Business Class bei der Lufthansa: Der Betten-Battle

Von Martin U. Müller

Die Lufthansa nimmt ihre neue Business Class in Betrieb: An diesem Dienstag hebt das erste Linienflugzeug mit umgerüsteter Innenausstattung ab. Der Auslöser für die dringend nötige Auffrischung ist weniger Innovationsfreude - sondern der Druck durch die bessere Konkurrenz.

Neue Business Class der Lufthansa: Schlafliege mit Füßel-Effekt Fotos
DPA

Die Stimmung auf der Hauptversammlung war gereizt: Anfang Mai präsentierte Lufthansa-Chef Christoph Franz seinen Aktionären schlechte Zahlen und durchwachsene Aussichten. Eine Strategie konnte er nicht so recht vorweisen, höchstens eine Taktik: Kosten kürzen, mehr verdienen.

Hinter dem Redner huschten Bilder über eine Leinwand. Sie zeigten neben Flugzeugen Franz' neue Wunderwaffe: die jüngst entwickelten Business-Class-Sitze. Das erste Lufthansa-Flugzeug im Linienbetrieb mit der neuen Ausstattung, eine A330, hebt an diesem Dienstagnachmittag in München Richtung Washington ab. Zwei weitere neue Maschinen des Typs Airbus A330 sowie fünf neu bestellte Boeing 747-8 erhalten demnächst die neuen Sitze. Mit der Umrüstung der Bestandsflotte wird erst ab dem Winterflugplan 2012/2013 begonnen.

Der Produktwechsel war längst überfällig. Manche Lufthansa-Mitarbeiter schämten sich schon für die aktuelle Bestuhlung, oft funktionierten die Sitzmotoren nicht. Wohl jeder Langstrecken-Purser beherrscht die Handgriffe im Schlaf, die die elektrische Sitzverstellung möglicherweise wieder zum Laufen bringen. Auch wartet die Lufthansa bis heute in der Business Class mit einem Sitz auf, der nicht bettähnlich umgestellt werden kann. Von Campingstühlen ist unter Vielfliegern die Rede. Bei anderen Gesellschaften werden schon seit Jahren komplett flache Sitze angeboten.

Nicht zuletzt die Konkurrenz zwang Lufthansa zur Neueinführung. Bei Singapore Airlines etwa ist der Business-Class-Sitz bis zu 86 Zentimeter breit. Auch British Airways, Emirates, Turkish Airlines oder Etihad bieten oft mehr Komfort, nicht selten zu günstigeren Preisen als die Lufthansa. In einem Werbevideo formuliert ein Lufthansa-Projektleiter, dass der neue Sitz "im Prinzip genauso breit wie der alte Sitz" sei. Avantgarde sieht anders aus; was Franz und sein Passage-Chef Carsten Spohr heute als Innovation verkaufen, ist zwar neu, aber in Wirklichkeit nur Mittelmaß.

"Füßel"-Gefahr und nicht überzeugender Komfort

Breites Feedback von Passagieren gibt es zwar noch nicht, aber zumindest waren die neuen Business-Class-Sitze testweise bei einer Boeing 747-400 von Ende August bis Ende Oktober 2011 an Bord. Der Probelauf erfolgte unter Geheimhaltung, die Passagiere wurden separat an Bord gelassen, fotografieren oder filmen war unerwünscht. Nicht bei allen Testkunden kam das neue Angebot gut an: Sie monierten die v-förmige Sitzanordnung, die eher ein "Füßel"-Gefühl hinterlässt. Auch sollen größere oder breitere Passagiere es nicht überragend komfortabel haben, schon gar nicht im Liegen.

Lufthansa lobt deshalb im PR-Film auch lieber die neuen Farben und die Reduktion auf nur noch vier Stellmotoren als den Komfort. Auch das niedrigere Gewicht findet fortwährend Erwähnung, durch das Treibstoff eingespart werden soll. Dinge, die der Gesellschaft beim Sparen helfen, dem Passagier aber wenig bringen.

