Nach der Tragödie in Nepal "Everest-Tourismus ist Selbstbetrug!"

Nach der Mount-Everest-Tragödie fordert Bergsteigerlegende Reinhold Messner ein Ende des Massenklettertourismus am höchsten Berg der Welt. Die Entscheidung der Sherpas, in dieser Saison keine Touren mehr zu begleiten, findet er mutig.

Bergsteigerlegende Reinhold Messner: Klettertourismus-Gegner
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Bergsteigerlegende Reinhold Messner: Klettertourismus-Gegner


Er selbst stand als erster Mensch ohne künstlichen Sauerstoff 1978 auf dem Gipfel des Mount Everest und ist ein scharfer Kritiker der Massenaufstiege auf das Dach der Welt: Nach der Tragödie in Nepal und der Ankündigung der Sherpas, in dieser Saison keine Expeditionen auf den höchsten Berg der Welt mehr zu begleiten, findet Reinhold Messner deutliche Worte für Kletterer, die weiterhin hoch zum Gipfel wollen.

"Die Menschen, die jetzt am Everest viel Geld ausgegeben haben, um über eine Piste dort hochzukommen, hätten viel mehr davon, wenn sie für einen Bruchteil des Geldes mit einem Sherpa einen Sechstausender bestiegen hätten", sagte der berühmteste Bergsteiger der Welt der "Stuttgarter Zeitung". Die jetzige Form des Everest-Tourismus sei Selbstbetrug. "Die Leute geben viel Geld aus und glauben, sie haben den Everest bestiegen. In Wirklichkeit haben sie den Everest nicht verstanden und nicht bestiegen und stattdessen viele Leute in den Tod laufen lassen. Die Verantwortung dafür tragen nicht die Klienten, sondern die Organisatoren. Die Klienten sind der naive Teil von etwas, das völlig widersinnig ist: Sie kaufen sich ein Prestige, das gar nicht käuflich ist."

Nach offiziellen Angaben haben sich bislang 15 der 30 diesjährigen Expeditionen zur Umkehr entschlossen. Die Sherpas im Lager sind uneins darüber, ob sie nach dem Ende der einwöchigen Trauerzeit für ihre 16 toten Kollegen am Samstag weiter aufsteigen sollen. Viele hatten bereits entschieden, in dieser Saison keine Everest-Besteigungen mehr zu begleiten.

Bergsteiger Tim Rippel berichtet aus dem Basislager, es sei empörend, wie Expeditionen Druck auf die Sherpas ausübten. Wut baue sich auf, und manche Sherpas sprächen schon von Vergeltungsmaßnahmen gegen diejenigen, die weitermachen wollen. Derzeit ist die Route auf den Gipfel nicht offen, weil die Lawine die Fixseile und Leitern zerstörte. Die sogenannten Eisbruch-Doktoren, die den besonders gefährlichen Weg durch den Khumbu-Eisbruch präparieren, wollen allerdings, wenn nötig, die Route wieder öffnen.

"Ich bin skeptisch, ob die Sherpas das durchhalten"

Den Streik der Sherpas, die in diesem Jahr keine Tour mehr begleiten wollen, findet Reinhold Messner mutig: "Ich hoffe, dass sie das durchhalten. Auf die Sherpas wird ein großer Druck zukommen, weil die Veranstalter dieser Touristenreisen auf den Mount Everest mehr und mehr Geld bieten werden. Aber wenn die Sherpas durchhalten, können sie den Everest-Tourismus vielleicht neu organisieren und mit einem neuen Inhalt füllen, mit dem sie in Zukunft besser zurechtkommen. Aber ich bin skeptisch, ob sie das durchhalten."

Vorerst scheint das zu noch gelingen: Der nepalesische Tourismusminister Bhim Acharya war ins Basislager am höchsten Berg der Welt geflogen, um die Sherpas zum Weiterarbeiten zu bewegen - anscheinend ohne Erfolg. Nepals Regierung hat indes entschieden, die diesjährigen Gipfelgenehmigungen zu verlängern. Wer sich nun vom Everest zurückziehe, könne innerhalb von fünf Jahren wiederkommen, ohne noch einmal zahlen zu müssen.

Messners Vorschlag für den künftigen Umgang mit dem Klettertourismus ist, "nur eine Expedition pro Route pro Jahr auf den Berg, ohne Piste" zuzulassen. So würde der Everest sein Flair behalten, und es kämen trotzdem Hunderttausende Touristen. Die Sherpas, glaubt Messner, profitierten dann vom zunehmenden normalen Tourismus. Im Hinblick auf alle Achttausender fordert er: "Lassen wir den Bergen ihre Größe, ihre Gefahren und ihre Ausstrahlung!"

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Unglück am Mount Everest: Tauziehen um die Gipfelsaison

ele/AFP/dpa



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