Verspätungen EU will höhere Entschädigungen für Bahnkunden

Die Europäische Union will Bahnfahrer bei Verspätungen besser entschädigen und Fahrradstellplätze in allen Zügen zur Pflicht machen. Eine entsprechende Verordnung wurde vom Europaparlament verabschiedet.

Verspätungen beim Bahnfahren (Symbolfoto)
DPA

Verspätungen beim Bahnfahren (Symbolfoto)


Höhere Entschädigungen bei Verspätungen und verpassten Anschlüssen, leichterer Zugang für behinderte Passagiere und Fahrradplätze in allen Zügen - darauf zielt eine Verordnung ab, die das Europaparlament mit sehr großer Mehrheit in erster Lesung verabschiedet hat. Sie soll EU-Vorschriften zu den Rechten von Bahnpassagieren aus dem Jahr 2009 deutlich nachbessern.

Laut Vorlage sollen die Bahngesellschaften verpflichtet werden, bei Verspätungen von mehr als zwei Stunden den vollen Ticketpreis zu erstatten. Bei Verspätungen von bis zu 90 Minuten sollen 50 Prozent, bei Verspätungen zwischen 90 Minuten und zwei Stunden 75 Prozent des Preises erstattet werden. Bei verpassten Anschlusszügen sollen Passagiere Anspruch auf einen Platz im nächsten Zug haben - ohne zusätzliche Kosten. Dies soll auch dann gelten, wenn die Buchungen separat erfolgten.

Derzeit müssen Bahnunternehmen in der EU bei mindestens einer Stunde Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises erstatten, bei zwei Stunden Verspätung sind es 50 Prozent. Wird im schlimmsten Fall eine Übernachtung nötig, muss das Unternehmen auch die Kosten für ein Hotelzimmer tragen.

Fahrradstellplätze sollen Pflicht sein

Im Europaparlament fand am Donnerstag ein Änderungsentwurf aus dem konservativen Lager keine Mehrheit, der die Bahngesellschaften bei "außerordentlichen Umständen" von der Verpflichtung zu Entschädigungen befreien sollte. Das hätte ein "unvorhersehbar großes Schlupfloch für die Eisenbahnunternehmen geschaffen", betonte die SPD-Abgeordnete und Verbraucherschutz-Expertin Evelyne Gebhardt.

Die geplante Verordnung verpflichtet die Unternehmen nun zudem, die Passagiere über ihre Rechte auf Entschädigung zu informieren - etwa auf dem Fahrschein. Behinderte sollen dem Entwurf zufolge künftig direkt am Bahnhof kostenlose Hilfe beantragen können. Derzeit müssen sie sich meist Stunden vorher registrieren lassen.

Schließlich sollen die Bahngesellschaften verpflichtet werden, in allen Zügen Stellplätze für Fahrräder bereitzustellen. Der "nationale Kleingeist europäischer Bahnunternehmen soll künftig Stellplätzen für Fahrräder weichen", kommentierte der deutsche Grüne Michael Cramer.

Kritik von Bahnunternehmen: zu teuer

Der Dachverband der Europäischen Bahngesellschaften (CER), zu dessen rund 70 Mitgliedern auch die Deutsche Bahn gehört, kritisierte das Votum. Der Ticketpreis sei ein entscheidender Faktor für die Wahl des Verkehrsmittels, sagte CER-Sprecherin Eva Böckle. Die Passagierrechte müssten daher erschwingliche und attraktive Preise ermöglichen. Dies habe das Parlament mit seinem Votum nicht berücksichtigt.

Greifen sollen die neuen Vorschriften nach bisheriger Planung ab 2020 - und zwar für alle Bahngesellschaften in der EU, egal ob sie staatlich oder privat sind. Betroffen sind Regionalzüge ebenso wie Schnellzüge, etwa der deutsche ICE oder der französische TGV. Auch für grenzüberschreitende Verbindungen sollen die neuen Vorschriften gelten.

