Marco d'Eramo zur Reiselust "Wir alle hassen Touristen"

Touristen sind immer die anderen. Über dieses Paradoxon grübelt Marco d'Eramo in seinem neuen Buch. Der italienische Publizist kennt sich aus: Er wohnt neben dem Kolosseum in Rom.

Touristen im Kolosseum in Rom
Stefano Montesi/ Getty Images

Touristen im Kolosseum in Rom

Ein Interview von


  • Suhrkamp Verlag
    Marco d'Eramo, geboren 1947, ist Autor und Journalist. Er schrieb unter anderem für "La Repubblica" und "L'Espresso". Der Soziologe ist Mitbegründer der italienischen Zeitung "Il Manifesto". Er arbeitete lange als Korrespondent in Paris und zuletzt 20 Jahre in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen gerade auf Ihrem Balkon in Rom. Was sehen Sie?

D'Eramo: Hundert Meter entfernt das Kolosseum, dahinter die sieben Hügel des Palatin und den Gianicolo. Auf der anderen Seite die Piazza Venezia und in der Ferne den Petersdom.

SPIEGEL ONLINE: Sie wohnen also direkt im Zentrum. Wie genervt sind Sie von Touristen?

D'Eramo: Ich sehe sie gar nicht! Wir wohnen in einem der oberen Stockwerke, damit habe ich eine Art Pufferzone um mich herum. Mein Haus zeigt übrigens, wie der Tourismus die Stadt geprägt hat: Vor 15 Jahren wohnten hier nur Leute aus der Mittelschicht, nun sind ein Drittel Ferienwohnungen. Aber das Problem sind nicht die vielen Touristen - das Problem von Venedig und auch Rom ist, dass es sonst keine Industrie gibt. Anders als etwa in New York City mit seinen vielen boomenden Branchen.

ANZEIGE
Marco d'Eramo:
Die Welt im Selfie

Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters

Übersetzt von Martina Kempter

Suhrkamp Verlag; 362 Seiten; 26,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch über Tourismus zeigen Sie, wie diese Industrie alle Facetten der Gesellschaft prägt, und erklären unsere Epoche gar zum "Zeitalter des Tourismus". Dass Sie "Die Welt im Selfie" überhaupt geschrieben haben, liegt also an Ihrem Wohnort?

D'Eramo: Das war der Auslöser. Eigentlich wollte ich etwas über die touristische Stadt schreiben. Aber dann fiel mir auf, dass alle Bücher zum Thema voller Hohn waren - über Touristen. Das hat mich geärgert. Mein Buch ist eine Reaktion darauf, auch wenn die abschätzige Haltung typisch italienisch ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

D'Eramo: Italiener sind "lagnoso", sie maulen gern. Fragt man "Wie geht's?", kommt als Antwort: "Könnte besser sein." Kurz: Österreich hat mehr Touristen pro Einwohner als Italien - aber die Italiener sind viel genervter. Das Ressentiment ist uralt, es steckt im Wort "Tourist" selbst: Den Begriff erfand der Adel im 19. Jahrhundert, um die Bildungsbürger zu beleidigen, die auf die klassische "Grand Tour" gingen. Und diese Abschätzigkeit merkt man bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich nicht als Tourist bezeichnen?

D'Eramo: Doch. Ich flüchte nicht in die snobistische Selbstwahrnehmung, dass ich Reisender sei und kein Tourist. Es ist ein Paradox: Wir sind alle Touristen - und wir hassen andere Touristen. Wie aber können wir andere als Touristen verachten, ohne uns zugleich selbst zu verachten?

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie selbst mit dem Widerspruch um?

D'Eramo: Mein Blick hat sich gewandelt. Da ist jemand mit einem Einkommen von 2000 bis 3000 Euro, der sagt: Ich gehe nicht ins Kino, ich spare lieber für den Jahresurlaub. Der steht dann neun Stunden an, um die "Mona Lisa" zu sehen. Die Überzeugung, dass diese Erfahrung diese enorme Wartezeit wert ist, berührt mich.

