Mallorca per Rennrad: Lieber tot als Zweiter

Von Jürgen Löhle

Mallorca im Frühjahr hat seinen ganz eigenen Charme, vor allem für Radfahrer. Zu Tausenden holen sich hier ambitionierte Rennradler die nötige Frühform - um sie postwendend mit gutem Essen und Wein wieder zu ruinieren.

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Radler auf Mallorca: Bis die Herzklappe wummert
"Ganz locker", sagt Wilfried und klickt seinen linken Fuß ins Pedal, "jetzt bloß keinen Stress, nur rollen." Dann klickt er auch das rechte Bein ein und fährt langsam an. Schön, denke ich, nach einer hübschen Platte mit Boquerones (marinierten Sardinen), würzigem Bergschinken, Oliven, Aioli, Bauernbrot und zwei Glas Rosado ist locker genau das richtige Tempo für die letzten leicht abfallenden zwölf Kilometer zum Hotel in Costa Calma.

Zwei Minuten später leide ich unter akuter Atemnot, in meinem Bauch mischt sich Rosado mit Aioli zu einer ziemlich üblen Mischung. Der wahnsinnige Wilfried tritt vorne in die Pedale, als seien sie sein persönlicher Feind. Tempo 38, Tendenz steigend. "Loch zufahren!", schreit Carsten von hinten. Das ist keine Aufmunterung, sondern ein Befehl. Mit letzter Kraft kämpfe ich mich auf meinem superleichten Hightech-Rad in den Windschatten von Wilfried, hinter mir höre ich das Hecheln der anderen.

Geschafft, es geht ein wenig leichter, der Zug aus sechs Radlern steht wieder, und wenn ich im Hotel noch am Leben bin, werde ich dem rasenden Herrn Wilfried ein paar nette Worte sagen. Zum Glück habe ich für 17 Uhr eine Massage für die frisch rasierten Beine gebucht. Ich würde jetzt auch sehr gerne die kleine Dose Cola trinken, die ich für den Fall akuten Zuckermangels in der Trikottasche habe, aber ich kann nicht die Hand vom Lenker nehmen, sonst verliere ich den Anschluss.

Bis die Herzklappe wummert

Aber man hätte das wissen können. Mallorca ist von Anfang Februar bis Ende April fest in der Hand von Rennradlern, und denen ist eines gemein. Sie sprechen eine sehr spezielle, mitunter unverständliche Sprache. "Locker" heißt treten, bis die Herzklappe wummert, "kurz und flach" meint 100 Kilometer mit mindestens vier langen Anstiegen, und so weiter. Genau gezählt werden die Radler nicht, aber Touristik-Experten auf der Insel sprechen von deutlich mehr als 100.000 pro Frühjahrssaison. Mildes Klima, nur etwa zwei Stunden Flug und eine in vielen Jahren gewachsene Infrastruktur mit gut ausgebauten Wegen für ambitionierte Radfans machen die Insel zum Ziel für alle, die sich früh im Jahr in Form für den Sommer bringen wollen.

Die Motivation dafür ist allerdings höchst unterschiedlich: Da sind die Wochenendradler, die sonntags endlich einmal ihren Trainingspartner am Berg abhängen wollen. Solche Menschen stehlen sich oft heimlich von zu Hause weg, erzählen etwas von einer Fortbildung und härten auf der Insel ihre Waden. Zurück zu Hause drängen sie dann auf eine rasche Radel-Ausfahrt und zeigen dem Nachbarn mal so richtig das Hinterrad. Das macht Spaß. Ich denke, Wilfried gehört zu dieser Gruppe.

Die meisten sind allerdings Menschen, die einfach gerne Rennrad fahren und auch im Winter nicht auf ihr Hobby verzichten wollen. Und das entspannt. Für sie gibt es überall auf der Insel verteilt Hotels mit angeschlossener Radvermietung, geführte Touren, Massagen, Vorträge von ehemaligen Rennfahrern - und etwa 15 Reiseveranstalter, die ihrer Kundschaft alles rund ums Velo anbieten.

Schnelltouren mit Ex-Profis

Die Idee ist immer dieselbe: Der Kunde fährt in einer geführten Gruppe mit einem von ihm gewählten Tempo zwischen 40 und 170 Kilometer am Tag. Das geht von gemütlichem Radwandern mit 16 km/h im Schnitt bis hin zu ambitioniertem Fahren mit ehemaligen Profis als Zugmaschinen vorne dran. Da geht es dann mit bis zu 30 km/h Durchschnittstempo über Berg und Tal.

