Ranking Nabu fordert Hafenverbot für "schmutzige Kreuzfahrtschiffe"

Noch ist die "Aida Nova" nicht getauft, im Ranking des Naturschutzbunds gelangt sie mit ihrem Flüssiggasantrieb bereits auf Platz eins. Für Schiffe ohne Abgastechnik fordern die Umweltschützer Hafenverbot.

DPA


Wenn die "Aida Nova" Ende August wie geplant in Papenburg getauft wird, feiert die Rostocker Reederei eine Weltneuheit. Das 337 Meter lange Schiff mit Platz für etwa 6600 Passagiere ist das erste Kreuzfahrtschiff der Welt, das vollständig mit dem Flüssigerdgas (LNG) betrieben wird. Grund genug für den Naturschutzbund Deutschland (Nabu), den Täufling auf Platz eins seines diesjährigen Kreuzfahrt-Rankings zu setzen.

"Aida Nova"
Aida Cruises

"Aida Nova"

"Alle anderen der 76 untersuchten Schiffe, darunter auch acht von neun Schiffen, die in diesem Jahr auf den Markt kommen, halten am dreckigsten aller Kraftstoffe, Schweröl, fest", teilt der Verein mit. "Ein Skandal", nennt dies der Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller, "dass im Jahr 2018 immer noch Schiffe auf den Markt kommen, die auf Schweröl als Treibstoff ausgelegt sind und keine wirkungsvolle Abgastechnik einsetzen."

Auf die vordersten Plätze gelangten nur noch die Hamburger Reedereien TUI Cruises (ein Joint Venture von TUI und Royal Caribbean Cruises) und Hapag-Lloyd Cruises, da ihre diesjährigen Neubauten über Stickoxid-Katalysatoren verfügen oder auf Landstrom-Versorgung eingestellt sind. Die großen Konzerne - MSC Cruises, Celebrity Cruises und Royal Caribbean - würden in Sachen Umweltschutz kaum etwas bieten.

In Nord- und Ostsee dürfen Handels- und Kreuzfahrtschiffe sowie Fähren seit 2015 allerdings nicht mehr mit Schweröl, sondern nur noch mit einem Dieseltreibstoff unterwegs sein, der maximal 0,1 Prozent Schwefel enthält. Alternativ müssen die Abgase über eine Waschanlage an Bord (Scrubber) gereinigt werden.

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Der Nabu nutzt das Ranking seit Jahren, um auf die Probleme, die die Abgase der Schifffahrt bei Menschen und Natur verursachen, aufmerksam zu machen. Der Einsatz von Schweröl hat gesundheits- und klimaschädliche Emissionen von Schwefel, Rußpartikel, Stickoxiden und Kohlendioxid zur Folge. Vor allem die Einwohner von Hafenstädten werden durch die Luftschadstoffe belastet.

Verursacher ist zum kleinsten Teil die Kreuzfahrtbranche. Doch diese sollte Impulsgeber für die Schifffahrt sein, fordert Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik Nabu-Bundesverband. Zumal sie anders als Handelsschiffe oft weiter in die Städte hineinfahren und aufgrund des Hotelbetriebs an Bord dort rund um die Uhr die Maschinen laufen lassen.

Die Umweltschutzorganisation nimmt auch verdeckte Messungen an Bord von Kreuzfahrtschiffen vor. Die Messmethoden hatte der Kreuzfahrtverband Clia in der Vergangenheit als nicht wissenschaftlichen Standard kritisiert und darauf verwiesen, dass die Reeder ebenfalls das Ziel verfolgten, die Emissionen ihrer Schiffe zu reduzieren. Auch das Kreuzfahrt-Ranking bemängelt der Clia und bezeichnet die Punktevergabe als willkürlich, jedes Jahr würden andere Kriterien zählen.

Die Forderung des Nabu , die Ausstattung der gesamten Kreuzfahrtflotte mit Umwelttechnologien stärker voranzutreiben, werde bereits erfüllt, teilt der Branchenverband in einer aktuellen Stellungnahme mit. 111 der aktuell 253 Schiffen ihrer Mitglieder könnten Abgasnachbehandlungssysteme vorweisen, davon würde ein Großteil in Nord- und Ostsee eingesetzt. Die Behauptung, alle Kreuzfahrtschiffe würden Schweröl nutzen und dabei keine Filtersysteme einsetzen, sei damit falsch.

Nabu: Branche sollte CO2-Ausstoß deutlich reduzieren

Wird LNG statt Schweröl oder Marinediesel als Kraftstoff eingesetzt, bläst ein Schiff kaum noch Schadstoffe in die Luft. Die Kosten und die Logistik der Versorgung stellen jedoch noch hohe Ansprüche an die Reedereien. Einige haben bereits für die kommenden Jahre LNG-Schiffe bei den Werften bestellt, neben Aida sind darunter TUI Cruises, Costa Crociere, P&O und MSC. Dennoch bleibt auch bei den Erdgasschiffen ein Problem: das CO2, da auch Erdgas ein fossiler Rohstoff ist.