Fotostrecke

15  Bilder
Italien-Reisetipps: Ciao Italia!

SPIEGEL ONLINE: Die Folge dieser Reiselust: Wir sind alle unterwegs. In Rom kommt man sogar im Januar kaum vorwärts.

D'Eramo: Gut, manchmal ist es, als hätte man zu viele Freunde zum Übernachten im Haus und muss im Wohnzimmer über sie drübersteigen. Aber bitte, das ist doch nur ein kleiner Teil dieser 5000 Quadratkilometer umfassenden Stadtregion.

SPIEGEL ONLINE: Leidet auch Rom am "Unescocide", wie Sie es nennen: dem Effekt, dass die Unesco Kulturschätze bewahren will - und diese so zugleich Touristenmagnete werden?

D'Eramo: Den braucht Rom gar nicht: Sie ist doch schon die Ewige Stadt! Aber unser Verhältnis zur Vergangenheit ist paradox: Man bewahrt die alten Steine, aber nicht die Stadt. Nach diesem Prinzip hätten wir all die Renaissancegebäude nicht mehr, weil die Unesco lieber alte Tempelbrocken schützt. Sie beutet Orte aus, indem sie sie in Museen verwandelt. Stattdessen sollte man alte Bauten umnutzen, mit Leben füllen. Wir müssen uns vor Augen halten: Wir haben hier gerade einmal 3000 Jahre an Geschichte. Was wird in 4000 Jahren sein?

SPIEGEL ONLINE: Auch das Instagram-Profil der Stadt Rom zeigt nur die Denkmal-Hits: Forum Romanum, Kolosseum, Trevi-Brunnen.

D'Eramo: Hans Magnus Enzensberger brachte es auf den Punkt: "Der Tourismus ist die Industrie, deren Produktion mit ihrer Reklame identisch ist." Und Touristen produzieren die Werbung heute via Social Media gleich mit, indem sie Orte bei Tripadvisor bewerten. Sie suchen, was als Wahrzeichen gilt: wie der Eiffelturm für Paris, die Golden-Gate-Brücke für San Francisco. Wenn Orte keine derartigen Ikonen haben, existieren sie nicht. Dabei gibt es in Rom mehr als das Kolosseum zu sehen: Im 19. Jahrhundert zum Beispiel besichtigten junge Damen noch die Kanalisation und Mark Twain das Leichenschauhaus.

SPIEGEL ONLINE: Wieso klappern wir überhaupt die Touri-Highlights ab, wo alle anderen auch sind?

D'Eramo: Reisen bedeutet, unsere Vorstellung mit der Wirklichkeit abzugleichen - es ist ein Reality-Check. Klar kann man auch zu Hause bleiben, die "Mona Lisa" ist auf dem Bildschirm ohne Menschenmenge sowieso besser zu sehen. Aber wir wollen sagen können: Ich war dort. Auch wenn manche Szene nicht echt ist. Unten am Kolosseum etwa stehen Typen verkleidet als römische Soldaten, mit denen man sich fotografieren lassen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie am Checkpoint Charlie in Berlin - dort mit gefakten US-Soldaten.

D'Eramo: Genau. Und dort ist es noch absurder, denn es gibt gar nichts Echtes zu sehen. Die Leute kommen - um nichts zu sehen. Nur Geister.

SPIEGEL ONLINE: Ist das "Alte" die Hauptressource des Tourismus?

