Comedian und Rapper MC Rene: Zu Hause im Zug

Von Anne Haeming

Das Abteil ist sein Wohnzimmer: Rapper MC Rene alias René el-Khazraje kündigte Wohnung und Job und tourt seither als Comedian mit der Bahncard 100 durch die Republik. Hier gibt er Tipps für das Leben auf Schienen - und verrät, was er an Deutschlands Bahnhöfen am meisten vermisst.

René el-Khazraje: Der 35-jährige Ex-Rapper reist als Comedian durch die Republik Zur Großansicht
Fabian Stürtz

René el-Khazraje: Der 35-jährige Ex-Rapper reist als Comedian durch die Republik

Erst mal ein paar Zahlen: 146.560 Gleiskilometer, 216 Bahnhöfe, 970 Stunden in der Bahn, 120 davon schlafend. All das in einem Jahr. Für viele, die regelmäßig Bahn fahren, klingt das nicht unbedingt nach einem angenehmen Zeitvertreib.

René el-Khazraje aber ist weitergefahren. Er hat all diese Kilometer, Bahnhöfe, Zugstunden im ersten Jahr, in dem er in der Bahn lebte, gezählt - und sitzt immer noch ständig im Zug, in manchem Monat jeden Tag. "Oh, ich könnte sehr viel schimpfen", sagt er. "Aber meine Haltung ist eben eine andere: Das ist ja mein Leben. Ich habe mir eine neue Existenz aufgebaut, das habe ich dieser Mobilität zu verdanken."

Denn el-Khazraje, in den Neunzigern in Deutschland als Rapper MC René bekannt geworden, hat sich im Frühjahr 2011 die knapp 4000 Euro teure Bahncard 100 zugelegt, seinen damaligen Callcenter-Job gekündigt, seine Wohnung gleich mit, und bis auf einen Koffer voller Klamotten alles weggegeben. Und eine Karriere als Stand-up-Comedian angefangen, von Kneipe zu Kleinstadtbühne tingelnd. Seine unternehmerische Strategie war vor allem pragmatisch: Er war billig für die Veranstalter - Reisekosten mussten sie schließlich nicht zahlen. Weil es für ihn die Lösung für einen Neuanfang war, kann er das Bahnfahren also gar nicht schlechtreden. Tolle Werbung für die Bahn.

Nickerchen mit Ticket um den Hals

In "Alles auf eine Karte. Wir sehen uns im Zug" erzählt der Mittdreißiger nun, wie es ist, ein Zuhause auf Schienen zu haben. Darin listet er nicht nur die Streckenkilometer und blauen Flecken von den Koffern Mitreisender auf. Er gibt auch ernsthafte Ratschläge wie: "Damit der Schaffner einen zur Fahrkartenkontrolle nicht extra aufweckt: das Ticket sichtbar wie eine Hundemarke um den Hals hängen."

Es ist ein Buch über das permanente Unterwegssein - und zeigt, wie ein Typ damit zurechtkommt, wenn die Parameter seines Alltags sich dem Schienenverkehr anpassen müssen. Alles, was einen am Zugreisen nervt, und alle Schrullen der Bahn, an die man sich nolens volens gewöhnt hat, kulminieren in diesem Hardcore-Dauertest.

Das fängt beim Gepäck an: "Ursprünglich war ich mit einem riesigen Sechs-Wochen-Koffer losgefahren", erzählt el-Khazraje. "Nur bei den Schwerbehindertenplätzen war genug Platz, ihn hinzustellen. Das Ding in die Ablage zu hieven war fast unmöglich und eine Gefahr für andere, ich konnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren." Einen Monat hat er gebraucht, um zu merken: Ein kleiner Koffer reicht auch.

Blaue Sitze? Steckdosen-Platz!

Bald stellte sich dann bei ihm auch eine gewisse Routine ein, um das, was einem fehlt, anderweitig zu kompensieren. Strom, eine Küche, den Sessel am Fenster, kurz: ein Zuhause. El-Khazraje geht daher längst durch die zischende Zugtür, als wäre es die zu seiner Wohnung. Ein Blick auf die blauen Sitzbezüge genügt und er weiß: Es gibt Steckdosen zwischen den Sitzen, Akkus aufladen ist ausnahmsweise kein Problem. Er sucht sich seinen Lieblingsplatz am Vierertisch, dann geht es ab ins Bistro: "Und dann gehe ich mit einem Kaffee in der Hand durch mein Wohnzimmer und helfe anderen, die keinen Platz finden", erzählt der Ex-Rapper. "Denen sage ich dann: Gehen Sie am besten bis zum Ende durch, da ist meistens noch was frei."

Auch das ist letztlich seiner Perspektive geschuldet: Er wohnt hier - sich dauernd über seine Mitreisenden aufzuregen, vermiest nur die Laune. Er ist freundlich. Auch, wenn sie am Handy lautstark Nichtigkeiten verbreiten, ihre Wichtigkeit zur Schau stellen. "Da bin ich auch kein Engel", sagt er. Denn er muss ja auch telefonieren - nur verbringt er seine Tage eben: im Zug. "Ich bin schon häufiger ermahnt worden. 'Ich will Ihre Lebensgeschichte nicht hören', sagte einer. Ich gehe nun meist an die Tür, wenn ich reden muss. Und oft kommt dann sowieso das nächste Funkloch oder ein Tunnel."

Gelegentlich nimmt er auch einen Nachtzug. "Es hat etwas von altmodischem Reisen, morgens aufzuwachen und in einer anderen Stadt zu sein als am Abend vorher", findet er. Zu Hause würde man dann morgens einfach ins Bad gehen. Aber aus Zugtoiletten kommt man in der Regel schmutziger wieder raus, als man reingegangen ist.

Würde man Münz-Automaten mit Duschen an großen Bahnhöfen einrichten, denkt el-Khazraje, könnte man damit viel Geld machen. "Wenn ich merke, ich sehe aus wie ein Wolf, dann rasiere ich mich im wackeligen Zug", erzählt er. "Ein Dutzend Mal habe ich mich geschnitten, aber mittlerweile eine gute Technik entwickelt: Ich passe mein Rasieren dem Ruckeln an. Und ich kenne meine Strecken ja, weiß, wo es ruhiger ist."

Aber Moment mal - ein Comedian-im-Werden, der mit einem Verkehrsmittel unterwegs ist, das es schafft, mehrmals hintereinander durch Wolfsburg zu fahren, ohne zu halten, dessen Personal bei Zugdurchsagen jede Menge unfreiwillige Komik an den Tag legt, und das einige dazu herausforderte, Faxen mit einem falschen Twitter-Account unter dem Namen @deutschebahn zu treiben: Wenn das mal keine Steilvorlage ist! Ja, schon, sagt El Khazraje, "aber das Thema wurde von so vielen Comedians schon ausgeschlachtet, darauf habe ich keine Lust."

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Zur Person
René el-Khazraje

Jahrgang 1976, ist besser bekannt als der Freestyle-Rapper MC Rene oder Reen. Vor allem in den Neunzigern war er in der deutschen HipHop-Szene präsent, zuletzt landete er mit "Zieh Dir das rein" in den Charts. Als es nicht mehr gut lief, heuerte er in einem Callcenter an, kündigte aber Anfang 2010, um kurz darauf einen Neuanfang zu wagen: als Stand-up-Comedian. Dafür kündigte er seine Wohnung, löste seinen Hausstand auf und kaufte eine Bahncard 100. Seither ist er im Zug zu Hause.

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