Der Kunde teilt sich einer Gruppe zu, wie er mag und kann. Und wer für eine Woche nicht sein Rennrad flugtauglich ab- und wieder aufbauen will, findet Mieträder in einer Qualität, wie man sie kaum zu Hause selbst fährt. Und das für zwischen 70 und 110 Euro pro Woche. Verteilt sind die Anbieter in der Nähe von Palma und über die ganze Insel.

Der Unterschied liegt vor allem in der Landschaft. In der Mitte und im Nordosten sind die Strecken, wenn man will, tendenziell leichter, weil flacher. Im Südwesen, im Dreieck Palma, Andratx, Valldemossa, ist es bergiger und landschaftlich spektakulärer.

Tempo und Testosteron

Mein Fehler war, nicht mit einer geführten Gruppe, sondern mit Individualisten zu radeln. In solchen Gruppen gibt es keinen, der vorne ein gleichmäßiges Tempo macht, sondern Männer, die immer, wenn sie noch ein bisschen Luft haben, Testosteronwölkchen versprühen müssen und Tempo bolzen. Dabei ist es wirklich schön hier im Südwesten der Insel - wenn man Zeit für einen Blick auf die Landschaft hat.

Wir starten in Costa Calma an einem kühlen Morgen. Blauer Himmel, knapp unter zehn Grad. Einrollen auf dem breiten Radweg Richtung Calvia. Schon nach wenigen Kilometern hinter der Küste scheint es nur noch Ruhe und keine Autos mehr zu geben. Wir rollen auf Nebenstraßen durch welliges Gelände, vorbei an Fincas, hinter deren hüfthohen Steinmauern die Mandelbäume blühen. Noch ist Ruhe im radelnden Männervolk.

Plötzlich naht von hinten eine Gruppe Radprofis des holländischen Teams Rabobank. Die Herren sind zum Training auf der Insel, tragen heiteres Orange, Pudelmützen statt Helme, fahren exakte Zweierreihe und unterhalten sich paarweise wie Hausfrauen im Supermarkt. Locker pedalieren sie vorbei, einer von uns wird nervös und hängt sich mit stierem Blick hintendran. Profis mögen das nicht, aber Klaus ist das egal. Am Abend im Hotel wird er erzählen, dass sie ihn nicht abschütteln konnten und dabei strahlen wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum.

Bundesliga-Treff in Peguera

Nach einer veritablen Steigung hinter Calvia, bei der die Herren oben drei Minuten auf mich warten mussten, rollen wir hinunter nach Port Andratx, das Klein-Düsseldorf von Malle, mit einem deutschen Immobilienbüro neben dem anderen. Im Hafen sitzen schwarz gekleidete Mallorquiner in mit Plastikplanen gegen den Wind geschützten Straßencafés und wundern sich über die Ausländer, die in seltsam bunten Trikots in für sie grausiger Kälte Rad fahren.

Wir gönnen uns einen Café con leche und schauen auf das Thermometer an der Apotheke. 14 Grad um 11.30 Uhr. Wilfried schickt sofort eine SMS mit der Information nach Hause und zeigt strahlend die Antwort. "Hier schneit es bei Minus drei Grad." So soll es sein. Weiter geht es über Camp de Mar nach Peguera, wo sich das Radlervolk samstags zum Bundesliga-Schauen in deutsch geführten Cafés mit Sky-Abonnement trifft.

Da heute Montag ist, gibt es keine Pause. Dafür den Anstieg vom Meer hinauf nach Es Capdella. Nichts grausig schwieriges, aber nach knapp 40 Kilometern früh im Jahr stellt sich doch ein leichtes Ziehen im Oberschenkel ein. Bei den anderen auch, trotzdem wird wieder attackiert, sobald die Straße ansteigt. Das ist anscheinend immer so, wenn Männer radeln. Lieber tot als Zweiter. Wilfried ist ein bisschen zu schwer für den Berg und muss sich von mir abhängen lassen. Ich fühle mich wie Lance Armstrong, werde meine Frechheit aber nachher büßen müssen - siehe oben.

Pause: Nach 45 Kilometern wird der Trainingserfolg in der Bar Nous mit Alkohol und leckerem Essen neutralisiert. Ein bisschen unverständlich, aber das gehört zum Radeln dazu, genau wie die seltsame Sprache. Wir sitzen in der Sonne bei 17 Grad und erfreuen uns am Rosado. Auf meine Frage, was das mit dem Alkohol soll, bekomme ich eine einfache Antwort. Laut Wilfried reinigt das die Blutgefäße. Und außerdem: "Morgen ist auch noch ein Tag."