D'Eramo: Er ist angetrieben von der Vergangenheit. Touristsein ist eine nostalgische Beschäftigung. Egal wo wir hinfahren, der Ort zeigt uns: Es gibt eine Zeit, in der ich nicht dort war. Im Prinzip suchen wir also einen Ort ohne uns, wenn wir verreisen - aber den werden wir nie finden.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jogola 25.05.2018
1. Dank den Touristen.
Ich bin den Millionen, die die Strapazen der "Tour" auf sich nehmen, dankbar. Man stelle sich vor, sie würden alle zu Hause bleiben und hier die Schwimmbäder und Eisdielen bevölkern. So genießt man die Ferienzeit, in der alles einen Gang niedriger dreht und die viel, viel länger ist, als das es der eigene Urlaub sein kann. In einem irrt Herr d´Eramo bestimmt: Tourist muss von Tortour kommen.
fatherted98 25.05.2018
2. Die meisten....
....Touristen verhalten sich OK. Es fallen nur wenige auf die durch Gepöbbel, Gesaufe oder Verschmutzung aus der Reihe tanzen. Letztlich leben Städte wie Rom, Barcelona und Co. von den Leuten. Was passiert wenn man diese verprellt kann man bald auf Malle anschauen....da regt man sich über 500m Strandabschnitt auf, der schon seit Jahrzehnten Partymeile ist....was die Bewohner Mallorcas da besonders stört ist, dass sie an diesem Abschnitt nicht mitverdienen....wären sie Teilhaber der großen Gaststätten dort, wäre es ganz still....und so ist es eben überall. In Rom konzentrieren sich die Touristen auf wenige Plätze und Straßen....für den Normal-Römer der dort nicht unterwegs ist, fällt das so gut wie nicht ins Gewicht. Gleichts gilt für andere Touristen-Hotspots....klar...die Anwohner sind betroffen...aber der Rest?....in Palma ist abseits der Kathedrale und Altstadt kein Tourist zu sehen....
claus7447 25.05.2018
3. Größtes Verständnis
Ja, ich gebe zu, auch ich war im Kolosseum, ich war auch in Asien als Tourist und in anderen Erdteilen. Allerdings kaum mehr in den letzten zehn Jahren. Der Massentourismus macht es einem leicht darauf zu verzichten. Nicht nur die Teilnehmer aus asiatischen Ländern fallen mir unangenehm auf, es gibt genügend änder Besucher, die respektlos, ohne Achtung der Kulturen und anderen Mitreisenden sich durchtanken. Die Erfindung des selfisticks hat dem ganzen noch die Krone aufgesetzt.
isoprano 25.05.2018
4.
Ich verbinde seit meiner Kindheit eine besondere Liebe zu Rom. Die Touristen garantieren, dass die Stadt bemüht bleibt, sich einigermaßen in Glanz zu präsentieren. In den 70‘ern waren weitaus weniger Touristen zu sehen ... aber damals kostete ein Flug auch mehr, als eine Kiste Bier. Wer sich Rom anschauen möchte, sollte im Oktober hin. Wer Rom sehen will und im Meer baden möchte, sollte Anfang/Mitte September einen Abstecher machen.
mens 25.05.2018
5. Qualität verloren
Es ist wie mit allem. Ist etwas *zu viel*, wird es Schädlich und verliert seinen Reiz. Im Falle von Tourismus leidet die Substanz an Nerven und für die Qualität der Orte. Materiell und ideell. In die Bocca della Verità in Rom habe ich als Kind noch ängstlich meine Hand gelegt. Weit und breit war kein Mensch, außer meiner Mutter. Heute steht man mit duzenden Menschen hinter einer Absperrung und fotografiert ein Stück Marmor. Die Emotion ist tot. Von der Umwelt ganz zu schweigen. Wenn jemand glaubt, jedes Wochenende woanders hinfliegen zu müssen, der kann sich jedes Dieselverbot an den Hut stecken. Eins ist der Autor auf jeden Fall: ein Menschenfreund, der über diesem Herdentrieb milde hinwegsieht. Vielleicht war er noch nie versehentlich im August auf Capri. Rettung: Tiberius-Villa besuchen. Da wird auch nach dieser Zeile kein Mensch sein. Einfach mangels befahrbarer Straße.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.