Neue Luftverkehrsabgabe Ryanair streicht fast ein Drittel der Flüge ab Hahn

Der Billigflieger Ryanair stellt wegen der angekündigten Luftverkehrssteuer neun Flugverbindungen von seinem wichtigsten deutschen Drehkreuz Hahn ein. Nach Angaben der Fluglinie sind eine Million Passagiere von den Streichungen betroffen.

Ryanair-Maschinen am Flughafen Hahn: Heftige Kürzungen wegen der neuen Abgabe
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Ryanair-Maschinen am Flughafen Hahn: Heftige Kürzungen wegen der neuen Abgabe


Frankfurt/Main - Der irische Billigflieger Ryanair streicht wegen der Luftverkehrssteuer den Flugplan für Deutschland zusammen. An der wichtigsten deutschen Basis am Hunsrück-Flughafen Hahn in Rheinland-Pfalz sollen neun Strecken gestrichen werden - was knapp 30 Prozent der bisherigen Flüge pro Woche im Sommer entspricht.

Die Zahl der wöchentlichen Flüge von seinem Deutschland-Drehkreuz solle von 532 auf 382 sinken, teilte das Unternehmen am Mittwoch in Frankfurt am Main mit. Die Zahl der Passagiere werde dadurch jährlich voraussichtlich um eine Million sinken, zudem seien 150 Jobs bei Ryanair sowie tausend weitere in der Zulieferungsindustrie gefährdet. "Die Nachfrage nach Flügen ist vom Preis der Flüge abhängig", sagte Ryanair-Manager Michael Cawley am Mittwoch. Als Zeitpunkt für die Streichung nannte die Fluglinie den Sommer 2011, lediglich die Verbindung nach Berlin wird schon zum Winterflugplan 2010 wegfallen.

Mit etwa 3,8 Millionen Fluggästen 2009 zählt der Airport Hahn zu den wichtigsten Regionalflughäfen in Deutschland. Größte Passagier-Airline mit einem Anteil von rund 95 Prozent ist Ryanair. Der Terminalausbau des Flughafens Hahn war wegen der neuen Ticketsteuer gestoppt worden. Der Flughafenbetreiber wollte nach eigenen Angaben abwarten, welche Auswirkungen die Abgabe auf das Reiseverhalten der Passagiere hat.

Weitere Kürzungen in Deutschland möglich

Zu den anderen Flugzielen in Deutschland machte die Sprecherin nur Andeutungen: Weitere Kürzungen würden kommen, Details seien aber noch nicht geplant.

Ryanair hatte schon vorher die angekündigte Luftverkehrsabgabe kritisiert. "Die Maßnahme wird der Destination Deutschland in vielerlei Hinsicht schaden und zum Verlust von Einnahmen aus dem Tourismus und Arbeitsplätzen führen", hatte Unternehmenschef Michael O'Leary im Juni gesagt. Bereits Ende Juni hatte die Fluggesellschaft bekanntgegeben, im Winter Verbindungen in Großbritannien einzusparen - ebenfalls wegen einer dort erhobenen Luftverkehrsabgabe.

Die 380 Arbeitsplätze am Flughafen Hahn sind nach Angaben des Betreibers nicht in Gefahr. "Wir werden keine Mitarbeiter entlassen", erklärte der kaufmännische Geschäftsführer der Flughafen Frankfurt-Hahn GmbH, Wolfgang Pollety, am Mittwoch. Der Airport sei auf die Situation vorbereitet, das Geschäftsmodell stehe auf zwei starken Säulen. "Fracht ist derzeit unser Wachstumsmotor", sagte Pollety. Dadurch sollten schwächere Phasen im Passagiersegment ausgeglichen werden.

Zunächst keine Konsequenzen bei deutschen Fluglinien

Die Bundesregierung hatte die Luftverkehrsabgabe von bis zu 45 Euro pro Ticket in Zusammenhang mit dem Sparpaket beschlossen. Die Steuer gilt schon jetzt bei Buchungen für Abflüge vom 1. Januar 2011 an.

Bei Lufthansa und Air Berlin sind zunächst keine Änderungen der Flugpläne wegen der künftigen Abgabe geplant. "Wir hoffen, dass es keine eklatanten Folgen haben wird", sagte ein Sprecher der Lufthansa am Mittwoch. Die Steuer werde zum Großteil an die Kunden weitergegeben. Es sei zu hoffen, dass die Regierung wie angekündigt möglichst schnell die Auswirkungen prüfe und Konsequenzen daraus ziehe.

Auch Air Berlin zieht zunächst keine Konsequenzen. "Wir werden beobachten, ob und wie die Luftverkehrssteuer das Verhalten unserer Fluggäste verändert", sagte der Sprecher der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft, Peter Hauptvogel, am Mittwoch auf Anfrage. Danach werde das Unternehmen entscheiden.

Die Fluglinie Germanwings prüft dagegen schon die Möglichkeit von Starts auf ausländischen Flughäfen. "Wenn die Passagiere abwandern, dann müssten wir denen auch folgen", sagte Germanwings-Sprecher Heinz Joachim Schöttes am Mittwoch. "Das heißt, dass wir uns grenznahe ausländische Flughäfen jetzt anschauen und gucken, ob wir eventuell von dort aus starten." Germanwings könne nicht "auf Dauer mit leeren Flugzeugen fliegen", man schaue sich das Buchungsverhalten der Passagiere an.

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Ausnahmeregelung für Inselflüge

Die geplante Ticketabgabe wird bei Inselflügen in Deutschland sowie Flügen von und zu dänischen sowie niederländischen Nordseeinseln nicht fällig. Auf diese Ausnahme hat sich der Haushaltsausschuss des Bundestags verständigt. Auf eine solche Regelung hatten die Küstenländer seit längerem gedrungen.

Die am Dienstagabend beschlossenen Gesetzespläne sehen vor, dass Flüge auf Inseln, die maximal 100 Kilometer Luftlinie von der Küste entfernt sind und nicht durch Schienen- oder Straßenverkehr mit dem Festland verbunden sind, von der Luftverkehrsabgabe befreit werden.

Das geht aus dem Änderungsantrag von Union und FDP hervor. Ursprünglich hatte die Koalition nur Ausnahmen für Insulaner, Patienten und Passagiere mit hoheitlichen Aufgaben vorgesehen. Alle anderen sollten acht Euro Steuer pro Strecke zahlen. Jetzt wird auch ein Teil des Urlaubsflugverkehrs nicht durch die Abgabe belastet.

sto/dpa/AFP



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