009 hat sich nach Einschätzung der Fachleute die Sicherheitslage nicht verschlechtert. Von den 60 größten Fluggesellschaften der Welt hatten nur zwei einen tödlichen Unfall: Air France und die türkische THY.

Zugleich erinnern die Unfallstatistiker daran, dass die Zahl von 766 Luftverkehrstoten in einem Jahr immer noch vergleichsweise gering ist. So starben 1985 noch 1801 und 1996 sogar 2272 Menschen bei Flugzeugunglücken. Günther Matschnigg, Vizepräsident der Internationalen Lufttransportvereinigung, sagte dazu in dem Bericht des Magazins: "Ein Passagier, der jeden Tag einmal fliegt, müsste 4807 Jahre unterwegs sein, um in einen Unfall verwickelt zu werden."

Karl Morgenstern, dpa



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