Neue Ära im Königreich Ab jetzt wird ohne Ende gesoffen - na und?

Nach 80 Jahren bekommen Briten jetzt auch nach 23 Uhr im Pub noch einen eingeschenkt. Doch zur großen Stunde wollte sich keine rechte Feierlaune einstellen. Trinken ohne Ende scheint dem gemeinen Engländer keinen rechten Spaß zu machen. Eine Kneipentour durchs sperrstundenfreie Cambridge.

Von Benedikt Mandl, Cambridge


Cambridge - Ein bisschen ist es so wie auf einer faden Silvesterfeier: Junge Menschen sitzen in kleinen Grüppchen zusammen, plaudern bemüht, blicken immer wieder auf die Uhr. Heimgehen will keiner, schließlich ist doch heute ein großer Abend, so richtig Stimmung kommt aber trotzdem keine auf. Das Semesterende steht vor der Tür und die meisten Studenten sind fest am Lernen oder Schreiben, und außerdem pfeift ein eisiger Wind durch die Gassen von Cambridge. Man muss schon sehr wagemutig sein, um an diesem historischen Abend überhaupt erst in ein Pub zu gehen, geschweige denn bis zur großen Stunde zu bleiben.


Und trotzdem sind einige der Gäste in der "Mill" genau aus diesem Grund hier: der 24. November 2005 ist der Tag, an dem die Briten einer 90-jährigen Tradition Lebewohl sagen und von nun an Pubs nicht länger um 23 Uhr schließen, sondern gemäß einer liberaleren Gesetzgebung jeweils zu dem Zeitpunkt, bis zu dem sie eine Lizenz haben. Im Extremfall dürfen Pubs in England und Wales von nun an rund um die Uhr ausschenken, und das soll heute gefeiert werden. Wenn’s denn bloß nicht so kalt wäre.

Einige große Bars vor allem in London haben sich schon letzten Abend den Spaß erlaubt, um Mitternacht - also exakt beim Inkrafttreten der neuen Gesetze - wieder zu öffnen, die meisten Pubs aber begehen heute die Premiere, auf die Regierung und Opposition in London seit Wochen gespannt warten. Während die Labour Party um Premierminister Tony Blair hofft, dass die neue Gesetzgebung eine effizientere Handhabung der trunkenen Horden zulassen wird, warnen die konservativen Torys davor, dass Großbritannien nun endgültig zum dauerbeduselten Tollhaus wird.

24-Stunden-Lizenz erweist sich als Flop

"Nichts wird sich ändern, das ist doch alles lächerlich", beschwichtigt Nancy McLaughlin. Die 38-jährige Kanadierin lebt seit drei Jahren in England und ist Pächterin des Traditionspubs "The Mill". "Die Leute haben doch nicht plötzlich mehr Geld, bloß weil die Pubs jetzt länger offen haben.“ Ihr eigenes Lokal hat ab heute eine verlängerte Lizenz, bis Mitternacht wird künftig ausgeschenkt, ehe die Messingglocke für die letzten Bestellungen geläutet wird. Trotzdem rechnet die resolute Wirtin damit, dass sie zumindest an den Wochentagen auch weiterhin kurz nach 23 Uhr schließen wird. Die neue Gesetzgebung lässt sie ziemlich kalt.

"Ein kleiner Betrieb wie der unsere kann sich doch gar nicht leisten, die Öffnungszeiten für ein paar wenige Gäste auszudehnen", wirft der Bartender ein und Nancy nickt grimmig. "Ich muss um 7 Uhr morgens aufstehen und die Lieferungen annehmen - wenn wir um Mitternacht schließen, komme ich frühestens um 3 Uhr morgens ins Bett", veranschlagt sie. "Warum soll ich also länger offen halten wollen? Vor allem jetzt im Winter, wo das Geschäft ohnehin nicht so gut geht?"

Mitternacht sei für sie die Schmerzgrenze, und ähnlich dürften es die meisten der traditionell geführten Pubs sehen: Zwar haben sich 40 Prozent aller Alkohol führenden Einrichtungen um eine erweiterte Lizenz beworben - die meisten Pubs schließen aber auch nach den neuen Regelungen zumeist nur eine Stunde später. Die von der Opposition heftig kritisierte 24-Stunden-Schanklizenz erwies sich sogar geradezu als Flop: nur 700 Lizenzen wurden in ganz England und Wales beantragt, zumeist von Supermärkten und Tankstellengeschäften. Nur 240 Pubs waren unter den Antragstellern.

Dass die Zeitungen jetzt nur vom Dauersaufen reden und wie negativ sich die neuen Öffnungszeiten auf die britische Volkswirtschaft auswirken würden mit all ihren versteckten Nebenkosten - das ärgert Nancy. Das gehe an der Realität völlig vorbei und sei so auch schon mal so passiert: "Dieselbe Debatte hatten die Briten in den späten achtziger Jahren, als man Pubs die Ausschank am Nachmittag erlaubte. Tatsächlich ist der Alkoholkonsum dadurch überhaupt nicht angestiegen." Dabei will sie gar nicht bestreiten, dass der Briten Trinkfreudigkeit über die Grenze des Gesunden weit hinausgeht. Das allerdings, so die Wirtin, sei ein gesellschaftliches Problem und nicht die Schuld der Pubs. Eine einfache Lösung dafür gebe es nicht.

"The Eagle" schmollt

Kurz vor 23 Uhr stehlen sich dann einige Gäste aus der "Mill", um den großen Augenblick in einem der versnobteren Pubs in der Innenstadt zu erleben. Das Traditionshaus "The Eagle", in dem schon die Erforscher der DNA-Doppelhelix Watson und Crick ihre Mittagspausen verbrachten, hat sich schmollend an die Tür gehaftet, dass auch weiterhin um 23 Uhr Sperrstunde sei. Die Mischung an Tagungstouristen, Jurastudenten und Möchtegerns, die den "Eagle" zu einem der bestbesuchten Pubs von Cambridge machen, erwies sich offenbar als zu heikel für die Stadtverwaltung: eine Erweiterung der Öffnungszeiten sei abgelehnt worden.

Im "Bath House", gleich neben dem geschmähten "Eagle", geht es deutlich beschwingter zu als in der "Mill". Einige Theaterbesucher lassen den Abend hier ausklingen und ein paar größere Gruppen von Studenten bringen Leben in das Tudor-Gebäude. Das Personal, erklärt der Kellner, sei wegen der verlängerten Öffnungszeiten aber nicht aufgestockt worden. Ein paar Überstunden mehr reichten.

Die restriktive Politik von "Schluss mit lustig" um 23 Uhr hatte die britische Regierung 1915 verhängt, um die Kriegswirtschaft zu stützen. Heute erinnern Englands Innenstädte an den Wochenenden wiederum oft an Kriegsgebiete und die nun ausgedehnten Öffnungszeiten sollen helfen, den allabendlichen 23.15-Uhr-Exzess auf den Straßen einzudämmen. Im "Bath House" wird all das nicht weiters zu Kenntnis genommen. Um 23 herrscht allseits gute Stimmung, bewusst gefeiert wird die neue Ära aber nicht. Kurz vor Mitternacht erschallt dann in anständig englischer Tradition ein herzhaftes "Last orders, please!". Wenige Minuten später werden die letzten Gäste das Pub verlassen und mehr oder weniger nüchtern nach Hause oder in den nächsten Club gehen. Das von vielen Medien beschworene Ende der britischen Pubtradition scheint jedenfalls nicht einzutreten. Jolly good.



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