Nachhaltiger Urlaub Lieber einmal lang verreisen als dreimal kurz

Wir kaufen im Biomarkt ein und beziehen Ökostrom - im Alltag verhalten wir uns umweltbewusst. Aber auf Reisen? Eine Expertin erklärt, wie Nachhaltigkeit im Urlaub aussieht.

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Ein Interview von Anne Haeming


Zur Person
  • Forum Anders Reisen
    Petra Thomas hat Kunstgeschichte und Archäologie studiert. Sie ist die Geschäftsführerin des Forums Anders Reisen. Zu dem Dachverband gehören 130 Reiseveranstalter, die sich auf nachhaltige Urlaube spezialisiert haben.
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SPIEGEL ONLINE: Frau Thomas, wenn ich nachhaltig Urlaub machen möchte, bleibe ich am besten zu Hause auf dem Balkon, oder?

Thomas: Im Prinzip schon. CO2-Emissionen verursacht man auf dem Balkon nun mal kaum. Aber wir wollen niemanden daran hindern zu verreisen, sondern das Bewusstsein schärfen, mit Verantwortung Urlaub zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin verbringen die Deutschen ihre Ferien am liebsten in Deutschland...

Thomas: Auch wenn dahinter nicht notwendig eine entsprechende Lebensweise steht: Reiseziele, die nicht weit weg liegen und schnell erreichbar sind, sind in punkto Nachhaltigkeit schon mal gut. Vor allem, weil man sie auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie der Bahn erreichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es an bei einer nachhaltigen Urlaubsplanung?

Thomas: Zunächst sollte sich jeder fragen: Warum reise ich? Will ich Kultur erleben oder Wellness machen? Dann überlegt man sich, welche Orte dafür in Frage kommen. Für einen Spa-Aufenthalt muss keiner um die halbe Welt fliegen, da reicht vielleicht auch die Ostsee. Und wenn es ans Packen geht, sollte man besser bedenken, dass nicht überall Müll recycelt wird und etwa Verpackungen lieber gleich zu Hause lassen.

SPIEGEL ONLINE: Und vor Ort?

Thomas: Am besten bevorzugt man inhaber- oder familiengeführte private Unterkünfte anstelle von internationalen Hotelketten. Außerdem kann man ja in kleinen Restaurants essen, auf dem Markt einkaufen und Dreirad-Taxis buchen - damit unterstützt jeder die lokale Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Webseite können auch Fernreisen gebucht werden. Wann könnten Flüge ok sein?

Thomas: Eine Überlandreise von Deutschland nach Indien ist zum Beispiel einfach nicht realistisch. Wenn man also um einen Flug nicht herumkommt, sollte man möglichst Direktflüge buchen, da jeder Start und jede Landung zusätzlich Emissionen mit sich bringen. Und lieber einmal lang als dreimal kurz verreisen. Wichtig ist dabei das Verhältnis von Reisedistanz und Urlaubsdauer. Mal eben für ein Wochenende nach New York macht bei dem CO2-Ausstoß keinen Sinn. Bei einem solchen Flug sollte man mindestens zwei Wochen vor Ort bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Aber ich könnte doch für meine New-York-Reise bei Atmosfair grüne Flugmeilen kaufen. Wäre das nicht genug Ablasshandel?

Thomas: Das Wort Ablasshandel höre ich gar nicht gern. Denn im ursprünglich katholischen Sinne erwarb man sich so sein Seelenheil - und darum geht es nicht bei Atmosfair. Das Geld wird investiert in regionale Klimaschutzprojekte, die neue Technologie einsetzen und zugleich die Lebensumstände der Menschen verbessern. Das Prinzip ist vergleichbar mit der längst üblichen Kurtaxe, dank der die Strände vor Ort saubergehalten werden. Es ist verwunderlich, dass sich das noch nicht für die Luft durchgesetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Das Forum Anders Reisen, das Sie leiten, bündelt 130 Reiseveranstalter, die sich der Nachhaltigkeit verpflichtet haben. Ihr Kriterienkatalog ist zwölf Seiten lang. Was muss ein Anbieter alles erfüllen, um Mitglied zu werden?

Thomas: Ist die Anreise ökologisch? Stammen Unterkunft und Verpflegung im Reiseland von lokalen Anbietern, sodass das Geld die dortige Wirtschaft unterstützt? Werden einheimische Kultur und Natur respektiert? Und vor allem: Wir sind eine Dienstleistungsbranche, es sind also viele Menschen involviert, die auch von der Arbeit leben können sollen und idealerweise in Entscheidungen eingebunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade Länder, für die Tourismus wichtig ist, wie der Maghreb oder Ägypten, sind politisch instabiler geworden. Was empfehlen Sie: meiden oder unterstützen?

