Neue ICE-Pannenachse Bahnverkehr noch bis Weihnachten gestört

Die Bahn bekommt ihr ICE-Problem nicht in den Griff: Die Fahrgäste müssen monatelang Verzögerungen und Ausfälle in Kauf nehmen - Bahn-Chef Mehdorn kündigt an, dass Notfahrpläne bis Weihnachten drohen. Bei der Überprüfung der Neigezug-Modelle wurde jetzt eine weitere beschädigte Achse entdeckt.


Berlin - Bei ihren technischen Überprüfungen von ICE-Zügen haben Experten eine weitere Achse mit einem millimetertiefen Riss entdeckt. Das habe eine Nachuntersuchung bestätigt, sagte ein Sprecher am Freitag in Berlin. Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte zuvor bereits darüber informiert, dass bei einer Routineüberprüfung an der Antriebsachse eines Neigetechnik-ICE-T eine "Auffälligkeit" entdeckt worden sei.

Die Herstellergruppe der Züge mit Konsortialführer Siemens an der Spitze sei aufgerufen, sich klar zur Sicherheit der Züge und zu den nötigen Inspektionsintervallen zu äußern, sagte Mehdorn. Regressansprüche an die Industrie behalte sich die Bahn weiterhin vor.

Derzeit könnten wegen der Sonderkontrollen der Achsen etwa 40 ICE-T nicht eingesetzt werden, teilte Mehdorn mit. Die Lage werde sich erst allmählich bessern. Bei der Ultraschall-Überprüfung der Züge gebe es einen Stau, der erst nach und nach abgebaut werden könne. "In den nächsten sechs Wochen werden wir keine große Marscherleichterung bekommen", sagte Mehdorn. "Wir hoffen, dass es noch vor Weihnachten klappt."

Der neue Fall einer Achse, die "auffällig gewesen ist", wurde laut Mehdorn am Dienstagabend festgestellt. "Wir wissen noch nicht, was die wirklich hat", gestand der Bahn-Chef ein.

Möglich sei auch hier ein Riss. Dies solle schnellstmöglich mit Sonderprüfungen im Forschungs- und Technologiezentrum der Bahn im brandenburgischen Kirchmöser geklärt werden. Damit gibt es nun zwei Fälle, bei denen Achsen durch die Kontrollen gefallen sind.

Alle 30.000 Kilometer zur Überprüfung

Am Dienstag hatte die Bahn noch mitgeteilt, sie erwarte Einschränkungen im ICE-Verkehr lediglich bis Mitte November. Grund für Zugausfälle und Verspätungen auf vier ICE-Hauptrouten sind technische Probleme mit bestimmten Achsen der Baureihen ICE 3 und ICE-T. Mehdorn sagte, die Bahn verlange von Siemens als dem Konsortialführer der ICE-Hersteller eine verbindliche Festlegung auf die künftigen Wartungsintervalle der Achsen.

ICE-Strecken: Diese Routen sind von Notfallplänen betroffen
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ICE-Strecken: Diese Routen sind von Notfallplänen betroffen

Nach einem ICE-Unfall mit Achsbruch im Juli und dem Fund eines Risses in einer Achse Mitte Oktober wurden die Intervalle mehrmals gesenkt. Derzeit werden die Achsen der ICE-T alle 30.000 Kilometer per Ultraschall überprüft. Die Hersteller hatten ursprünglich ein Intervall von 480.000 Kilometer angegeben.^

Der Bahnchef betonte, dass man mit den häufigen Inspektionen zum Wohle der Kunden auf Nummer sicher gehen wolle. "Wenn die Intervalle eingehalten werden, sind die Züge, die fahren, sicher", sagte er. Doch könne die Bahn mit so kurzen Prüfabständen den Verkehr nicht fahrplanmäßig aufrecht erhalten. "Mit 30.000 können wir nicht leben", sagte Mehdorn.

Die Hersteller seien aufgefordert worden, verbindlich zu sagen, wie oft die Züge inspiziert werden müssen. Dies sei in vier bis sechs Wochen zu erwarten. Schadenersatzansprüche behalte sich die Bahn vor. Das Unternehmen will zwölf weitere ICE anschaffen, hat aber noch nicht entschieden, wo sie gekauft werden. Mit einer Lieferung wird nicht vor 2010 gerechnet.

Wegen der ICE-Probleme und Berichten über seine Bezüge steht Mehdorn zunehmend in der Kritik. Der Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann verlangte in der "Berliner Zeitung" die Ablösung der Konzernspitze und begründete dies unter anderem mit den Achsproblemen beim Schnellzug ICE.

sto/AFP/Reuters/AP



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