Zugausfälle Mainzer Bahnchaos könnte bis Ende August dauern

Seit einer Woche ist Mainz abends und nachts fast vom Fernzugverkehr abgeschnitten - wegen Personalmangels bei der Bahn. Der Zustand soll länger andauern als zunächst gedacht.

DPA

Mainz/Frankfurt am Main - Ab 20 Uhr am Abend rauscht so mancher Mainzer Pendler an seinem Heimatbahnhof vorbei. Personalmangel wegen Krankheit und Urlaubszeit, so begründet die Deutsche Bahn den Zustand. Zunächst sollten die abendlichen und nächtlichen Einschränkungen des Fernverkehrs bis Sonntag andauern. Nun sieht es nach einem wochenlangen Desaster aus. Gewerkschaft, Politiker und Verbraucherschützer protestieren.

"Ich gehe davon aus, dass es auch in der nächsten Woche zu Einschränkungen kommen wird", sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Rheinland-Pfalz und das Saarland, Jürgen Konz, am Mittwoch in Bad Kreuznach. Wie weitgehend die Beeinträchtigungen für Fahrgäste sein werden, stehe noch nicht fest. Dagegen teilte der Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz-Süd unter Berufung auf die Bahntochter DB Netz mit, die Einschränkungen würden sogar bis 30. August andauern.

Seit Freitag ist der Mainzer Hauptbahnhof von Fernzügen in der Nacht nahezu abgekoppelt. In der Zeit von 20 bis 6 Uhr fahren ICE und IC und die meisten Regionalzüge den Bahnhof nicht an. Nur einige Schlafwagenzüge und wenige IC-Züge stoppen laut Bahn. Das Unternehmen spricht von einem Sonderfall und begründet die Probleme mit einem nicht vorhersehbaren hohen Krankenstand während der Urlaubszeit - das Stellwerk könne nicht ausreichend besetzt werden. "Ein ähnlicher Vorfall ist mir nicht bekannt", sagte eine Sprecherin in Frankfurt.

Bundesnetzagentur hat Untersuchung eingeleitet

Mainz sei kein Einzelfall, widerspricht der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, Alexander Kirchner. Auch in anderen Regionen habe der Zugverkehr wegen Personalunterbestands bereits eingeschränkt werden müssen. Die Gewerkschaft wirft der Bahn vor, sie habe aus Kostengründen vor der absehbaren Entwicklung die Augen verschlossen. Es fehlten derzeit rund tausend Fahrdienstleiter. In der Folge seien rund eine Million Überstunden bei den Beschäftigten aufgelaufen. So seien Ausfälle wegen Krankheit absehbar gewesen.

Ein Sprecher der Bundesnetzagentur bestätigte, die Klagen über Personalmangel in den Stellwerken und Zugausfälle seien seit längerem bekannt. Eine Untersuchung sei eingeleitet worden, weil sich schon im vergangenen Jahr Bahn-Konkurrenten deswegen über Einschränkungen auf den Strecken beschwert hätten. Über Details werde aus einem laufenden Verfahren nicht berichtet, sagte der Sprecher weiter.

Die Bahn gibt an, sie habe ein Problem mit einer Überalterung der Belegschaft, deren Durchschnittsalter liegt bei 46 Jahren. Bei der Tochter DB Netz, bei der in den vergangenen Jahren der Personal besonders stark ausgedünnt und auf Neueinstellungen verzichtet wurde, macht sich die Überalterung noch deutlicher bemerkbar.

In den nächsten zehn bis 15 Jahren scheiden hier laut Bahn-Unterlagen rund 18.000 Mitarbeiter altersbedingt aus. Das Unternehmen versucht daher, neue Fahrdienstleiter auch in Schnellkursen auszubilden, und greift dabei etwa auf Ex-Mitarbeiterinnen der früheren Drogeriekette Schlecker oder auf ehemalige Bundeswehrangehörige zurück.

"Rheinland-Pfalz macht Ferien, und die Bahn macht mit"

Bahn-Vorstand Rüdiger Grube schützt das nicht vor einer Protestwelle aus der Politik. Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) teilte mit: "Wir mussten fassungslos miterleben, wie die Deutsche Bahn in der Landeshauptstadt einfach mal den Stecker zieht und einen hochfrequentierten Hauptbahnhof vom Fernverkehrsnetz nimmt." Mainz sei nicht nur zentraler Wohnort für rund 200.000 Menschen, davon nahezu 40.000 Studierende, sondern aufgrund seiner Lage im Flächenland Rheinland-Pfalz auch zentraler Umsteigepunkt in die ländliche Großregion.