Thomas: Das lässt sich kaum pauschal beantworten. Zunächst sollte keiner in ein Land reisen, in dem die eigene Sicherheit gefährdet ist. Aber die Frage, ob man mit seinem Urlaub und seinem Geld Diktaturen unterstützt, sollte sich jeder stellen - Nordkorea würde für mich etwa ausscheiden, da es keine private Infrastruktur gibt. Es lohnt zu schauen, wie es um Menschenrechte, Artenschutz oder Kinderarbeit in einem Land bestellt ist. Und wenn ich mich nicht frei bewegen darf, ist das ein Problem. Aber der Boykott eines Landes trifft oft die Falschen. Burma ist ein gutes Gegenbeispiel: Da hat der Tourismus massiv dazu beigetragen, dass sich das Land öffnete.

SPIEGEL ONLINE: Immer beliebter wird Urlaub, in dem man vor Ort umsonst in sozialen oder ökologischen Projekten mitarbeitet - der sogenannte Voluntourismus. Das klingt nachhaltig, ist aber umstritten. Wie gehen Sie damit um?

Thomas: Für diese neue Reiseform mussten wir unseren Kriterienkatalog erweitern. Sehr kritisch sehen wir Waisenhaus-Aufenthalte, wo Kinder für kurze Zeit von pädagogisch nicht ausgebildeten Menschen betreut und nach kurzer Zeit wieder verlassen werden. Aber etwa gegen Voluntourismus-Projekte im Schwarzwald, wo man nach schweren Stürmen hilft, Totholz einzusammeln, ist nichts einzuwenden.

SPIEGEL ONLINE: Wie billig ist zu billig für einen Urlaub, um nachhaltig sein zu können?

Thomas: Wer sich den Preis einer Reise anschaut, kann ganz leicht kalkulieren, ob die Kosten realistisch sind: 1000 Euro für einen Urlaub in der Dominikanischen Republik, in einem Hotel mit Vier-Sterne-Standard, all-inclusive - da kann man davon ausgehen, dass die Menschen vor Ort nicht fair bezahlt werden. Für so einen Preis wird am ehesten an Arbeitsbedingungen gespart.

SPIEGEL ONLINE: Laut der Forschungsgruppe Urlaub und Reisen sagen immerhin zwei von drei Deutschen, dass ihnen im Urlaub Nachhaltigkeit wichtig wäre - gebucht wird aber anders. Woran könnte das liegen?

Thomas: Während das Bewusstsein im Alltag schon stark verankert ist und erneuerbare Energie zu nutzen so normal ist, wie Bioprodukte einzukaufen, dauert es beim Urlaub noch etwas. Ein Grund mag sein, dass der Pauschalreisemarkt von sieben Konzernen bestimmt wird, die 70 Prozent des Umsatzes ausmachen. Da haben es nachhaltige Angebote schwer.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie dieses Jahr schon im Urlaub?

Thomas: Nein, ich fahre aber bald. Nach Südtirol zum Wandern - mit der Bahn.

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insgesamt 104 Beiträge
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steve_burnside 29.07.2016
1. Falsch geschlußfolgert.
Zitat:"Immerhin verbringen die Deutschen ihre Ferien am liebsten in Deutschland..." Das tun vielleicht die meißten Deutschen, aber aus dieser Tatsache lässt sich nicht schließen, dass sie es auch am liebsten tun. Hätten sie die finanziellen Mittel, würde sicher die Mehrheit von ihnen woanders in der Welt hinreisen.
eunegin 29.07.2016
2. eimal lang? Träumereien
Tja, nett wären zwei, drei Wochen Urlaub - nur es soll Menschen geben, die arbeiten und nur kurze Urlaube nehmen können. Ich will auch nicht an irgendwelchen Projekten mitarbeiten, wenn ich sonst 10+ Stunden am Tag arbeite. Der missionarische Ansatz geht mir ebenfalls ab. Ebenso will ich nicht, dass mir auch noch in der kurzen Zeit jemand sagt, was ich zu tun habe und was nicht. Allerdings sind lange Flugreisen ohnehin tabu, denn ich bin dienstlich ohnehin zu viel unterwegs und der Flug(hafen)stress ist kein Urlaub. Im übrigens entspannt es auch, einfach mal zu Hause zu bleiben. Die Dame scheint auch nicht häufig mit Kindern unterwegs zu sein. Versuchen Sie mal, mit zwei Kleinkindern und x Taschen Bahn zu fahren, wenn Sie in die Berge möchten. Der Öko-Bauernhof liegt nämlich auch nicht am Bahnhof.
echoanswer 29.07.2016
3. Ökologie im Urlaub
Nichts weiter als ein neues Geschäftsmodell unter dem Deckmantel des Umweltschutzes.
webersa 29.07.2016
4. @steve
Ich denke, Ihre Schlussfolgerung ist falsch... oder zumindest vorschnell. Der Mallorca-All-Inclusive-Urlaub ist nicht unbedingt teurer als eine Reise in Deutschland. Und woher wissen sie, dass sich die Mehrheit in Wahrheit Fernreisen wünscht? Haben Sie eine private repräsentative Umfrage gemacht?
toscana57 29.07.2016
5. Unglaubwürdig
Flugreisen zu verkaufen und sich nachhaltig und umweltbewusst zu nennen ? Das funktioniert nun wirklich nicht.
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