Kartografie Anleitung zum Träumen

In Zeiten der Navi-App ist die Landkarte ein Anachronismus. Doch Karten leisten mehr, als uns ans Ziel zu führen: Sie zeigen Unsichtbares - und lassen uns die Welt ganz anders entdecken. Vier Buchtipps.

Karte von Atlantis, 1803
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Karte von Atlantis, 1803

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Die Welt ist anders, als wir sie sehen. Zumindest auf herkömmlichen Karten: Seit der flämische Kartograf Gerhard Mercator 1569 seine berühmt gewordene Weltkarte zeichnete, glauben wir, Deutschland und Europa stünden im Zentrum der Welt und Afrika sei kaum größer als Grönland. Doch die sogenannte Mercator-Projektion beruht auf einer bewussten Verzerrung der Welt. Die war zwar für die Schifffahrt höchst nützlich, vermittelte uns aber ein in vielerlei Hinsicht falsches Bild der Erde .

Stadtpläne, Landkarten und Atlanten sind stets eine Interpretation der Erde - und schaffen es immer wieder, uns neue Perspektiven aufzuzeigen: Auf das, was wir zu kennen glauben, und das, was wir entdecken wollen. Schon immer hat Kartografie also mehr gewollt, als uns von A nach B zu führen. Karten visualisieren Erkenntnisse und Informationen, sie können uns durch den Alltag leiten und manchmal füttern sie unsere Träume und Vorstellungen von der Welt.

Wir stellen vier neue Kartenbücher vor, mit denen Sie die Welt einmal ganz anders sehen können:

1. "Atlas unserer Zeit"

Darum geht's: Wie viele Stunden ist die nächste Stadt entfernt? Welche Meeresgebiete sind unerforscht und wie ist die Welt per Twitter vernetzt? Aufgeteilt in die Kapitel "Land, Luft und Meer", "Mensch und Tier" und "Globalisierung" zeigt Alastair Bonnett, Geograf an der Universität Newcastle, wie sich Verhältnisse auf der Erde verschieben, wenn man die Perspektive ändert - Bonnetts Kartensammlung müsste Schullektüre werden.

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Visualisiertes Wissen: Atlas unserer Zeit

Ein besonderes Buch, weil das Nebeneinander so vieler Aspekte völlig neue Geschichten erzählt. Mitunter stockt beim Blättern zwischen der "Verwundbarkeit durch Naturkatastrophen", den "stark gefährdeten Sprachen" und "globalen Migrationsströmen" regelrecht der Atem.

Der beste Satz: "Weltkarten verdeutlichen ein Problem sofort; so erkennt man beinahe auf den ersten Blick das Ausmaß der Friedfertigkeit oder des Wassermangels auf dem Planeten. Beim genaueren Hinsehen beginnen wir Verbindungen zwischen Ländern, regionale Muster und Ähnlichkeiten zu erkennen, die für ein globales Verständnis entscheidend sind."

Hier bleibt der Finger auf der Karte: Die Nähe nimmt nicht nur zu, wenn man sich anschaut, wo auf Atomkraft und auf erneuerbare Energie gesetzt wird. Distanzen schrumpfen auch mit Blick auf die Weltdarstellung über "Bewohner der USA, die nicht dort geboren wurden": Die dunklen Flecken mit den meisten Emigranten füllen die Flächen von Indien, China, Mexiko, UK - und Deutschland.

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Alastair Bonnett:
Atlas unserer Zeit

50 Karten eines sich rasant verändernden Planeten

übersetzt von Theresia Übelhör

DuMont, 224 Seiten, 29,- Euro (gebunden)

2. "Atlas der erfundenen Orte"

Darum geht's: Eine Insel namens Groclandt, direkt neben Grönland. Eine von Geistern bewohnte Dämoneninsel im Nordwestatlantik. Die Stadt der Cesaren in den Anden. Klingt gut? Sorry, gibt es aber alles nicht.

Ohne satellitengenaue GPS-Daten schlichen sich nun einmal Fehler ein in die Werke der Geographen und Seefahrer - oder sie dachten sich die Orte aus. Wie viel Fantasie mitunter bis ins 20. Jahrhundert in Landkarten steckte, dröselt Edward Brooke-Hitching in so amüsanten, wie erhellenden Texten und anhand atemberaubend gezeichneter alter Karten auf, samt Flora, Fauna und Monstren.

