Tauziehen um die Everest-Saison Nepals Regierung will Sherpas umstimmen

Die Stimmung im Basislager am Mount Everest ist angespannt: Nach dem Lawinenunglück lehnen die meisten Sherpas weitere Aufstiege ab. Doch nicht alle Bergsteiger sind bereit, ihre Gipfel-Pläne aufzugeben.

DPA

Katmandu - Fünf Tage nach dem Lawinenunglück am Mount Everest mit 16 Toten haben zahlreiche internationale Expeditionen ihren Aufstieg abgebrochen. Etwa die Hälfte der Gruppen packe zusammen, sagte der nepalesische Bergführer Karna Tamang im Basislager. "Eigentlich wollten alle Sherpas absteigen, aber manche Firmen wollen das nicht." Deswegen verhandelten einige noch mit ihren Auftraggebern.

Die nepalesischen Bergführer sind für die meisten Tourengeher unerlässlich, da sie die Routen anlegen, Sauerstoffflaschen tragen, Zelte aufbauen und kochen. "Einige hier sagen: Wir haben jede Menge Geld gezahlt, nun wollen wir auch aufsteigen", sagte der US-Amerikaner Ed Marzec.

Die Situation sei angespannt. Die meisten der rund 400 anwesenden Sherpas für die 32 geplanten Expeditionen hatten laut Marzec erwartet, dass die betroffenen 734 Bergsteiger aus Rücksicht in dieser Saison keinen Gipfelversuch mehr wagen.

Eine zunehmende Verärgerung beobachtet auch Phil Crampton vom New Yorker Veranstalter Altitude Junkies: "Die Stimmung ist offensichtlich untröstlich, da die Sherpa-Gemeinschaft sehr eng verbunden ist. Und das scheint sich allmählich in Wut zu verwandeln."

Russel Brice, ein weiterer Expeditionsführer, befürchtet, dass die Situation eskalieren, es "krachen" könnte. Laut Marzec herrschten am Everest derzeit zudem schlechte Wetterbedingungen: "Große Lawinen gehen überall um uns herum ab, viel mehr als normalerweise."

Aus Respekt vor den Toten kein Aufstieg

Die nepalesische Regierung, für die die großen Expeditionen aus aller Welt eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes sind, will den Rückzug aller Expeditionen noch abwenden. Der Tourismusminister und Vertreter von zahlreichen Bergsteigergruppen würden am Donnerstag ins Basislager fliegen, um die Sherpas umzustimmen, sagte Dambar Parajuli, Präsident des Verbands der Tourenexpeditionen.

Die Forderungen der Sherpas nach einer großzügigeren Versicherung bei Aufstiegen sowie einer Versorgung der Hinterbliebenen will man zum Teil erfüllen - wenn auch nicht in der gewünschten Höhe.

Die meisten der Sherpas scheinen entschlossen. "Aus Respekt für die Toten möchten wir nicht aufsteigen", sagte Tulsi Gurung, der seinen Bruder in der Lawine verlor. Zahlreiche Zelte im Basislager würden nun abgebaut. Helikopter fliegen, wenn es das Wetter erlaubt, das Material vom Berg. Mehrere Sherpas sagten, sie würden noch einige Tage brauchen, bis alles weggeräumt sei.

Manche wollen nie wieder hinauf

Die ethnische Gemeinde der Sherpa, die für ihre Fähigkeiten in den Bergen bekannt ist, ist tief getroffen. "Es ist, als habe ich alle Energie zum Bergsteigen verloren", sagte Chhedar Sherpa der nepalesischen Zeitung "República". Er war beim Lawinenabgang kurz oberhalb der Stelle, an der Eis und Schnee die Bergsteiger wegfegten. "Noch nie war ich dem Tod so nahe. Der Vorfall hat mich im Inneren erschüttert", sagte er. Er werde nie wieder auf den Mount Everest steigen.

Viele Sherpas trauerten, seien gleichzeitig aber auch besorgt über die Zukunft des Tourismus, sagte US-Bergsteiger Marzec. Der Bergsteigerverband Nepals erklärte in der Hauptstadt Katmandu, dass kein einziger Sherpa seine Expedition im Stich gelassen habe. "Es wird nur ein bisschen Zeit brauchen, bis wir zu einer normalen Situation zurückkehren", ließ Verbandspräsident Ang Tsering Sherpa erklären.

Der Summit Club, die kommerzielle Tochter des Deutschen Alpenvereins, plant im kommenden Jahr ebenfalls eine Expedition auf den Everest. Allerdings werde man von Norden, von chinesischer Seite aus aufsteigen, sagte Chefbergführer Manfred Lorenz. Der Hauptgrund: Die Route durch den Khumbu-Eisbruch sei zu gefährlich - hier passierte das Unglück am Freitag.

emt/dpa/AFP/Reuters

insgesamt 2 Beiträge
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sabaidii 23.04.2014
1. Kein Grund zur Aufregung
Das Leben ist nunmal lebensgefährlich und ausgerechnet den Sherpas soll das nun gerade erst aufgefallen sein? Jeder der am Everest arbeitet weiß das, genau wie jeder Pilot und jeder Dachdecker weiß daß es vielleicht auch mal schief geht. Wir sollten unser bißchen Leben nicht für so wichtig halten daß deswegen die Welt stillstehen muß. Man kann natürlich mit der gleichen Logik auch jede Straße für ein Jahr sperren wenn Samstag Nacht wieder einer nach der Disco am Baum klebt oder nach einem Flugzeugabsturz gleich den Flughafen für ein Jahr dichtmachen. Absurd.
vantast64 24.04.2014
2. Die Große Gier bedrängt die Sherpas,
daß das Spiel weiter gehen muß. Was für ein moralisches Armutszeugnis! Nur die Sherpas selber zeigen noch Menschlichkeit, obwohl gerade sie am dringendsten Geld brauchen und ihren eigenen Hals riskieren.
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