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insgesamt 15 Beiträge
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1. wie in Laufcamps
MadMad 04.03.2010
Ich denke das hat auch mehr mit einem Traum vom erfolgreichen Rennradfahrer zu tun als mit der Realität selbst. Bei Laufcamps ist es das gleiche. Da gibt es Läufer, die meinen mit einem Camp kann man monatelanges Laufen zumindest teilweise ersetzen. Andererseits lass sie doch, der Veranstalter macht Umsatz, die Sportler kommen hoffentlich wieder und die ansässige Gastronomie ist auch zufrieden. Alles ok, oder ? MadMad von www.diemeinungen.de
2. sehr guter Artikel
janos71 04.03.2010
Zitat von sysopMallorca im Frühjahr hat seinen ganz eigenen Charme, vor allem für Radfahrer. Zu Tausenden holen sich hier ambitionierte Rennradler die nötige Frühform - um sie postwendend mit gutem Essen und Wein wieder zu ruinieren. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,678552,00.html
Ein sehr guter Artikel. Mallorca im Frühjahr mit dem Rennrad in der Gruppe ist bei gutem Wetter einfach traumhaft. Insbesondere der Küstenklassiker durch das Tramuntana Gebirge macht riesig Spass. Viele Beschreibungen im Artikel kann ich bestätigen. Jedoch sind wir meistens mit einem Guide unterwegs, so dass Spiele nach dem Motto "Wer ist der schnellste" erst gar nicht aufkommen. Warum auch, die Kondition fuer die kommende Saison bekommt man nicht durch eine Woche Mallorca Training da benoetigt es schon einen viel längeren Zeitraum. Für mich steht da eher die schöne Landschaft, die milden Temperaturen, das Fahren in der Gruppe und das erste mal richtig Sonne tanken im Vordergrund.
3. Schöner Bericht
fabchief 04.03.2010
Ich muss zugeben, ich konnte mich in dem Bericht durchaus wiedererkennen.... Gut gemacht!
4. Sünder sind wir alle
albert schulz 04.03.2010
Er hat die Zigaretten vergessen. Ich kann mich an eine mehrtägige Ausfahrt bis zu zweihundert Kilometern am Tag erinnern, bei der eine Reihe ehemaliger Spitzenamateure mitmachten. Am Abend hatte ich wohlweislich meine Zigaretten nicht mitgenommen, um einen guten Eindruck zu machen. Und nach und nach holte jeder sein Päckchen raus. Alkohol und Nikotin scheinen recht beliebte Methoden, die Bewegungslust runterzuregeln. Noch ein ärztlicher Tip. Radfahren kann man auch noch, wenn man wegen Verschlüssen in den Beinarterien nicht mehr rennen kann. Das hat einen einfachen Grund: Man benötigt die Unterschenkel beim Radfahren nicht so sehr. Ähnliches gilt für den Skilanglauf.
5. Klasse Beitrag!
realheld 05.03.2010
...sehr gelacht beim lesen! Morgen geht's für mich das erste mal zum Radsport nach Malle. Wir fahren in einer durchaus gemischten Gruppe mit so 1-2 potenziellen Attackierern. Die Erfahrungen dieses Beitrages werde ich sicher auch machen, nur dass es den Alkohol und die Zigaretten erst am Abend geben wird. :-)
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Rennrad-Reisen auf Mallorca
Fünf ausgewählte Veranstalter von Rennradreisen im Frühjahr auf Mallorca. Die Saison beginnt bei den meisten Anfang Februar und endet zwei Wochen nach Pfingsten.
Easy Tours
Easy Tours, Böblinger Straße 56, 71088 Holzgerlingen, Tel.efon: 07031/41 06 80, www.easy-tours.de. Stationen in Alcudia, Sa Coma und Playa de Palma.
Bicycle Holidays
Bicycle Holidays Max Hürzeler, Seestraße 96 CH-8610 Uster, Telefon: 0041/44/5003737, www.bicycle-holidays.com. Stationen in Alcudia, Can Picafort, Colonia S. Jordi, Playa de Palma, Peguera, Puerto Pollensa, Puig de Ros, Sa Coma.
Philipp’s Bike Team
Philipp’s Bike Team, Salzufler Straße 88, 33719 Bielefeld, Telefon: 0521/5577110, www.radferien-mallorca.com. Stadionen in Santa Ponca und ein Finca in der Nähe von Es Pillari bei Palma.

Luxcom
Luxcom, Avda. Jaime III, 17. E-o7012 Palma, Telefon: 0034/971/425359, www.luxcom-mallorca.com. Staionen in Port d’Alcudia und Playa de Palma.
Gusti Zollinger
Gusti Zollinger, Bünte 39 CH-5306 Tegerfelden, Telefon: 0041/56/2686260, www.gustizollinger.ch. Station in Colonia Sant Jordi.

