Schlägerei am Mount Everest: "Die wären fast getötet worden"

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Steinwürfe, Fußtritte und Morddrohungen: Bei einer handfesten Auseinandersetzung am Mount Everest wurden drei Bergsteiger verletzt. Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen im Basecamp - und neuer Ärger droht.

Mount Everest: Streit am Achttausender Fotos
Jonathan Griffith / Steck Moro No2 Expedition

Ueli Steck weiß, wie es sich anfühlt, wenn man am Mount Everest zum Umkehren gezwungen ist. Im Jahr 2011 war er weniger als eine Wegstunde vom Gipfel entfernt, als er absteigen musste. Kalte Füße. Um keine Zehen zu verlieren, brach er die Tour ab.

Erfrierungen zählen zu den Berufsrisiken eines Höhenbergsteigers, genau wie Erschöpfung, Stürze und Lawinen. Damit muss man rechnen, wenn man sich auf die höchsten Gipfel der Erde wagt, in die Todeszone über 8000 Metern.

Im Frühjahr 2012 schaffte er es bis ganz oben, ein Jahr später muss Steck seine Gipfelambitionen am Everest wohl erneut aufgeben. Diesmal jedoch aus einem Grund, den man als Bergsteiger normalerweise nicht einkalkuliert: Er wurde bei einer Schlägerei im Gesicht verletzt und musste nach Katmandu ausgeflogen werden.

Was genau den Streit zwischen Sherpas und Bergsteigern auslöste, ist bislang unklar. An einem Camp in 7200 Meter Höhe gerieten Steck, Simone Moro und Jonathan Griffith mit den Einheimischen aneinander, die dort im Auftrag eines Expeditionsreiseveranstalters Fixseile verlegten.

Eskalation durch herabfallendes Eis

Ein Bericht des italienischen Bergsteiger-Portals Montagna.tv schildert den Ablauf der Ereignisse folgendermaßen: Am Samstagmorgen gegen 8 Uhr hätten die Bergsteiger ein Zelt an der Lhotse-Westflanke errichtet. Dort waren die Sherpas damit beschäftigt, Fixseile für nachfolgende Expeditionen einzurichten.

Sie forderten die Ausländer auf, die Seile nicht zu berühren, damit ihre Arbeit nicht gestört würde. Daraufhin setzte das Trio seinen Aufstieg etwa 50 Meter seitlich fort, musste aber weiter oben wieder die Seile überqueren, um zum Zelt zu gelangen. Die Sherpas beschwerten sich, dass sich dabei Eis gelöst habe und einer von ihnen getroffen worden sei.

Es sei zu einem verbalen Streit gekommen, bei dem der Anführer der Sherpas mit seinem Eispickel drohte, woraufhin Moro ihn beschimpft habe. Nach einiger Zeit habe sich die Situation jedoch wieder entspannt, auch weil der Sherpa-Anführer seine Mitarbeiter beruhigen konnte. Einige Stunden später, als die ausländischen Bergsteiger zurück in ein tieferes Lager kamen, seien sie dort von bis zu 100 Sherpas angegriffen worden. In dem Bericht ist von Fußtritten, Steinwürfen und Morddrohungen die Rede. Es dauerte fast eine Stunde, bis sich die Situation einigermaßen beruhigte.

Einige weitere Bergsteiger, die in dem Camp lagerten, hätten sich zwischen die Streitenden gestellt und möglicherweise Schlimmeres verhindert. Die britische Zeitung "Daily Mail" zitiert einen amerikanischen Augenzeugen mit den Worten: "Es war beängstigend, das zu beobachten - die (Europäer) wären fast getötet worden."

Verschiedene Philosophien am Berg

Moro, Steck und Griffith, der die Expedition fotografisch dokumentieren sollte, trugen Verletzungen davon und wurden dazu gedrängt, das Camp zu verlassen. "Die Sherpas drohten, dass in der Nacht einer der Alpinisten sterben würde, mit den anderen beiden würde man später schauen", heißt es in einer Mitteilung von Ueli Steck zu den Vorfällen. Die drei stiegen ins Basislager ab. Von dort wurde Steck per Hubschrauber nach Katmandu gebracht. Jetzt versucht die örtliche Polizei, den genauen Hergang des Streits zu rekonstruieren, zu dem es widersprüchliche Aussagen von beiden Seiten gibt.