Zu harte Sitze, die Knie des Hintermanns im Rücken: Auch die groß angekündigte Umrüstung der Lufthansa-Europa-Flotte scheint bei manchen Passagieren nicht gut anzukommen. In einem internen Magazin berichten Mitarbeiter, Kunden bemängelten die Qualität der Sitze: "Der Sitz polarisiert", heißt es. Selbst Geschäftsreisende sehen auf Kurzstrecken kaum mehr einen Anreiz, auf Lufthansa-Verbindungen zu bestehen. In Sachen Sitzkomfort und Service ist kaum ein Unterschied zwischen Air Berlin und Lufthansa erkennbar. Bereits Mitte der neunziger Jahre gab es schon einmal unter dem Druck anderer Fluggesellschaften Diskussionen um die Qualität der Lufthansa-Europa-Flotte.

Heute erweisen sich Vorteile für Vielflieger - etwa im Status eines Senators oder eines HON Circle - an Bord oft als Farce: So bietet Lufthansa für diese Kundengruppe zwar ein automatisches Freihalten des Nachbarsitzes an. Wird die Maschine aber voll, hebt die Gesellschaft den Vorteil auf, um die Maschine voll auslasten zu können. Ab September ist zudem ein Sammeln von HON-Circle-Meilen in der Economy Class nicht mehr möglich. Viele Firmenreise-Richtlinien sehen auf europäischen Strecken jedoch nur Holzklasse-Tickets vor. Dies dürfte die Anzahl an treuen Premiumkunden weiter schmälern.

Abgesessene Sitze, störungsanfälliges W-Lan

Der Einschätzung von Lufthansa-Mitarbeitern stimmt Carsten Spohr, Passagevorstand der Linie, "im Grundsatz" zu. "Ja, wir haben Nachholbedarf in einigen Bereichen unseres Produktes", antwortete er im Intranet auf entsprechende Anmerkungen. Man sei noch nicht bei allen Produkten dort, wo man als "führende Airline" sein müsse.

Spohr weist darauf hin, dass auch Lufthansa aufrüste, spricht vom "größten Investitionsprogramm" in der Firmengeschichte, drei Milliarden Euro würden für die Modernisierung der Flotte ausgegeben. Jeder einzelne Sitze werde ausgetauscht. Auch und vor allem in der Economy Class ist das allerdings mehr als nötig. Auf Langstrecken ist die Lufthansa mit vielen Maschinen, etwa der Boeing 747-400, auf dem Sitzniveau eines Ramsch-Carriers. Individuelle Monitore? Oft Fehlanzeige. Die Sitze? Abgesessen. Das viel gepriesene W-Lan? Störungsanfällig.

Die First Class im Flaggschiff Airbus A380 wartet mit einem kleineren Monitor als bei anderen Fluggesellschaften auf. Salz und Pfeffer kommt manchmal aus Tütchen wie in der Imbissbude. Duschen an Bord, individuelle Kabinen oder ein Fahrservice beispielsweise ins Hotel werden anderswo angeboten, nicht bei Lufthansa. Kleinigkeiten zwar, über die aber Menschen stolpern, die den Gegenwert eines Kleinwagens für einen Flug ausgeben. Auf manchen Strecken plant Lufthansa sogar, die First Class ganz abzuschaffen.

2,56 Euro Gewinn erlöste die Lufthansa zuletzt im Schnitt pro Passagier. Bei der Lufthansa-Tochtergesellschaft Swiss - gut beleumundet für ihre bessere Business und First Class sowie einen freundlicheren Umgang mit Vielfliegern - sind es 15,83 Euro.

Langer Prozess um Meilenentwertung

Vor allem Geschäftsreisende bemängeln schon seit längerem das wenig konkurrenzfähige Lufthansa-Angebot. Doch der oft effiziente Service am Boden, vergleichsweise gute Lounges und das Kundenbindungsprogramm Miles&More werden als gut bewertet. Dagegen gerät das Argument ins Wanken, wegen des Kundenbindungsprogramms Lufthansa zu fliegen. Zuletzt war das Programm in den Schlagzeilen, als der Hamburger IT-Professor Tobias Eggendorfer die Lufthansa erstinstanzlich erfolgreich verklagte. Die Fluglinie hat Rechtsmittel eingelegt, und das Verfahren um eine Meilenentwertung geht in die nächste Instanz; viele Kunden schauen gebannt zu.

Eine Strafanzeige von Eggendorfer gegen die Lufthansa wegen gewerbsmäßigen Betruges wird derzeit noch von der Staatsanwaltschaft Köln geprüft, wie der ermittelnde Staatsanwalt SPIEGEL ONLINE auf Anfrage mitteilte.