Mallorca

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Neu bei SPIEGEL ONLINE: Jeden Monat stellen wir Ihnen ein Urlaubsziel vor, dessen Besuch sich zu der Zeit besonders lohnt. Im März: Wander- und Badeinsel Mallorca.


Reiseziel Mallorca
Einreiseinfos und Zeitzonen
Mallorca liegt in der mitteleuropäischen Zeitzone (MEZ). Es gibt somit keinen Zeitunterschied zu Deutschland.
Beste Reisezeit
Mit seinen knapp 300 Sonnentagen im Jahr bietet Mallorca eine lange Reisesaison. Wer einsame Strände und Wildblumen erleben möchte, sollte Mallorca im März und April besuchen. Angenehm warm ist das Wasser allerdings erst ab Mitte Mai. Die angenehmste Reisezeit ist wohl der Juni: Das Wetter ist schön, und das Meer lädt zum Baden.

Im Juli und August ist es mit durchschnittlich 29 Grad Celsius sehr heiß auf Mallorca, außerdem sind die Strände und Cafés überfüllt. Im September kühlt es ab, es besteht aber auch die Gefahr von Regenschauern und Stürmen.

Für Wanderer und Radfahrer empfiehlt sich neben dem Frühjahr besonders der Herbst als Reisezeit. Im Oktober ist die Luft mild, und das Wasser hat noch bis in den November hinein Badetemperatur. Individualisten sollten Mallorca im Dezember besuchen, um noch ein paar schöne Sonnentage ohne Vorweihnachtsstress zu genießen.
Highlights
Nicht nur für Party-Touristen lohnt sich ein Abstecher nach Palma, der größten Stadt Mallorcas. Neben einem lebendigen Nachtleben bietet die Stadt viele Sehenswürdigkeiten wie etwa die "Kathedrale des Lichts" - eines der imposantesten Bauwerke Spaniens.

Eine sehr hübsches Stadtchen ist Valldemossa, berühmt für sein ehemaliges Kloster, indem schon Frédéric Chopin mit seiner Geliebten George Sand wohnte.

Im Südwesten zeigt die Insel ihre stille Seite. Ausgehend vom Badeort Sant Elm können Wanderer hier entlang der Küste mit Blick auf die Dracheninsel bis zur Klosteranlage Sa Trapa aufsteigen.

Individualreisende lieben das ländliche Inselinnere. Wer den 543 Meter hohen Tafelberg Puig de Randa erklimmt, wird belohnt: mit einem weiten Ausblick und mit dem Licor Randa, einen Kräuterlikör, den es nur dort oben gibt.

Den Sonnenaufgang beobachtet man am besten in den frühen Morgenstunden am Cap de Formentor, einer ganz im Norden gelegenen felsigen Landzunge.
Festivals und Veranstaltungen
Das wichtigste Fest der Insel ist Ostern. Die Karwoche - "Semana Santa" - wird in praktisch allen Gemeinden mit farbenfrohen Prozessionen gefeiert.

Wer es blutrünstig mag, sollte das Kostümfest der Bewohner von Sóller besuchen. Jedes Jahr im Mai spielen sie ihren Sieg gegen die maurischen und türkischen Piraten 1561 mit Säbeln und viel Kampfgeschrei nach.

Ein besonderer Tipp ist auch das "Torrent de Pareis", ein mallorquinisches Konzert, das immer im Juli an der Mündung der Wildwasserschlucht Torrent de Pareis stattfindet, wenn diese von der Hitze ausgetrocknet ist.
Reiseinfos
Viele Informationen rund um Gastronomie, Sport und Einkaufen bietet die Internetseite des Tourismusportals der Balearen www.illesbalears.es. Schön übersichtlich ist auch die kommerzielle Internetseite www.mallorca.de. Für Kulturliebhaber empfiehlt sich die offizielle Kulturseite der Balearen www.balearsculturaltour.es.
Anreise und Transport
Mallorca ist so ein beliebtes Reiseziel, dass es von den meisten Fluggesellschaften angeboten wird. Der Flug bis zum internationalen Flughafen Son Sant Joan dauert circa zwei bis drei Stunden, je nach Abflugort. Alternativ ist aber auch die nicht ganz billige Anreise mit dem Schiff möglich. Von Barcelona dauert die Überfahrt nach Palma je nach Fähre vier oder acht Stunden. Für Urlauber ohne eigenes Auto ist immer ein Platz auf der Fähre der Gesellschaft Trasmediterránea www.trasmediterranea.es frei. Wer mit dem Auto übersetzt, sollte jedoch vorab buchen.