Ein besonderes Buch, weil … es beweist, was Abenteuerlust seit jeher ausmacht: Die Neugier, etwas zu entdecken. Den Leuchtglobus zu Hause zu umrunden und sofort losreisen zu wollen. Nur um dann vielleicht festzustellen, dass die Insel, die seit Jahrhunderten auf allen Karten zu finden ist, gar nicht existiert.

Der beste Satz: "Man braucht bloß mal einen Blick auf die Karten zu werfen, die Kalifornien zur Insel erklärten, am Nordpol den magnetischen Berg Rupes Nigra ins Meer stellten oder Patagonien mit Riesen bevölkerten, um zu erkennen, dass die fiktiven Gebiete geradezu danach schreien, erforscht zu werden."

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Edward Brooke-Hitching:
Atlas der erfundenen Orte

Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten

übersetzt von Lutz-W. Wolff

dtv, 256 Seiten, 30,- Euro (gebunden)

Hier bleibt der Finger auf der Karte: Weit im Westen von Irland landete der Isländer Ari Marsson Ende des 10. Jahrhunderts und beschloss: Das ist Hvitramannaland. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hielt sich dieser Ort in manchen Karten. Heute, so Brooke-Hitching, der die Entdeckertouren von Marsson und anderen nacherzählt, ist man sich fast sicher: Der Isländer meinte Florida. Oder irgendwas bei Mexiko.

3. "Städte der Welt"

Darum geht's: Dieses Buch ist ein Blick nach Vorgestern: Faksimiles alter Karten, auf denen Städte Herrschaftsräume, Handelszentren, Festungen sind. Auf den 230 Radierungen, die die Kartografen Georg Braun und Franz Hogenberg zwischen 1572 und 1617 angefertigt und zusammengetragen haben, zeigt sich, wie Nancy, Cordoba, Bamberg und andere Orte Europas auf einmal sichtbar wurden. Ihre Städte erscheinen teils menschlich, wie Allegorien - die Karten heißen "Porträts".

Ein besonderes Buch, weil … wir so begreifen, wie die Welt vor 200, vor 500 Jahren gesehen wurde. Und wie aus mit Ortsnamen beschrifteten Symbolbildern die Stadtpläne wurden, die wir heute kennen.

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Georg Braun, Franz Hogenberg:
Städte der Welt

Die kolorierten Tafeln von 1572-1617

Taschen, 744 Seiten, 14,99 Euro (gebunden)

Der beste Satz stammt vom Architekten Rem Kohlhaas, der das Vorwort schrieb: "Drei Farben dominieren die Bilder: Grün für Land; Rot für die Stadt und Blau für Wasser, mit seinem Versprechen auf Vernetzung". In Zukunft, glaubt Kohlhaas, wird die Urbanisierung die Farben der Welt verändern: "500 Jahre später wird nur noch Rot übrig sein."

Hier bleibt der Finger auf der Karte: Mit Kohlhaas' Blick eigentlich auf jeder Seite: Denn statt nüchterner Straßenverzeichnisse und Grenzverläufe sind diese Karten Erkundungen von Orten und des Lebens dort. Von irgendwo nähert sich immer eine Schiffsflotte oder eine Kutsche, ein Wandersmann, am Wegrand grasen Kühe. Und mittendrin stets die rot leuchtende Zivilisation mit ihren dunklen Kirchendächern. Es wäre ein Abenteuer für sich, Wien heute mit der Karte von Braun und Hogenberg zu erkunden.

4. "Cartographics"

Darum geht's: Wie prägt der Sommer eine Stadt wie London? Wie wirkt ein Weltatlas, wenn Künstler nur die Schiffsrouten zeigen? Und wie anders zeigt sich eine Region, wenn nur die täglichen Staustrecken oder die Mietpreise zu sehen sind?

Die Pariser Geographie-Professorin Jasmine Desclaux-Salaches hat mit "Les Cafés Cartographiques" eine Plattform für Kartografen weltweit geschaffen - und die 270 besten Werke daraus zusammengetragen.

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Cartographics: Karten, die die Welt erklären

Ein besonderes Buch, weil es illustriert, auf welch vielfältige Weise sich Kartografen, Historiker, Künstler und Soziologen zusammentun, welche Daten sie auswerten, um überraschende Aspekte von Städten, Ländern, Gesellschaften und Kontinenten sichtbar zu machen. Jede Karte ist eine Interpretation der Welt.

Der beste Satz: "Karten sind der rote Faden, der uns durch das Gewühl des Alltags leitet", schreibt die Kartografin Desclaux-Salaches, "und manchmal verleiten Landkarten auch zum Träumen".