Auch die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz kritisiert das Unternehmen: "Rheinland-Pfalz macht Ferien, und die Bahn macht mit." Es sei völlig unverständlich, dass das Unternehmen einen solchen personellen Engpass nicht ausgleichen könne. Die betroffenen Bahnkunden könnten wegen der Verspätungen den Ticketpreis zum Teil zurückfordern, das gilt auch für Inhaber von Zeitkarten. Auf ihrer Webseite geben die Verbraucherschützer Tipps und bieten Beratung an.

Die Bahn hat für das Chaos in Mainz um Entschuldigung gebeten. "Für die derzeitigen Einschränkungen möchte ich mich entschuldigen", antwortete ein Mitarbeiter auf Facebook auf Beschwerden einer Nutzerin. Bereits am Dienstag hatte Bahn-Sprecher Achim Stauß im ZDF gesagt: "Wir können uns im Moment bei den Kunden nur entschuldigen und dafür sorgen, dass die Situation sich möglichst schnell ändert." Das sieht bisher allerdings nicht so aus.

Fahrgäste können sich über www.bahn.de/aktuell beziehungsweise unter www.mittelrheinbahn.de für die Züge der Regionalbahn zwischen Mainz, Bingen und Koblenz über den aktuellen Stand informieren.

abl/dpa/Reuters

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insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
Velociped 08.08.2013
1. Sparen auf Teufel komm raus
Ob bei der S-Bahn Berlin, dem Zugmaterial oder an Hauptknoten des Fernverkehrsnetz - es wird auf Teufel komm raus gespart und wenn dann mal ein Mitarbeiter mehr als üblich krank ist, ist keine Reserve da. Läge die Ursache tatsächlich nur in einem hohen Mainzer Krankenstand, könnte Personal aus anderen Orten in Mainz aushelfen. So scheint es aber überall deutlich zu wenig Personal zu geben, so dass eine Aushilfe nicht möglich ist.
schlachtross 08.08.2013
2. Alle reden übers Wetter...
Nachdem die Bahn sich nicht mehr mit dem lächerlichen "Sänkyu for trävellink wiz Deutsche Bahn" in das Bewusstsein der Kunden arbeitet, möchte sie jetzt so 'überzeugen'. Ey, da werden die Mainzer aber sicher gerne über den Rhein nach Wiesbaden oder zum Flughafen Frankfurt fahren, um von der Bahn transportiert zu werden. :-)
charlybird 08.08.2013
3. Solange sich das Management
der Bahn ausschließlich an den Bilanzen orientiert und das steht bei der Monopolstellung zu befürchten, wird sich die Orientierung am Kunden weiter verschlechtern. Aus der Bahn ist ein furchtbares Monstrum geworden, wenn es denn wenigstens ein pünktliches wäre.
felisconcolor 08.08.2013
4. Bahn fahren
ist gut, ist ökologisch, ist sozial, ist spannend.... So etwas kann sich auch nur ein "Privat"Unternehmen leisten. Bitte kommt mir nicht mehr mit dem ganzen Quatsch. Wenn auch nur ein Politiker wirklich Interesse daran hätte den Nah- und Fernverkehr per Bahn zu favorisieren, sähe es wohl anders aus. Und gleichzeitig wird der Individualverkehr, ohne den es wie man ja hier sieht auch nicht geht (mein Arbeitgeber würde mir was Husten wenn ich sag ich komme heute nicht "die Bahn hat Urlaub", fast in den Bereich der sozialen Illegalität gedrängt.
axlban 08.08.2013
5. die bahn hält durch
In Berlin hält die S Bahn schon seit 2009 durch! Wenn sie keine Kosten haben möchte, wird der garantierte Verkehr halt eingeschränkt! Der Senat kürzt die zu überweisende Summe ein klein wenig, tut aber so gut wie nichts um die Bahn richtig unter Druck zu setzen. Also liebe Mainzer, viel Glück in den nächsten Jahren!
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