Sicherheit beim Skifahren Tunnelblick im Temporausch

Seit Michael Schumachers Ski-Unfall ist die Debatte über die Risiken dieses Sports wieder aufgeflammt. Skifahren, so wird behauptet, sei eine hochriskante Freizeitbeschäftigung und durch Carving-Ski und Kunstschneepisten noch gefährlicher geworden. Stimmt das?

DPA

Vor allem drei Unfälle mit prominenten Opfern haben die Gefahren des Skifahrens drastisch deutlich gemacht: 2009 verursachte der damalige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus eine Kollision mit einer anderen Skifahrerin, die an den Folgen ihrer Verletzungen starb. 2012 wurde der niederländische Prinz Friso in Lech am Arlberg von einer Lawine verschüttet, lag lange im Wachkoma und starb schließlich im August 2013. Nun sorgt das Unglück von Michael Schumacher für Schlagzeilen.

Doch sind die medial abgearbeiteten Promi-Unfälle tatsächlich ein Beleg für die stetig steigende Gefahr beim Skilaufen?

Zahlen widerlegen diese These. Bei der Auswertungsstelle für Skiunfälle (ASU) hat man über mehr als dreißig Jahre Zahlenmaterial gesammelt. Nach Hochrechnungen verletzten sich von den rund 4,2 Millionen deutschen Skifahrern in der vergangenen Saison zwischen 41.000 und 43.000 beim Ausüben ihrer Sportart - damit gab es geringfügig weniger Verletzte als im Jahr zuvor.

Seit Beginn der Erhebungen zur Saison 1979/80 verringerte sich die Zahl der Verletzten gar um 58 Prozent. Vor allem der Anteil von Kopfverletzungen ging im Vergleich zur Saison 2010/11 um ein gutes Viertel zurück.

"Dieser Rückgang ist vor allem auf die deutlich gestiegene Helmtragequote zurückzuführen", sagt Michael Berner, Sicherheitsexperte beim Deutschen Skiverband. Auch die Verwendung von Rückenprotektoren und die bessere Präparierung der Pisten hätten zur Verringerung der Verletztenzahlen beigetragen.

Risiko von Knie- und Schulterverletzungen steigt

Laut der ASU-Studie ist aber das Risiko von Knie- und Schulterverletzungen gestiegen. Dies gebe Anlass zur Sorge, da die Folgekosten dieser Verletzungen besonders hoch sind. Was die Wahrnehmung angehe, dass es mehr und schwerere Verletzungen gebe, so führt Berner an, dass heute mehr Menschen als früher mit dem Helikopter vom Hang geholt würden. "Früher passierte das unspektakulär mit der Akia (Wannenschlitten, Anm. d. Red.), heute nimmt jeder im Skigebiet fast jeden Unfall wahr." Allerdings, so räumt der Sicherheitsexperte ein, würde die Zahl der Verletzten ohne modernes Schutzmaterial wohl deutlich höher liegen.

Oftmals wird kritisiert, dass viele Skifahrer gerade deshalb höhere Risiken eingehen, weil sie sich durch Helm oder Protektoren quasi unverwundbar fühlten. Unter Fachleuten bezeichnet man diesen psychischen Vorgang als Risikokompensation.

"Diese These ist wissenschaftlich widerlegt", sagt David Schulz, Leiter der ASU, mit Verweis auf die schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung. Dort weist man in einem Positionspapier darauf hin, dass man das Phänomen der Risikokompensation zwar nicht für alle Unfälle ausschließen könne, ein derartiges Verhalten aber überwiegend nur während der Einführungsphase eines neuen Produktes zu beobachten sei. "Zudem ist die Schutzwirkung der Präventionsmaßnahme deutlich größer als die Nebenwirkungen der Risikokompensation", heißt es in dem Papier weiter.

Unbestreitbar ist, dass der Verkehr auf den Abfahrten der Alpen zugenommen hat - trotz stagnierender Besucherzahlen in den Skigebieten.