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Von Scrubber bis LNG: Umwelttechnik auf Kreuzfahrtschiffen

"Eine jüngst veröffentlichte Studie unseres Dachverbandes Transport & Environment zeigt erneut, dass LNG keinen nennenswerten Vorteil gegenüber Diesel bringt, wenn es um den Klimaschutz geht", sagt Dietmar Oeliger. Zudem hänge der Umweltvorteil extrem davon ab, wo das Gas herkommt, sagte er mit Blick auf Gas, das in den USA mit der umstrittenen Fracking-Methode gewonnen wird. Reeder sollten sich das von ihnen gekaufte Gas zertifizieren lassen.

Mittelfristig müssten Gas aus erneuerbaren Rohstoffen oder mit Wasserstoff betriebene Schiffe das Ziel sein. "Auf langen Strecken sehe ich da aber noch keine Lösung in den nächsten Jahren", sagte Oeliger. Die Branche sollte, so die Forderung des Nabu, Antriebssysteme und Kraftstoffe entwickeln und einsetzen, die den CO2-Ausstoß deutlich reduzierten - sonst seien die Pariser Klimaziele nicht einzuhalten.

Die Umweltschützer fordern zudem ein härteres Vorgehen der Häfen: Ab 2020 sollten "schmutzige Kreuzfahrtschiffe" nicht mehr einfahren dürfen. Darunter versteht der Nabu Schiffe, die keinerlei Abgastechnik an Bord haben. Die Reeder hätten genügend Zeit gehabt, "sich zu entscheiden, ob sie wirkungsvolle Abgastechnik an Bord installieren, saubereren Kraftstoff verbrennen oder sich extern mit Landstrom versorgen lassen", sagt Malte Siegert, Leiter Umweltpolitik Nabu Hamburg.

"Es mangelt nicht an Möglichkeiten, sondern am Willen der politischen Entscheider, der Kreuzfahrtbranche etwas abzufordern", sagt Siegert. Würde solch eine Vorgabe erlassen, rechnet der Nabu allerdings damit, dass die meisten Kreuzfahrtschiffe in die Häfen einlaufen dürften: Viele Schiffe erfüllten diese Kriterien bereits.

Nabu-Kreuzfahrtranking 2018

Platz Reederei Schiff Jungfernfahrt Umweltmaßnahmen
1 Aida Cruises "Aida Nova" 2018 Verzicht auf Schweröl, dauerhafter Betrieb mit schadstoffarmem Flüssiggas (LNG)
2 Hapag-Lloyd "Europa 2" 2013 SCR-Katalysator, Landstromnutzung, Schwerölverzicht während Fahrt in der Arktis
3 Aida Cruises "Aida Prima"/"Aida Perla" 2015-2017 SCR-Katalysator und Rußpartikelfilter laufen nur im Testbetrieb, alternative Energieversorgung im Hafen
5 TUI Cruises "Mein Schiff 3/4/5/6" 2014-2018 SCR-Katalysator, Scrubber wird auch außerhalb der SECA genutzt
10 Aida Cruises "Aida Sol" 2007-2013 Verwendung von Landstrom im Hafen
10 Ponant "Le Champlain"/"Le Laperourse" 2018 SCR-Katalysator
13 Hapag-Lloyd "Bremen/"Hanseatic"/"Europa" 1990-1993 Schwerölverzicht während Fahrt in Arktis
16 weitere 60 Kreuzfahrtschiffe

Quelle: Naturschutzbund Deutschland

abl/dpa

insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
DerBlicker 21.08.2018
1. nicht regulierbar
Man kann nur in den Häfen oder in der Hoheitszone saubere Technik vorschreiben, in internationalen Gewässern kann jeder machen, was er will. Deshalb schalten auch die sauberen Schiffe auf hoher See auf Schweröl um.
Kurt-C. Hose 21.08.2018
2.
Der NABU hat bestimmt auch eine großartige Idee, womit die wirtschaftlichen Ausfälle in einer Hafenstadt wie Hamburg kompensiert werden, wenn 80% der Schiffe hier nicht mehr anlanden dürfen.
none.of.my.business 21.08.2018
3. Schornstein
Der Schornstein von dem Bild stammt nicht von einem Kreuzfahrtschiff, sondern von einem Fährschiff der TT Line
Idinger 21.08.2018
4. Nur logisch
denn eigentlich dürften unsere Diesel-Autos auch nur auf dem Lande (und nicht in den Städten) fahren. Der Hinweis auf Gasverwendung könnte von Gas-Gerd stammen: Alle Kreuzfahrtschiffe versorgen sich in St. Petersburg (und nur dort) mit sauberem und ideologisch unverbrämtem russischen Gas.
Standeck 21.08.2018
5. Und sie, Herr Hose...
haben sicher auch eine tolle Idee wo die Hamburger sich ansiedeln sollen wenn ihre Stadt in einigen Jahren endgültig abgesoffen ist. Aber egal, wenigstens haben noch 4 bis 5 Leute bis dahin ein Vermögen verdient.
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