Mecklenburg-Vorpommern Krieg am Strand

Die V2 hat eine Geschichte, die nicht jeder erkennen will und sie ist noch immer schwer verdaulich. Peenemünde, die Nazi-Waffenschmiede im verstecktesten Winkel von Usedom, arbeitet seine Geschichte auf. Von Peter Mayer


Die V2 hat eine Geschichte, die nicht jeder erkennen will: Sie ist noch immer schwer verdaulich
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Die V2 hat eine Geschichte, die nicht jeder erkennen will: Sie ist noch immer schwer verdaulich

Es gab den "ollen Ostwind", der aus allen Himmelsrichtungen wehen konnte. Es gab moosbegrünte Rohrdächer, die bis in die prächtigen Gartenblumenbeete herunterreichten. Es gab Sümpfe und feinweißen Strand, Buchenwald, Kieferngehölze und Strandhaferdünen.

Hier lebten Bauern, Fischer, Torfstecher und Bernsteinsammler. Sie hockten zusammen im Gesangverein von 1892, im Kriegerverein, im Flottenverein, Schützenverein, Jagdverein. Seit 1928 gab es elektrisches Licht im Dorf und seit 1932 Ortsgruppen von SA und SS.

Peenemünde auf der Insel Usedom. Eines Tages, zum Jahreswechsel von 1935 auf 1936, erschien Wernher von Braun - und der Weiler Peenemünde musste verschwinden. Der blutjunge Fachmann für Rückstoßantriebe hatte für seine hochfliegenden Pläne den flachen Haken im Norden des zweitgrößten Eilands in Deutschland auserwählt. (Erst wollte er nach Rügen, aber dort war ihm die Deutsche Arbeitsfront zuvorgekommen mit ihrem Projekt Prora, das den Massen Kraft durch Freude versprach.) Der karrieresüchtige Freiherr war die treibende Kraft für ein weltweit einmaliges Raketenzentrum von gigantischen Ausmaßen, bei dem Heer und Luftwaffe kooperierten, das Hitler puschte und das gegen Ende von der SS beherrscht war. Rasend schnell verwandelte sich ein morastiges Stück Einsamkeit in ein Testgelände der Vernichtung. Zeitweise konstruierten, kontrollierten und knüppelten unter strikter Geheimhaltung bis zu 12.000 Menschen, die meisten Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

"Für Großbaustelle, direkt an der Ostsee, in sehr schöner Gegend zwischen Wasser, Wald und Dünen, werden Arbeitskräfte in unbestimmten Mengen gesucht." So lautete die Verlockung in Stellenanzeigen. Maloche mit Strandvergnügen.

Schon am 3. Oktober 1942 wird "Aggregat 4" zum ersten gelungenen Start abgefeuert. 13 Tonnen heben ab, erreichen vierfache Schallgeschwindigkeit. Die Rakete aus 20.000 Einzelteilen fliegt 200 Kilometer weit ihre Parabel entlang der Ostseeküste. Nazipropaganda macht aus A4 die V2. Das bedeutet "Vergeltungswaffe" für heimzuzahlende Attacken des Kriegsfeindes. Den Abschuss beschreibt Walter Dornberger, der General an Wernher von Brauns Seite, voller Verzückung: Da steht der "vom Sonnenlicht beschienene, schwarzweiß lackierte, schlanke Körper der Rakete, ein Körper von vollendeter Schönheit der Maße ..." Aber dann: "Der Funkenregen verdichtete sich rasch zur Flamme und wandelte sich im Verlauf einer Sekunde zu einem in herrlicher rotgelber Farbe züngelnden Gasstrahl ... Aus dem Wald fuhr der hell leuchtende Körper der Rakete senkrecht in die Höhe. Unvergesslich und unvergleichlich ist das Bild ..."

Kaum ein Jahr später, in der Nacht zum 18. August 1943, brummen 600 britische Bomber heran, klinken Sprengbomben, Luftminen und Phosphorbrandbomben über Usedom aus. 735 Menschen sterben. Als der Morgen graut, packt den General Entsetzen. Dornberger: "Mir kommen die Tränen der Verzweiflung und der Wut in die Augen ..." Schon zehn Tage später kommandieren SS-Aufseher die ersten Häftlinge aus Buchenwald zum Kohnstein bei Nordhausen. Bald sind es einige zehntausend, die dort im Lager Mittelbau-Dora zusammengepfercht werden, gigantische Stollen in den Berg bohren und unterirdisch Peenemünder Raketen bauen müssen. Jeder Dritte verhungert, erfriert oder quält sich zu Tode bei der Produktion der V2-Raketen, die auf London und Antwerpen geschossen werden. Über den Einsatz von KZ-Häftlingen beim Raketenbau verliert Walter Dornberger später in seiner Biografie kein Wort. Und Wernher von Braun, Parteimitglied, SS-Mitglied? "Nein - gewusst habe ich es nie, was sich in Konzentrationslagern abgespielt hat. Aber ich habe es geahnt ..."