Neu ist übrigens die Diskussion um schwache Sitzqualität und bessere Konkurrenten bei der Lufthansa nicht. Schon 1985 ging man mit einer veränderten Business Class an den Start - nicht etwa als Innovator, sondern unter dem Druck von Konkurrenten wie TWA, British Airways oder Pan Am.

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1. Last follower
mruehle@online.de 22.05.2012
Trotz dass ich viel und gerne mit LH fliege schaue ich nicht mit viel Optimismus in die Zukunft. Ich fliege häufig nachts nach Deutschland und hatte mich über die neuen Sitze sehr gefreut. Der Artikel lässt jedoch nichts Gutes erahnen. Warum lehnen die sich nicht an Emirates die super Sitze und Bildschirme haben? Sie haben in der Regel sehr gute und erfahrene Teams aber beim Thema Komfort und Umgang mit Vielfliegern helfen die Konzepte von Controllern nicht.
2. Schlafcomfort bei Lufthansa
hildegardwhite 22.05.2012
Mit Estaunen habe ich von der sogenannte Neuerung bei LH gelesen. Auf einem Flug nach Australien mit der Quantas habe ich diesen Comfort schon in der Business Claas im Jahre 2005 genossen. Also nichts Umwerfendes.
3.
amonn 22.05.2012
Ich bin Anfang 2009 von Miami nach Düsseldorf in der LH Business Class geflogen. Der Service war gut, die Sitzqualität eher nicht. Vor allem dann nicht, wenn ich es mit meinen Qantas-Flügen von Frankfurt über Singapur und Sydney nach Christchurch und zurück vergleiche, bei denen ich sieben Monate später die drei Luxusklassen First, Business und Premium Economy testen konnte. Selbst letztere als "gehobene Holzklasse" war besser als die Business bei LH, von den anderen beiden gar nicht zu reden. Und der Service war nicht nur gut, er war hervorragend... Von daher besteht bei LH mehr als nur Nachholbedarf, denn Qantas ist im Vergleich mit den aktuellen Platzhirschen aus Asien und den Emiraten auch nicht das Maß aller Dinge...
4. Mein Gott, die Sitze und die Rabatt-Marken (Miles & More)
varesino 22.05.2012
Fliegen ist unangenehm: Die Suche nach einem Direktflug vom Flughafen der Wahl zum Flughafen der Wahl. Die Preis-Lotterie. Das ganze Theater bis man endlich seinen Sitz eingenommen hat: Anreise zum Flughafen, natuerlich so, dass man rechtzeitig zum Schlangestehen ankommt. Fussmarsch vom Bahnhof, oder Parkhaus. Kampf mit einem Automaten der den Pass nicht lesen mag. Oder man hat sich schon am Vorabend mit dem Online-Check-In amuesiert. Schlangestehen um seinen Koffer abzuwerfen. Gesichtskontrolle um zum Sicherheits-Check vorgelassen zu werden. Ausraeumen des halben Handgepaecks (Computer, Fluessigkeiten, …) Schuhe und Guertel ausziehen, mit einer Hand die Hose festhalten, mit der anderen die Bordkarte vozeigen. Dann bimmelt es trotzdem und man wird befummelt. Alles wieder einpacken, anziehen, waehrend die Habseligkeiten der anderen Passagiere schieben. Endspurt zum Schlange am Gate, oder warten in der Flughafen Restauration. Meist auch gleichzusetzen mit Anstehen zu exorbitanten Preisen. Dann boarden, neue Schlange mit Gesichtskontrolle um in einen Bus zu kommen. Busfahrt mit anschliessendem Sprint zur Schlange vor dem Flugzeug. Verstauen der Schrankkoffer und zerbrechlichen Geschenke. Dann endlich der Sitz. Danke Airlines dieser Welt. PS: Meistens in Europa in Ecommy unterwegs. Business auf Langstrecke. Reisst es aber nicht raus. Gruss Varesino
5. optional
Rama_V 22.05.2012
Ich habe mich Ende der 90iger Jahre von Lufthansa Langstreckenfluegen verabschiedet. Wer viel in Asien unterwegs ist, fliegt mit Singapore Airlines, ANA, Malaysian oder Cathay billiger und besser. Selbst drittklassige Airlines haben inzwischen individuelle Bildschirme in der Economy Klasse. Nur die Lufthansa meint immer noch ohne diesen Service auskommen zu koennen. Schade eigentlich.
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