Nach Extrem-Regen Riesige Kreidebrocken stürzen auf Rügen an den Strand

Nicht nur die Urlauber, auch Rügens Kreidefelsen halten den nassen Sommer nicht mehr aus: Am Wochenende zerbrach ein Massiv bei Sassnitz, Zigtausende Kubikmeter Kreide rutschten in die See. Experten warnen vor weiteren Abbrüchen - und vor Spaziergängen an der Kliffkante.

Nationalpark Jasmund/dapd

Jasmund - Immer mal wieder bröckelt es an Rügens Küste, nun hat Dauerregen erneut zu enormen Kreideabbrüchen an den berühmten weißen Felsmassiven geführt. Nach Angaben des Nationalparkamtes Vorpommern gab am Wochenende ein mehr als 40 Meter breites und 70 Meter hohes Kreidemassiv den aus dem Wald drückenden Wassermassen nach und stürzte in die Ostsee. Verletzt wurde dabei niemand.

Experten rechnen in den nächsten Tagen mit weiteren Abbrüchen und warnen vor Wanderungen unmittelbar an der Kliffkante und am Strand.

In der Nähe des Kieler Ufers, genau zwischen Sassnitz und dem Königsstuhl, waren vermutlich bereits in der Nacht zu Samstag bis zu 30.000 Kubikmeter Kreide hinunter auf den Strand und etwa 50 Meter in die Ostsee hinein gestürzt. Erste Meldungen, in denen von 120.000 Kubikmetern die Rede war, wies das Nationalparkamt am Montag zurück. Dennoch soll es sich bei dem jüngsten Vorfall um einen der größten Kreideabbrüche seit 2002 handeln, als am Kolliker Ort etwa 150.000 Kubikmeter Kreide abgestürzt waren.

Wie viel Gestein dieses Mal tatsächlich heruntergekommen ist, lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt nur annähernd schätzen. "Seit dem Abbruch hat die Ostsee bereits einen Großteil der Kreide weggewaschen", sagte ein Sprecher des Nationalparkamtes am Montag SPIEGEL ONLINE. Geologen seien nun damit beschäftigt, mit Hilfe von Messgeräten das Ausmaß des Schadens zu ermitteln.

Der diesjährige verregnete Sommer habe die Erosion an Rügens Kreidemassiv enorm beschleunigt, sagte Geologe Ingolf Stodian vom Nationalparkamt der Nachtrichtenagentur dapd. "Wir haben im Norden der Insel im Juli Niederschläge von 210 Millimetern registriert", sagte er.

Als wichtigste Ursache für die verstärkten Abbrüche sieht der Experte die extremen Klimaschwankungen in den vergangenen drei Jahren. "Wir haben lange Trockenphasen gehabt und dann wieder Niederschläge bis zum Abwinken." Nach den besonders trockenen Jahren 2008 und 2009 habe im August 2010 eine sehr regenreiche Periode mit 1173 Millimetern Regen und Schnee eingesetzt.

Schmierige Rutschbahnen und kein Hangfuß

Stodian hatte in den vergangenen Jahren den Wasserhaushalt im Nationalpark Jasmund untersucht. Nach seinen Erhebungen nimmt die Vegetation in Deutschlands kleinstem Nationalpark 50 bis 66 Prozent der Niederschlagsmengen auf, während 25 bis 40 Prozent oberirdisch abfließen. Lediglich ein bis zwei Prozent versickert in dem verfestigten Kreideboden, der ein Grundwasserstauer ist und an bestimmten Stellen schmierige Rutschbahnen für die darüber liegenden Bodenschichten bildet.

Gegenwärtig sei die Region total mit Wasser gesättigt, sagte Stodian. Die Moore seien randvoll. Und die Bäche, die die Wassermassen von dem 160 Meter hohen Pikberg über zweieinhalb Kilometer in Richtung Küste transportierten, seien derzeit so reißende Ströme, dass eine Räumung gar nicht erforderlich sei.

Als eine weitere Ursache für die sich häufenden Kreideabbrüche sehen Experten den Anstieg des Meeresspiegels. In den vergangenen 200 Jahren sei der Pegel der Ostsee um 28 Zentimeter angestiegen, sagte Stodian. Das habe zum Verschwinden des früheren Hangfußes geführt, der die Kreideküste geschützt habe.

Statt des 40 Meter hohen und 50 Meter breiten Schuttpegels aus Kreide, Sand und sogenanntem Geschiebemergel sei nun eine senkrechte Kreidewand der Brandung ausgesetzt, sagte Stodian. Material, das jetzt bei Abbrüchen in den Strandbereich stürze, werde meist schon beim nächsten Hochwasser komplett wieder weggespült.

jus/dapd/dpa



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 15.08.2011
1. Was heißt hier...
...Warnung vor Wanderungen an der Kliffkante...das Gebiet gehört mindestens auf 500m agesperrt.....
rebound68 15.08.2011
2. Abschperren
Zitat von fatherted98...Warnung vor Wanderungen an der Kliffkante...das Gebiet gehört mindestens auf 500m agesperrt.....
Genau, wo kämen wir auch hin, wenn du Leute mal selbst aufpassen müssten...
sackpfeife 15.08.2011
3. ...
Zitat von rebound68Genau, wo kämen wir auch hin, wenn du Leute mal selbst aufpassen müssten...
Ich weiß nicht, was so ein blödsinniger Kommentar soll. Wenn Sie schon mal dort gewesen wären, wüssten Sie, dass man von oben meist gar nicht erkennen kann, wie weit man von der Abbruchkante entfernt ist. Von daher muss man sich schon darauf verlassen können, welche Wege als sicher erkannt und freigegeben werden. Insofern ist die Nationalpark-Verwaltung durchaus in der Pflicht.
Hupert 15.08.2011
4. ...
Zitat von rebound68Genau, wo kämen wir auch hin, wenn du Leute mal selbst aufpassen müssten...
Ich würde den Deutschen mal zu viel Eigenverantwortung zutrauen. Der Deutsche (explizit wenn er im Urlaub) wird gern vor vollendete Tatsachen gestellt und deshalb wäre Absperren schon gar nicht so verkehrt.
Pollowitzer 15.08.2011
5. Wieso???
Zitat von HupertIch würde den Deutschen mal zu viel Eigenverantwortung zutrauen. Der Deutsche (explizit wenn er im Urlaub) wird gern vor vollendete Tatsachen gestellt und deshalb wäre Absperren schon gar nicht so verkehrt.
Der Ritt auf einer Kreidekugel gen Ostsee ist doch cooler als jede Achterbahn - Münchhausen läßt grüßen :-)))
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