Mosel-Fahrt mit Galeere Die Römer sind los

Die Riemen knarren, die Ruderer schwitzen: Auf der Mosel verkehrt seit rund 1700 Jahren erstmals wieder ein römisches Handelsschiff. Der moderne Nachbau "Stella Noviomagi" soll bald Touristen den Fluss entlangtragen.


Der Weinhändler von Noviomagus Nemetum hat seinen Job sehr geliebt. Er stand oft am Ufer der Mosel, wenn seine Schiffe an- oder ablegten. Und der Anblick erfüllte ihn jedesmal mit Freude: Die Galeeren lagen tief im Wasser, hinuntergedrückt von der Ladung aus schweren Weinfässern gefüllt mit feinstem Moselwein. Grimmig schauten die Seeungeheuer an Bug und Heck flussabwärts, knapp unter der Wasseroberfläche lauerte der Rammsporn. Kein Zweifel, mit dem Herren dieser Schiffe war nicht zu spaßen, die Ladung war gut bewacht. Wenn sich die 42 Sklaven an den Rudern in die Riemen legten, knarrten das Leder und das Holz, es war Musik in den Ohren des Händlers.

Er liebte diese Schiffe so sehr, dass er sie mit ins Grab nahm. Seinen Liegeplatz für die Ewigkeit schmückten originalgetreue Steinminiaturen seiner Weinschiffe. Als eine dieser Galeeren 1882 bei Ausgrabungen im römischen Kastell der heutigen Stadt Neumagen-Dhron gefunden wurde, erlaubte sie den Archäologen einen direkten Einblick in Moselschiffahrt und -handel des Jahres 220 nach Christi.

Dieser Tage ist seit rund 1700 Jahren erstmals wieder eine römische Handelsgaleere auf der Mosel zu bewundern, ein Nachbau des Neumagener Weinschiffes: 18 Meter lang, über vier Meter breit, und mit zumindest einem von ursprünglich vier 1000-Liter-Fässern bestückt. Das beherbergt allerdings keinen Moselwein, sondern die Steueranlage des Kahns. Als "absolut hochseetauglich" bezeichnet denn auch Hans-Hermann Kocks, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier, sein Schiff. Der Mitinitiator und treibende Kraft des Bauprojektes ist auf seine Galeere mindestens ebenso stolz wie der Weinhändler des 3. Jahrhunderts es auf das Vorbild war.

Galeere mit Silikonabdichtung

Und Kocks hat Recht mit der Hochseetauglichkeit, denn das Schiff muss den behördlichen Sicherheitsnormen entsprechen, um auf deutschen Gewässern schippern zu dürfen. So verfügt die Galeere denn über eine Spezialabdichtung aus Silikon, Sicherheitswesten für bis zu 50 Passagiere – und zwei Dieselmotoren mit jeweils 50 PS. "Die sind allerdings auch antik, Fundstücke aus Spanien", verteidigt Michael von Scotti, Vorsitzender des Fördervereins Neumagener Weinschiff e. V., den Stilbruch.

Von Scotti gehört ebenso wie Kocks zu den Initiatoren des Nachbaus. Obwohl die Idee schon alt ist: "Seit das Garbmonument 1882 entdeckt wurde, wollten die Leute dieses Schiff nachbauen", gibt von Scotti zu. Nur fehlte es stets am Geld. Erst als 2004 die Ausstellung "Konstantin der Große" im Rheinischen Landesmuseum Trier in die Planung ging, rückte das Projekt in den Bereich des Machbaren.

400.000 Euro galt es, zusammenzubringen. Den Löwenanteil trug die Handwerkskammer Trier bei, mit Dienstleistungen. Unter anderem lernte ein Meister im Rahmen eines Ausbildungsförderungsprogrammes 13 Jugendliche aus sozial schwachem Umfeld an, denen sonst keiner eine Chance gab. Mittlerweile sind fünf von ihnen ausgebildete Zimmerleute, und der Rest steht kurz vor dem Abschluss. Die Gemeinde Neumagen-Dhron half auch kräftig mit bei dem Projekt. Sie stiftete das Holz und baut eigens für die Galeere einen ständigen Liegeplatz als "Heimathafen" aus. Schließlich fand das Römerschiff an höchster Stelle, im Präsidenten der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier, Josef Peter Mertens, einen weiteren Liebhaber und tatkräftigen Geburtshelfer.

Weinamphore statt Champagnerflasche

Allein nach dem Schiffsmodell von dem Weinhändler-Grab hätte man die Galeere aber wohl nicht bauen können. Also mussten noch andere antike Funde als Vorbild herhalten. 1981 entdeckte man im Schlick des ehemaligen Kriegshafens der römischen Garnison Mogontiacum, heutzutage besser bekannt als Mainz, die Reste von fünf römischen Schiffen. Es handelte sich um sogenannte Biremen – von lateinisch bis, zwei, und remus, Ruder – mit jeweils zwei übereinander liegenden Reihen von Rudern. Diese Kriegsschiffe sahen dem Weinschiff von Neumagen verblüffend ähnlich. Das Mainzer Museum für Antike Schiffahrt, wo die Biremen heute liegen, unterstützte auch den Bau der Neumagener Galeere.

Zum Chartern bereit ist das Weinschiff ab Oktober, die Taufe war am vergangenen Freitag. Stilgerecht zerschellte eine weingefüllte Amphore am Bug der "Stella Noviomagi", wie die "Stern von Neumagen" klangvoll auf Latein heißt. Dann spürte das Schiff zum ersten Mal Wasser untern Bug – und die Muskelkraft der Ruderer. Denn für den Stapellauf hatte sich die lokale Römergruppe in die Riemen gelegt. Auch wenn die beiden Dieselmotoren wohl für künftig geplante Charterfahrten ihren Betrieb aufnehmen werden, gibt es doch genügend Anwärter auf Galeeren-Ruderplätze. "Der Ruderverein Konz und die Rudergesellschaft Trier sind schon ganz heiß darauf, an die Riemen der Stella Noviomagi zu dürfen", verrät Michael von Scotti. "Aber die müssen erst noch üben. So eine Galeere mit 42 Rudern vorwärts zu bewegen, ist ganz schön kompliziert."



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