Mountainbikes: Das plötzliche Ende der 26-Zoller

Von , Friedrichshafen

Das Tempo hat selbst Branchen-Insider überrascht: Das klassische Mountainbike mit 26-Zoll-Reifen hat ausgedient, Hersteller bauen nur noch 27,5 und 29 Zoll. Nicht nur die Kunden sind verunsichert, die hastige Umstellung stellt auch Händler vor Probleme.

Mountainbikes: Die Größe zählt Fotos
DPA

Als das Mountainbike in den siebziger Jahren erfunden wurde, diskutierte niemand über die richtige Radgröße. Die mit Stollenreifen aufgerüsteten Cruiser rollten sämtlich auf 26-Zoll-Felgen - und so sollten sie es auch die nächsten 30 Jahre tun. Ein kleiner Rundgang über die weltgrößte Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen zeigt jedoch, dass es die Einheitsgröße von 26 Zoll längst nicht mehr gibt.

Die Hersteller haben mittlerweile drei verschiedene Reifengrößen im Programm: die klassischen 26 Zoll, die deutlich größeren 29 Zoll und nun auch noch die Zwischengröße 27,5 Zoll. Was soll das? Das fragen sich nicht nur die Kunden. Auch in der Branche selbst ist die Verunsicherung groß. Ist es wirklich eine gute Idee, binnen weniger Jahre zwei neue MTB-Klassen zu erfinden? Mutet man den Händlern nicht ein bisschen viel zu?

Das Reifenchaos begann vor einigen Jahren mit den sogenannten Twenty-Ninern (englisch für 29). Weil größere Laufräder einfach besser über Unebenheiten hinwegrollen, begannen Firmen, die ersten Mountainbikes mit 28-Zoll-Felgen zu bestücken. Da dicke MTB-Mäntel auf diesen Felgen einen etwas größeren Umfang haben als normale Reifen, deklarierten die Hersteller die neuen Schlappen gleich zu einer neuen Reifengröße: 29 Zoll.

Von der Rarität zum Renner

Anfangs war die Skepsis der Kunden vor allem in Deutschland groß - aber mittlerweile zweifelt kaum noch jemand, dass ein Twenty-Niner in vielen Fällen das bessere Mountainbike ist. Das belegen auch Untersuchungen mit Testfahrern.

Es gab jedoch ein Problem mit den Monsterreifen: Sie waren nur schwer mit kleinen Rahmengrößen zu kombinieren. Und so blieb für alle nicht so groß gewachsenen Mountainbiker weiterhin nur die Größe 26 Zoll. Doch die Produktmanager hatten Blut geleckt: Was mit 29 Zoll funktioniert hat, könnte man doch gleich noch mal probieren, nur halt eine Nummer kleiner.

Das Mantra von den segensreichen größeren Reifen war ja längst in der Welt - und so beschlossen einige Hersteller, eine längst vergessene Zwischengröße neu zu beleben: 650B - mittlerweile von fast allen als 27,5 Zoll bezeichnet.

Im Vorjahr waren 27,5-Zoll-Bikes noch eine Rarität auf der Eurobike. In diesem Jahr sieht man sie fast auf jedem Stand. Hersteller wie Giant, Simplon, Focus, Stevens oder KTM haben bereits vollmundig das Ende von 26 Zoll verkündet. Sie wollen künftig nur noch die Größen 27,5 und 29 Zoll anbieten. Einzige Ausnahme bilden günstige Bikes für Jugendliche und Einsteiger.

"26 Zoll stirbt aus", sagt Volker Dohrmann von Stevens aus Hamburg. Das höre er von vielen Seiten. "Wir glauben an große Laufräder - also an 29 Zoll", ergänzt er. Nur für Fahrer unter 1,70 Meter und bei Federwegen ab 150 Millimetern biete Stevens kleinere Laufräder in der Größe 27,5 Zoll an.

"Die Umstellung lohnt sich"

Giant-Sprecher Sebastian Meyer-Detring begründet den Umstieg von 26 zu 27,5 Zoll mit technischen Vorteilen: "Unsere Ingenieure haben die neue Felgengröße zwei Jahre lang untersucht und sind zu einem klaren Ergebnis gekommen: Das lohnt sich." Genauso hätten sich auch Mountainbike-Profis geäußert.

Doch selbst wenn die meisten Hersteller auf den 27,5-Zoll-Zug aufgesprungen sind - die Branche ist sich nicht wirklich einig. Die amerikanische Firma Specialized etwa hat sich bewusst gegen 27,5 Zoll entschieden: "Die Größe ist zu nah dran an 26 Zoll, um dramatische Vorteile zu ermöglichen", sagt Sprecherin Denise Bannert.