Früher zuckelten pro Schlepplift ein paar hundert Skifahrer pro Stunde auf den Berg, die Zeit zwischen den Abfahrten verbrachten sie in der Liftschlange. Heute baggern moderne Sessellifte 3000 und mehr Personen bergwärts. Wartezeiten sind ein Fremdwort, viele Pisten sind brechend voll. Aber: "Studien belegen, dass es weniger schwere Unfälle gibt, je voller die Pisten sind", so Michael Berner. Dies sei vor allem darauf zurückzuführen, dass die meisten Skifahrer ihre Fahrweise dem Verkehr anpassten.

Gefahr von Kollisionsunfällen

Die Gefahr von Tod und lebenslangen Folgeschäden lauern anderswo. "Die Wahrscheinlichkeit der berühmten 'schlimmsten Unfälle' ist höher, wenn wenig auf der Piste los ist", so Berner. Dann nämlich würden Skifahrer aufs Tempo drücken, ihre Carver bis zum Limit ausreizen. Selbstüberschätzung und das ausschließliche Konzentrieren auf die Kontrolle der eigenen Skier führe zu einer Art Tunnelblick. An unübersichtlichen Geländepunkten könne es dann Kollisionen und schweren Verletzungen kommen. Der Fall von Dieter Althaus war ein Paradebeispiel für ein derartiges Szenario.

Skilehrer und Fachleute bestätigen, dass mit den heute üblichen Carving-Skiern Novizen schneller das Skifahren lernen - und ihre Fähigkeiten oft überschätzen.

Laut ASU-Studie hat die Zahl von Kollisionsunfällen ein Allzeithoch erreicht. "Dieser Anstieg sollte Anlass sein, bestehende Konzepte und Maßnahme zur Prävention von Kollisionsunfällen zu überdenken und zu überarbeiten", heißt es in der Studie.

Auch Michael Schumacher hat ein Faible für das schnelle Skifahren, wie er vor zwei Jahren in einem Fragebogen des "Ski Magazins" bestätigte. Doch muss Geschwindigkeit nicht ausschließlich negative Folgen haben. Kann hohes Tempo bei Kollisionsunfällen schreckliche Folgen zeitigen, so treten etwa Bänderverletzungen an den Knien oft im Verlauf langsamer Drehstürze auf, bei denen so manche Bindung unzuverlässiger auslöst.

Steigender Absatz von Rucksäcken mit Lawinen-Airbag

Michael Schumacher war im Gelände abseits der gesicherten Pisten unterwegs. Dort endet die sogenannte Verkehrssicherungspflicht der Skigebietsbetreiber, man wedelt auf eigene Verantwortung. Neben der Lawinengefahr droht dem Skifahrer Ungemach in Form von Bäumen und Felsen.

Die Wahrscheinlichkeit, nähere Bekanntschaft mit Hindernissen dieser Art zu machen, sei eher gering, sagt der David Schulz. "Doch handelt sich um ein kleines Risiko mit oft schlimmen Folgen." Im Falle einer Kollision nämlich geben die natürlichen Hindernissen nicht nach. "Alles, was starr ist, ist schlecht", so der ASU-Fachmann. Michael Schumachers Helm zerbrach beim Aufschlag auf einen Felsen. Für Schulz keine große Überraschung. Helme seien für Unfälle bis Tempo 50 ausgelegt, mit einer gewissen Reserve - zu wenig beim Aufprall auf Felsen oder Baumstämme.

Beim Freeriden, dem Skifahren im offenen Gelände, entfachte der tragische Lawinenunfall des niederländischen Prinzen Friso vor zwei Jahren eine ähnliche mediale Sogwirkung wie nun Schumachers Unglück. An Popularität gewannen seither Rucksäcke mit Lawinen-Airbags, wie sie der mit dem Leben davon gekommene Begleiter des Prinzen trug.