Mit dem Votum erteilte das Plenum seinen Unterhändlern ein Mandat für die nun anstehenden sogenannten Trilog-Verhandlungen mit der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten. Der Rat der EU-Staaten hat sich bisher noch nicht auf eine gemeinsame Position verständigt. Über die Neuregelung entscheiden das Europaparlament und der Rat gemeinsam. Sie müssen sich auf einen Kompromiss einigen.

abl/AFP



insgesamt 9 Beiträge
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shardan 15.11.2018
1. Zu teuer....
Das Argument musste ja kommen. Die DB wäre pleite, wenn sie bei 2 Stunden Verspätung den Ticketpreis zurückerstatten müsste. Dennoch: Gut so! Dort packen, wo es richtig weh tut: Beim Geld. Die Drohung mit teuren Ticketpreisen überzeugt mich jedenfalls nicht wirklich. Es wäre zwar nicht das erste mal, dass die DB ihre Organisationsunfähigkeit am Kunden auslässt. Nur muss sich die DB auch fragen lassen, wie andere Länder (Schweiz, Österreich - personell sicher nicht billiger) es hinbekommen, einigermaßen pünktlich zu fahren - was der DB nur mit Schönlügen gelingt. im DB-Sprech ist alles pünktlich was nicht mehr als 6 Minuten Verspätung hat. Ein Besuch in Japan ist zui empfehlen. Da gibt es richtig Krach, wenn ein Zug 30 Sekunden(!) zu Spät kommt. Nein, man kann das nicht unbegrenzt auf den Fahrpreis umlegen. Denn dann sind die Kunden irgendwann auch weg. Vielleicht sollte man weniger bei den unteren Personalschichten herumdoktern und sich mal die oberen Ebenen genauer ansehen - da geht eh deutlich mehr Geld durch. Da wird sich bestimmt der eine oder andere völlig überflüssige Qualitätsschwätzer finden, Leute, die eher auf politischen Versorgungspöstchen sitzen denn sinnvolle Arbeit machen. Nein, ein "Ich erkläre die Verspätungen für beendet" reicht nicht.
PriseSalz 15.11.2018
2. Stellplätze für Fahrräder?
Ich wäre ja schon froh wenn es Stellplätze für Koffer gäbe. Zumindest auf meinen letzten Reisen in einem ICE waren die nämlich nicht mehr da, mein Koffer (ich kam immer aus Übersee) stand im Gang und behinderte Mitreisende.
alles_auf7 15.11.2018
3. Einfach irrational
So ein Nonsense kann nur Leuten einfallen, welche die Bahn ruinieren wollen. Ein derart komplexes Verkehrssystem störungsfrei zu betreiben, ist unmöglich. Allein weil es schon gegen nicht selbst verschuldete Störungen nicht gefeit ist. Außerdem müsste das Material wesentlich hochwertiger, sprich weniger störungsanfällig sein. Dieses würde aber deutliche Fahrpreissteigerungen nach sich ziehen, denn von nix kommt nix. Und dann gibt es wieder ein Getöse. Ganz zu schweigen vom zusätzlichen Verwaltungsaufwand, den die Beschwerdeverfahren nach sich ziehen. Einfach einen Zug früher nehmen. Oder sich mit dem Auto von Baustelle zu Baustelle stauen.
Daniel Fleck 15.11.2018
4. das muss im gedbeutel weh tun
sonst ändert die Bahn ja nix. Die jetzige Regelung ist ja einfach und kostet die Bahn kaum etwas. bei den teuren Tickets wird das kompensiert. erst wenn die Rückerstattungen so teuer werden dass es schmerzt bemüht sich die Bahn auch um Besserung. inzwischen fangen ja auch zugpersonal etc. an zu streiken. letzte Woche blieb ein zug in Bremen stehen und man wartete auf Ersatzpersonal weil das bisherige Personal Dank 2h Verspätung nicht mehr arbeiten konnte
hello_again 15.11.2018
5. Sitzplatzgarantie
Zu vielen Punkten Stimme ich zu. Auch die Fahrradstellplätze find ich gut. Zu teuer kann kein Argument sein... Was mir unklar ist, die Sitzplatzgarantie wenn der Anschlusszug verpasst wurde, auch bei Einzeltickets. Die Züge sind zu Stoßzeiten jetzt schon übervoll. Wie soll das funktionieren?
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