Hier bleibt der Finger auf der Karte: Bei der herbstrot-blattgrün leuchtenden Insel, die die Designerin Jill Hubley aus New York City gemacht hat. Sie schlüsselt den Baumbestand der Stadt nach ihrer Gattung auf, von Birken über Japanischen Ahorn bis zu Tulpenbäumen. Die dunklen Lücken dazwischen sind der Asphalt, die Wolkenkratzer und die Wiese des Central Parks.

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Jasmine Desclaux-Salachas:
Cartographics

Die Kunst der Kartengestaltung

Prestel, 256 Seiten, 39,95 Euro (gebunden)



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
theroadtoutopia 25.11.2017
1. Dass die Mehrzahl keine Karten mehr benutzt...
...hat manchmal unglaublich schöne Auswirkungen. Wenn ich in den letzten Jahren auf meiner liebsten Nordseeinsel die Hauptwege verlasse und die in der Karte eingezeichneten und selber handschriftlich ergänzten Trampelpfade und Pferdewege betrete, treffe ich normalerweise keinen Menschen mehr und kann in Ruhe die Natur geniessen, Vögel und Landschaft fotografieren. Vor einigen Jahren war das noch nicht so, obwohl damals weniger Besucher auf der Insel waren. Dafür ist auf den Hauptwegen inzwischen ein Fahrrad- und Fussgängergedränge.
till_wollheim 27.11.2017
2. Ein Navigationsgerät hat einen zu kleinen Bildschirm - daher hat
... die Karte noch lange nicht ausgedient. Also auf Wanderungen geht es nach wie vor besser mit Karte als mit Navi. Nur leider gibt es z. B. von NRW keine Wanderkarten mehr. Auch nicht auf CD! Das ist ein Skandal. Ich hoffe die CDU macht das wieder besser! Ich drucke immer das Zielgebiet von der TOP25-DVD auf A 3 aus und das Garmin brauche ich dann nur wenn ich mich verlaufen habe um mich auf der Karte zu referenzieren. Aber auch im Auto sollte man immer eine Karte dabei haben, denn die Navis sind nach wie vor sowas von unvollkommen, daß man immer noch besser die Reise an der Karte plant und dann das Navi nur als Referenz nimmt!
dickebank 28.11.2017
3. Die CDU?
Zitat von till_wollheim... die Karte noch lange nicht ausgedient. Also auf Wanderungen geht es nach wie vor besser mit Karte als mit Navi. Nur leider gibt es z. B. von NRW keine Wanderkarten mehr. Auch nicht auf CD! Das ist ein Skandal. Ich hoffe die CDU macht das wieder besser! Ich drucke immer das Zielgebiet von der TOP25-DVD auf A 3 aus und das Garmin brauche ich dann nur wenn ich mich verlaufen habe um mich auf der Karte zu referenzieren. Aber auch im Auto sollte man immer eine Karte dabei haben, denn die Navis sind nach wie vor sowas von unvollkommen, daß man immer noch besser die Reise an der Karte plant und dann das Navi nur als Referenz nimmt!
Das Landesvermessungsamt NRW in Bonn Bad Godesberg ist unter Rüttgers (CDU) gerupft worden und hat dabei größtenteils die kartographische Abteilung inklusive der Druckerei und der Druckplattenherstellung (Gravuren) sowie die Eigenständigkeit als Landesoberbehörde verloren. Die TK25 sowie die TK50 werden heute mithilfe von Luftbildern nachgetragen und ggf. durch Inhalte der DGK5 ergänzt. Die DGK5 wird nur zum Teil mithilfe der Liegenschaftskarten (Katastervermessung) fortgeführt. Die TK25 (Generalstabskarte) war früher Grundlage für die karthographische Überarbeitung z.B. als Wanderkarte.
Dornröschen R. 29.11.2017
4.
Tolle Tipps, danke! Passt zwar thematisch nicht ganz, aber wir haben auch ein tolles Kinderbuch zuhause, das den Blick weitet: über ungewöhnliche Häuser. Da gibt es z.B. ein Haus, wo die Außenwände nur aus blickdichten weißen Vorhängen bestehen (Tokio) oder eine Wohnkugel aus Holz, die bloß an dicken Seilen in einem Baum hängt (Kanada) oder oder ein Erdhöhlen-Haus. Schön bunt, unterhaltsam und einfach -> "Treppe, Fenster, Klo. Die ungewöhnlichsten Häuser der Welt."
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