SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Vorschlag des CDU-Abgeordneten Klaus Brähmig, Reisekataloge mit Menschenrechtshinweisen zu versehen?
Fuchs: Gute Informationen sind der Schlüssel zu guten Produkten. Neben dem Preis und dem Klima sollten im Katalog auch Informationen über die gesellschaftliche und politische Situation verfügbar sein. Wenn es aber um Reisewarnungen oder die Einstufung der Menschenrechtssituation in Reiseländern geht, ist die Politik gefragt. Dabei halten wir es durchaus für eine positive Entwicklung, dass der Bundestag sich zunehmend mit dem Thema befasst.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen besseren Vorschlag?
Fuchs: Das Auswärtige Amt sollte neben seinen Sicherheitshinweisen für Reisende auch darstellen, wie die Länder mit Menschenrechten umgehen. Dadurch hätten auch die Staaten, die vom Tourismus profitieren, einen Anreiz, selber Menschenrechtsverletzungen zu unterlassen oder konsequent zu ahnden. Die Reiseveranstalter könnten dann in ihrem Katalog auf diese Information des Amtes verweisen, das wäre dann sicherlich ein effektives Mittel.
SPIEGEL ONLINE: Wann verletzt Tourismus Menschenrechte?
Fuchs: Etwa wenn Land für touristische Projekte wie Lodges oder für Naturschutzgebiete enteignet wird, die Menschen von ihrem angestammten Gebiet vertrieben und keine Entschädigungen gezahlt werden. Oder wenn - wie in Indien - Ferienparks entstehen, die den Bauern das Wasser abgraben, so dass sie keine Anbaumöglichkeiten mehr haben. Oder wenn Menschen an einem Fluss in ihrer Privatsphäre gestört werden, weil die Zahl der Hausboote mit Touristen zunimmt, die von morgens bis abends fotografieren.
SPIEGEL ONLINE: Nicht nur Brähmig, auch die Uno will die Unternehmen in die Pflicht nehmen - wie?
Fuchs: Gerade erst hat der Uno-Sonderbeauftragte für Wirtschaft und Menschenrechte, John Ruggie, seinen Abschlussbericht vorgestellt. Seit einigen Jahren ist er dabei, Regeln für global agierende Unternehmen aufzustellen. Zwar sind die Staaten in erster Linie für den Schutz und die Verwirklichung der Menschenrechte zuständig, aber er fordert auch von Unternehmen, besondere Sorgfalt (due diligence) zu praktizieren. Außerdem sollten sie Strategien entwickeln, damit sie die Rechte der Menschen nicht gefährden, sondern positiv befördern.
SPIEGEL ONLINE: Was würde due diligence für Reiseveranstalter bedeuten?
Fuchs: Sie müssten sich ihre Dienstleistungskette anschauen: Wie sind die Bedingungen, unter denen ihre Partner in anderen Ländern arbeiten? Zahlen die Hotels, Restaurants und Transportunternehmen angemessene Löhne, wie sind die Arbeitsverträge, lassen sie Gewerkschaften zu? Setzen sie sich aktiv für den Schutz von Kindern vor Missbrauch ein? Hilft ihr Geschäft, demokratische Strukturen zu befördern? Haben die Menschen vor Ort einen Nutzen?
Im Rahmen dieser Überprüfung kann ein Veranstalter dann auch zu dem Ergebnis kommen, ein Land nicht mehr in seinen Katalog aufzunehmen, weil durch seine Tätigkeit beispielsweise diktatorische Regime gestützt werden.
SPIEGEL ONLINE: Lohnt sich das für die Veranstalter wirtschaftlich?
Fuchs: Lohnt es sich, auf dem Rücken unterdrückter Menschen, Geld zu verdienen? Geschäftemachen ist nicht grenzenlos, darf nicht auf Ausbeutung von anderen beruhen - das muss man sich auch im Tourismus deutlich machen. Das Thema "Corporate Social Responsibility" haben ja nicht irgendwelche NGO aufgebracht, sondern wurde auf der Uno-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro angestoßen. Damals wurde zum ersten Mal deutlich, dass alle, die international agieren, auf ihrem Feld nachhaltig - ökologisch wie sozial - wirtschaften müssen. Ansonsten ruinieren wir schneller, als wir es uns vorstellen können, die Lebensbedingungen auf diesem Globus.
SPIEGEL ONLINE: Das hat also nichts damit zu tun, freiwillig ein bisschen sozial oder umweltfreundlich zu sein
Fuchs: Nein. Der Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung hat nichts mit Freiwilligkeit zu tun - da geht es um unmittelbare Rechtsverletzungen. Auch gleiche Bezahlung und gleiche Bedingungen für Männer und Frauen im Tourismus hat nichts mit freiwilligen Gender-Strategien von Unternehmen zu tun, das verstößt gegen das umfassende Diskriminierungsverbot.
SPIEGEL ONLINE: Bis auf Nischenanbieter, die nachhaltige Reisen konzipieren, scheint sich in der Tourismusbranche wenig zu bewegen.
Fuchs: Ja, das Thema wird in anderen Wirtschaftszweigen schon deutlich offensiver diskutiert - im Tourismus ist das vollkommen neu. Kaum jemand hat da bisher den Begriff due diligence gehört oder verfügt über die betriebswirtschaftlichen Instrumente, um die Einhaltung von Menschenrechten in ihrer Dienstleistungskette nachzuvollziehen.
SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren?
Fuchs: Die Politik muss den Touristikunternehmen, die im Ausland tätig sind, mehr Transparenz und mehr Verantwortung vorschreiben. Das muss dann aber auch überprüfbar sein - und Verstöße müssten sanktioniert werden können.
SPIEGEL ONLINE: Die Menschenrechtsproblematik in Ländern, deren Regierungen sich nicht verantwortlich dafür zeigen oder selber dagegen verstoßen, kann aber doch nicht allein von der Wirtschaft gelöst werden.
Fuchs: Nein, alle Akteure in Politik und Tourismus sind gefragt, auch die Uno, EU und die Bundesregierung. Wenn es aktuell etwa um Aufbauhilfe in Tunesien geht, könnte sie die Tourismuswirtschaft mit einbeziehen - zum Beispiel für die Qualifizierung einheimischen Personals sorgen oder mit Beratung den Aufbau von nachhaltigen Großresorts begleiten.
SPIEGEL ONLINE: Was sollten Reisende beachten, wenn sie in Staaten fahren wollen, die für Menschenrechtsverletzungen bekannt sind? Sollten sie das überhaupt tun?
Fuchs: Es gibt kein Patentrezept für alle Fälle. Sich gut informieren, überlegen, wem meine geplante Reise nützt, verantwortliche Reiseentscheidungen treffen und durch eigenes Tun möglichst keinen Schaden anrichten - viel anderes können wir von unserer Seite nicht raten.
Das Interview führte Antje Blinda
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