Mountainbiken in Kappadokien Temporausch im Tal der Liebe

Per Mountainbike durch bizarre Felsformationen: Die steinerne Märchenlandschaft von Kappadokien eignen sich bestens für rasante Zweirad-Touren. Zugleich bietet die Region in der Mitte der Türkei aber auch noch ein paar Wunder von Menschenhand.

Von

Norbert Eisele-Hein

Der Muezzin ruft die Gläubigen gerade zum Gebet, als wir ins Zemi-Tal abtauchen. Das helle Gestein blendet im gleißenden Sonnenlicht, seine Oberfläche ist rau. So rau, dass die Stollenreifen daran haften. Eine vom Regen ausgewaschene Rinne markiert die Mountainbike-Route durch den Steilhang. Gerade mal lenkerbreit führt der Trail in Spitzkehren hinunter zum Talboden, wo ein schmaler Bach für Fahrspaß sorgt. Das Sahnehäubchen liefern die Tunnels, die das Rinnsal mit der Geduld von Jahrtausenden in die im Weg stehenden Berge gefräst hat. Tief über den Lenker gebückt brausen wir auf dem Bike hindurch, während das Spritzwasser unsere Waden kühlt.

15 Mountainbiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz klatschen sich spontan ab, pfeifen durch die Zähne, blicken sich glücklich um. Es sind Typen, die zwei Wochen am Strand nicht als Urlaub, sondern als Strafe empfinden. Maschinenbauer, Controller, eine IT-Managerin und eine Kunststudentin, ein Buchdrucker. Sie alle haben dieses Abenteuer auf Zeit gebucht. Und sie sind sich einig: Was für ein Trail!

"Davon gibt es unzählige in dieser Gegend", verspricht Wolfgang Neumüller mit einem breiten Grinsen. Der Bikeguide weiß, wovon er spricht: Er kennt hervorragende Trails auf vielen Kontinenten, war in den USA, Nepal, am Mount Kenya unterwegs und schaffte Dutzende Transalp-Überquerungen. Aber Kappadokien ist für ihn etwas Besonderes: "Nur vier Stunden Flugzeit, keine schmerzhafte Impfung, kein Ärger mit Visa, kein Jetlag - und dennoch ein völlig anderer Planet."

Bikepark zwischen Feenkaminen

200 Quadratkilometer groß ist dieses Radfahrerparadies im zentralanatolischen Hochland. Über der Mondlandschaft leuchten die selbst im Hochsommer noch schneebedeckten Vulkankegel des Erciyes und des Hasan Dagi. Mit gewaltigen Eruptionen haben die beiden Fast-Viertausender die einst tropische Sumpflandschaft der Urzeit mit pyroklastischer Asche zugekleistert.

Überall dort, wo härtere Lavaschichten einen Deckel bildeten, wurden Formationen aus dem butterweichen Tuff herausgewaschen, die den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen scheinen: die legendären "Feenkamine". Das kreative Traumteam Wind und Wetter hat daraus eine Landschaft gebastelt, die sich nun als perfekter Bikepark herausstellt. Auf einer Ballonfahrt, die täglich zum Sonnenaufgang angeboten wird, kommen die unglaublichen Dimensionen der unzähligen Türme, Zinnen und Felsnadeln vollends zur Geltung.

Pappeln rauschen im Wind, Weiden lassen ihre Arme bis zum Melendiz-Fluss runterhängen. Bis zu 150 Meter tief hat er die Ihlara-Schlucht eingekerbt. Weit oben sehen wir die Hirtenkinder mit ihren Ziegen nur noch als Farbtupfer. Der schmale Pfad folgt über 15 Kilometer dem schattigen Talgrund. Bei Selime parken wir die Räder und turnen wie die Affen durch einen markanten, fünf Stockwerke hoch ausgehöhlten Felszacken.

Wolfgang, der auch Bergführer ist, kennt jeden Tritt in diesem Labyrinth. Schon um 1500 vor Christus nutzten die Hethiter diese Anlage. Die ersten Christen erweiterten dann die Höhlensysteme. Im butterweichen Tuff gruben sie sogar bis zu zehn Stockwerke unter die Erde. So lebten in der größten unterirdischen Anlage bei Derinkuju zeitweilig bis zu 10.000 Menschen mehrere Monate autark unter Tage, während die Angriffswellen der Isaurier, Hunnen, Perser und Araber darüber hinweg brandeten.

Fresken und Töpferhandwerk

Später erreichen wir Cavusin. Der kleine Ort war vom 9. bis 13. Jahrhundert ein christliches Zentrum, bis heute ist die Kaftizci-Kilise, die Kirche Johannes des Täufers, ein beliebtes Touristenziel. Die Darstellungen des gesamten Kreuzwegs Christi leuchten mit einer enormen Strahlkraft von den Deckenfresken des Gewölbes. Heinz, mit 70 Jahren der älteste Teilnehmer der Tour, ist beeindruckt: "Das ist wie ein befahrbares Museum byzantinischer Kunst", sagt er über diese Etappe.

Wir passieren Pasabaglari, das "Tal der Mönche", wo die Feenkamine von dunklen Lavahauben gekrönt werden. Dann Avanos, das Zentrum des kappadokischen Töpferhandwerks. Die Sarihan Karavansarayi am Kizilirak-Fluss, wo die Seldschuken im 11. Jahrhundert das alte römisch-byzantinische Wegenetz erneuerten und alle 40 Kilometer - das entsprach damals der Tagesleistung der Kameltreks - eine Karawanserei errichteten. Auf staubigen Pisten klappern wir eine Sehenswürdigkeit nach der anderen ab und erobern ganz nebenbei kolossale Westernkulissen.

Wer Abenteuer mit Survival gleichsetzt, wird sich auf dieser Tour unterfordert vorkommen - oder wie ein Luxusreisender. Wir frühstücken fürstlich im Hotel, kehren mittags stilvoll ein und genießen abends erneut, was die facettenreiche türkische Küche zu bieten hat: Fladenbrot aus dem Holzofen, gefüllte Weinblätter, Kebab in allen Variationen und als Nachspeise Baklava, in Honig schwimmender Blätterteig mit Nüssen gefüllt. Vielleicht ist diese Tour aufgrund des hohen Komforts tatsächlich nur ein Abenteuer light, aber - und da sind sich alle Teilnehmer einig - sie ist auf jeden Fall ein Highlight.

Der letzte Ausritt von Göreme führt uns zunächst durch den Stadtkern. Etliche Felskegel sind weitgehend ausgehöhlt und wurden zu stilvollen Restaurants oder Hotels umfunktioniert. Vom 60 Meter hohen Burgfelsen von Uchisar genießen wir nochmal ein 360-Grad-Panorama auf dieses phantastische Felsenchaos mit seinen pastellfarbenen Felsbändern.

Die Abfahrt in das Güvercinlik-Tal führt uns direkt ins "Love Valley". Bisher haben wir uns mit Interpretationen zurückgehalten. Aber man muss kein Freudianer sein, um diese Felspfeiler als eindeutige Phallussymbole zu erkennen. Eine riesige Fläche voller Riesen-Phalli - wir taufen den Ort "Vibrator City" -, und der Trail führt mitten durch! Na, wenn das kein Grund für Hochgefühle ist.



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