In Peenemünde zündet die letzte V2 am 20. Februar 1945. "Unser aufwändigstes Projekt war zugleich unser sinnlosestes", sagt später Albert Speer, Hitlers Rüstungschef. Die Ingenieure, allen voran Wernher von Braun, stilisierten sich als unpolitische Technokraten, dienten sich wie einst Landsknechte der Söldnerrotten den Siegern an und tüftelten fortan Raketen für neue Herren in den USA. Aus Vernichtungshelfern wurden Administratoren von Menschheitsträumen. Als dann Neil Armstrong im Jahr 1969 als erster Mensch auf dem Mond umhertaperte, galt das hierzulande auch als Geniestreich, der einmal auf Usedom ausgeheckt worden war. Aus den Dünen an der Ostsee hinaus ins All - darauf ließ sich stolz sein. So etwas stabilisierte das deutsche Selbstwertgefühl nach der Nazi-Katastrophe.

Am 3. Oktober 1992 sollte der 50. Jahrestag, an dem die erste V2 abgehoben hatte, mit einem Festakt auf der Insel als "wissenschaftliche und technische Pionierleistung" gefeiert werden. Rudolf Augstein schrieb damals im Spiegel: "Wer die V2 feiert, der ist nicht ganz bei Trost." Pikiert sagten die Veranstalter ab.

Und heute? Stehen von Flechten befleckte Zaunpfosten im Wald, zerbröckeln Ziegelmauern, rosten Armiereisen aus dem Beton, reißt der Frost Löcher in Fahrwegplatten. Vergammelte Bahnsteigkanten durchziehen die Wildnis, Hainbuchenhecken, die einst um Siedlungsgärten sprossen, haben sich zu seltsam akkuraten Baumreihen ausgewachsen. Im einstigen Raketen-Prüfstand VII dümpeln Molche und drüber kreist zuweilen ein Seeadler. Gebannt ist die Gefahr, dass aus Peenemünde in verklärendem Vergangenheitseifer ausschließlich eine Gedenkstätte für hohe deutsche Ingenieurskunst werden könnte. Das Historisch-Technische Informationszentrum, eingerichtet im kolossalen Kraftwerk, das der Lenkwaffenschmiede einst die Energie erzeugte, bebildert, beschreibt und bewertet umfassend ein Stück Größenwahn des Nazireiches.

Der Weg übers Gelände ist weit. Da steht ein Brennstoffbehälter der V2, der 3600 Liter 75-prozentigen Alkohol als Treibstoff fassen konnte ("Kartoffelschnaps", sagt ein Besucher) und nach dem Krieg als Getreidesilo in Oberösterreich diente. Weiter geht es auf kohleschwarzem Grund, vorbei an verrottenden Düsenjägern und Hubschraubern der Nationalen Volksarmee der DDR, die hier ihren Friedhof bekamen; vorbei an dem "Bekohlungshauptkran" des Kraftwerks zum Museum.

Dokumente, Originalteile, Modelle - Besucher brauchen Zeit, um die klar gegliederte Ausstellung komplett zu erfassen. Da werden die Raumfahrtfantasien der Jahre vor und nach 1930 präsentiert. Von der "Rakete als Weltfriedenstaube" schwärmte ein Autor namens Artur Baumgarten-Crusius. Mit einer alles beherrschenden Waffe, so dessen These, werde man jeden Feind zum Frieden zwingen: "Friedensfreunde aller Länder / helft den Krieg töten durch das Überkriegsmittel der Rakete."

Auf solche aberwitzigen Visionen folgen eindringliche Kapitel über die ersten Raketen auf dem Reißbrett, fehlgeschlagene Versuche und Einsätze in Serie; über die Menschen schändende Produktion erst in Peenemünde und später in Mittelbau-Dora; über das abrupte Ende wenige Wochen vor der Kapitulation und den späteren Rüstungswahn in Russland und Amerika.

Sachlichkeit regiert und nicht nationaler Überschwang. Das Ergebnis: "Furchteinflößend. Ehrfurchtgebietend." So schrieb ein Besucher am 13. Juli 2004 ins Gästebuch. Nach Stunden der Nachdenklichkeit ist es nicht leicht, in Usedomer Ferienstimmung zurückzufinden. Umzuschalten auf Sonne, Sand und Strandlust.

Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004



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