Unkenntnis und Selbstüberschätzung - und es wird gefährlich

Gleichzeitig sah sich die Freeride-Branche mit der Frage konfrontiert, ob genug getan wird, um über die Gefahren im Gelände aufzuklären.

Im Dezember 2013 fand im österreichischen Skiort Zürs zum zweiten Mal eine Konferenz zum Thema alpine Sicherheit statt. Michael Larcher, Ausbildungsleiter des Österreichischen Alpenvereins, wies in einem Vortrag darauf hin, dass sich ein Drittel aller Freerider ohne die obligatorische Sicherheitsausrüstung ins Gelände wage - vom Wissen um die konkrete Lawinengefahr ganz zu schweigen.

Unkenntnis und Selbstüberschätzung - eine gefährliche Kombination im Tiefschnee. Experten wie Larcher appellieren daher an Geländeliebhaber, nicht nur die zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel zu nutzen und externe Faktoren wie Schneelage, Gelände, Wind und Wetter ausgiebig zu studieren. Wichtig sei auch, ehrlich zu sich selbst zu sein in jenen Punkten, die man selbst am besten beurteilen kann: alpinistische Erfahrung, Fitness und fahrerisches Können.

Diese Weisheit gilt für das Skifahren im Allgemeinen. Gleichzeitig sollte man sich der Realität stellen, dass "dumme Unfälle" trotz aller Vorsichtsmaßnahmen passieren - sei es im Schnee, bei anderen Sportarten oder hinter dem Steuer. Dessen war sich Michael Schumacher vor seinem Abstecher ins Gelände sicher bewusst.

insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
annatheke 01.01.2014
1. Herr Tur Tur...
...lässt grüßen. Deutsche Scheindiskussion. Hauptsache, etwas geschrieben. Die nächste Sau im Dorf ist dann die Ökobilanz des Skifahrens, blablabla. Ich habe weiter meine Freude an dieser einzigartigen Sportart! Frohes Neues mit viel Schnee!
lagmac 01.01.2014
2. Artikel mit viel Polemik
Diese drei prominenten Skiunfälle haben nichts vergleichbares und haben schon garnichts mit dem Thema Carving Ski als schnelleres Sportgerät zu tun gegenüber den früheren "langsameren" Pommes-Latten. Zwei Unfälle waren abseits der Piste und bei dem anderen ist in den Gegenverkehr gefahren worden entgegen Pistenregeln.
Kiste 01.01.2014
3. Jeder verunfallt
In meinem Bekanntenkreis ist jeder Skiurlauber, den ich kenne, bereits einmal verunglückt. Das wenigste war Knochenbruch, aber auch monatelanger Ausfall mit Rehamaßnahmen und endlosen Schadensersatzprozessen kam vor.
saschad 01.01.2014
4.
Aha, die von der vorletzten auf die letzte Saison um 25% zurückgegangenen Kopfverletzungen haben also ihre Ursache in der gestiegenen Helmtragequote? Da hätte ich dann aber gerne 'mal erläutert, wie das genau gehen soll, denn auch in der vorletzten Saison (11/12) trugen nach meiner Beobachtung schon fast alle Skifahrer einen Helm. Überdies sind Analysen von Absolutfallzahlen ohne eine Relationsgröße m.E. eher Kaffeesatzleserei. Der OESV hat in folgender Untersuchung http://www.oesv.at/media/media_breitensport/Sicherheitsstudien-2008_09.pdf interessanterweise festgestellt, dass sich von 97/98 bis 08/09 der Anteil der Kopfverletzungen an den Ski/Snowboardverletzungen eher nicht verändert hat, obwohl vor 15 Jahren nur eine verschwindende Minderheit mit Helm fuhr.
outwiper 01.01.2014
5. Kluscheissealarm
Auch wenn es ein alter Hut ist: man sagt SKI und nicht SKIER im Plural ;-) brrrrrr
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