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Dass das 26-Zoll-Segment schrumpft, will man bei Specialized nicht bestreiten. "Wir glauben jedoch, dass die Verschiebung hin zu 29 Zoll geschieht." Inzwischen sei es möglich, selbst kleinere Rahmen mit den großen Reifen zu bestücken. Die Verkaufsstatistiken aus den USA bestätigen das: Etwa 80 Prozent aller abgesetzten MTBs sind Twenty-Niner.

Der deutsche Reiseradspezialist tout terrain setzt jedoch weiterhin auf kleine Reifen. "Nach wie vor kann man mit 26 Zoll die stabilsten Laufräder bauen, was bei Touren sehr wichtig ist", sagt Firmenchef Oliver Römer. Im Reiseradsegment sei zudem die weltweite Ersatzteilverfügbarkeit ein wichtiges Argument.

Hoher Innovationsdruck

Römer hält 27,5 Zoll vor allem für einen Marketing-Trick: "Das ist ein Trend, den die Industrie selbst schafft, um den Absatz anzukurbeln." 29 Zoll sei im Unterschied dazu aber sinnvoll. Die klaren Vorteile im Abrollverhalten gingen allerdings zu Lasten der Wendigkeit und der Steifigkeit der Laufräder, sagt er.

Auf die Fahrradgeschäfte kommen wohl erst einmal schwierige Zeiten zu: Viele ihrer Kunden besitzen technisch hochwertige 26-Zoll-Mountainbikes, für die weiterhin Ersatzteile gebraucht werden. Dazu gehören übrigens nicht nur Mäntel und Schläuche, sondern auch Federgabeln und Felgen. Gleichzeitig drücken Scott, Stevens und Co. mit Macht 27,5- und 29-Zoll-Bikes in den Markt.

"Kein Hersteller kann es sich leisten, die ganze Modellpalette in drei verschiedenen Reifengrößen anzubieten", sagt Urs Rosenbaum vom Schweizer Fachmagazin "Cyclinfo". Der Innovationsdruck sei hoch, jeder wolle jedes Jahr möglichst mit einem komplett neuen Sortiment an den Start gehen.

Da passe die neue Zwischengröße gut ins Konzept - der Abschied von 26 Zoll sei nur logisch. "Dass viele Kunden den Unterschied zwischen 26 und 27,5 Zoll gar nicht bemerken, steht auf einem anderen Blatt."

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1.
Hagbard 28.08.2013
Da werden wir mal schauen. Mein Fahrrad ist so ein 26-Zoll-Rad. Ziemlich betagt zwischenzeitlich aber technisch in Schuss; ich habe keinen Grund, mir ein anderes kaufen zu wollen. In so fern ist für mich die Ersatzteilfrage vielleicht irgendwann einmal von Bedeutung.
2. Sowas von daneben
der_tor 28.08.2013
Ich habe letztes Jahr eine neue Federgabel gesucht, wollte aber bei meiner HS33 bleiben. Es gab genau 3 vernünftige Modelle. Das gleiche Spiel bei den Felgen... Und jetzt noch das. 29er sind schon optisch eine Zumutung. Und 27,5?! Was soll das? Das ist sowas von vorbei am normalen Kunden. Da werden dann über die Pro-Szene Bedürfnisse geweckt, die sonst niemand hätte. Ich könnte k...
3. OmG
dideldum1 28.08.2013
Das ist seit langem der mit Abstand wichtigste Artikel, den ich lese! Oder auch nicht...
4. das war alles schon mal da und verschwindet auch wieder
keksguru 28.08.2013
und meiner Meinung nach ist das Geschmackssache.... ob man nun auf 26 oder 28 fährt ist ein eher kleiner Unterschied, aber es war schon immer "Trend", selbst bei Rennrädern die Reifen größer zu machen... und dann fällt irgendeinem ein "26 ist doch die bessere 27,5"
5. Der Einfachheit halber ...
susiwolf 28.08.2013
Millionen über Millionen 26'er und 28'er - Grössen werden sich nicht einfach verdrängen lassen ! Sie sind einfach da ... und bleiben auch; auch wenn die 'Ober-freaks' auf der Verkaufs- und Nachfrageseite diesem 'neuen Trend frönen mögen' ! *** Kennt jemand noch die amerikanische Firma ('wicked' FAT CHANCE) ? - Seit 25 Jahren geniesse ich diese Qualität. Lack: besser als Daimler-Benz Schweisstoleranz: besser als Daimler-Benz Und so feuere ich weiter auf 26'er Stollen.
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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.


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