Noch am Tag vor dem Zwischenfall hatte Ueli Steck in einer Mitteilung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, voller Optimismus von den Fortschritten am Berg berichtet: "Wir kommen gut voran, und das macht uns ziemlich zuversichtlich. Das Wetter scheint für mindestens eine Woche perfekt zu sein, das ist alles, was wir brauchen."

Steck und Moro zählen zu den führenden Höhenbergsteigern weltweit. Während der Schweizer vor allem durch anspruchsvolle Touren in hohem Tempo bekannt wurde, sorgte Moro zuletzt durch Winterbesteigungen mehrerer Achttausender für Aufsehen. Nun waren die beiden zum ersten Mal zusammen an einem Himalaja-Riesen unterwegs. Sie hatten eine anspruchsvolle Tour abseits der Normalroute geplant, über deren genauen Verlauf sie zunächst nicht gesprochen hatten, und waren in Richtung Westgrat unterwegs.

"Die drei Alpinisten glauben, dass die Attacke nicht mit einem simplen Streit erklärt werden kann", heißt es in Stecks Mitteilung. "Sie glauben, dass viel mehr dahinter steckt und dass dies das Resultat eines lang anhaltenden Problems zwischen Westlern und Nepalesen auf dem Berg ist."

Ein Kommentator der Zeitung "Nepali Times" kommt zu einen ähnlichen Schluss. Er schreibt: "Der Konflikt verdeutlicht die wachsende Kluft zwischen zwischen kommerziellen Expeditionen und dem Klettern im freien Alpinstil auf den höchsten Bergen der Welt." Ein solcher Zwischenfall habe früher oder später passieren müssen.

Nun geschah er ausgerechnet im Jahr des 60-jährigen Jubiläums der Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay. Hunderte Bergsteiger bereiten sich im Basecamp auf die Besteigung vor, in Feierstimmung dürfte niemand von ihnen sein. Und schon bald könnte der Konflikt erneut ausbrechen: Moro und Griffith wollen innerhalb weniger Tage einen neuen Aufstieg wagen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. hahaha
wschwarz 29.04.2013
Zitat von sysopSteinwürfe, Fußtritte und Morddrohungen: Bei einer handfesten Auseindersetzung am Mount Everest wurden drei Bergsteiger verletzt. Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen im Basecamp - und neuer Ärger droht. Mount Everest: Moro und Steck geraten in Prügelei - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/aktuell/mount-everest-moro-und-steck-geraten-in-pruegelei-a-897162.html)
sokommt die Erleuchtung nie!
2. Wer auch immer angefangen hat - es gehören Zwei dazu
iffel1 29.04.2013
Komme ich in fremdes Land, muss ich mich dem dortigen Verhalten anpassen, jedenfalls bringt Rechthaberei keinen in der Fremde weiter. Ich kenne die drei nicht und habe nie von ihnen gehört, aber jetzt möchte ich sie auch garnicht mehr kennenlernen !
3. Sensation! Endlich ...
mare56 29.04.2013
... dicke Luft am höchsten Berg der Welt
4. Was soll das alles?
fritzlothar 29.04.2013
Es ist unerträglich, welche Spinner und Wichtigtuer sich auf diesem Berg herumtreiben. Neureiches Gehabe ist das undgenau so benehmen sich die meisten gegenüber den Sherpas: ich, ich und nochmals ich. Gebt den Nepalesen einen Ausgleich aus den UN-Kasse, sperrt den Everest und lasst den Berg in Frieden. Es ist nicht nur materieller Müll, der da oben angeliefert wird....
5. Kommerz-Exzesse
Jöge 29.04.2013
Die professionellen Höhenbergsteiger sind doch die einzigen, die an solchen Bergen was verloren haben. Die allermeisten Teilnehmer der kommerz. Expeditionen kommen doch nur mit Hilfe so vieler künstlicher Mittel auf den Berg, dass dieses ,Bergsteigen' eine Farce ist. Man sollte den Zugang von kommerz. Expeditionen zu den Achttausendern viel stärker beschränken.
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