Notfahrplan der S-Bahn Berliner steigen um

Nur ein Drittel der Züge ist im Einsatz: Die Berliner S-Bahn verkehrt wegen Wartungsarbeiten nach einem Notfahrplan. Der befürchtete Verkehrskollaps blieb aus - auch dank der Hilfe aus München und Stuttgart.

Von Alex Wolf


S-Bahnhof Alexanderplatz, kurz nach halb acht Uhr, mitten in der "Rush-Hour" des morgendlichen Berufsverkehrs. Zwei Bahn-Mitarbeiter mit orangefarbenen Westen stehen vor den Rolltreppen zu den S-Bahn-Gleisen, die heute abgesperrt sind. Die beiden langweilen sich. Seit dem frühen Montagmorgen warten sie auf die Massen verwirrter Touristen und gestresster Berufspendler - doch das in den vergangenen Tagen befürchtete Verkehrschaos will sich nicht einstellen.

"Fast alle scheinen Bescheid zu wissen. Es gibt nur wenig für uns zu tun, die Lage ist wirklich ruhiger, als wir erwartet haben", sagen auch die Helfer, die sich auf den Bahnsteigen postiert haben, um die Reisenden auf den richtigen Weg und in den richtigen Zug zu führen. "Die Leute sind sehr verständnisvoll, aber bisher haben wir auch noch jeden in einem Zug unterbekommen." Natürlich gebe es wie immer auch ein paar wütende Passagiere, die sich über die Zustände beschweren.

So echauffiert sich zum Beispiel ein Geschäftsmann auf dem Weg nach Potsdam: "Mich erinnern die Zustände an die Dritte Welt". Ihn treffe es zwar nicht persönlich, da er flexible Arbeitszeiten habe, "aber für viele ist das doch eine echte Katastrophe".

Seit den frühen Morgenstunden gilt in Berlin ein Notfallfahrplan, weil S-Bahnen zur Sicherheitsüberprüfung müssen. Nur ein Drittel der Züge ist unterwegs, der gesamte Verkehr auf der Ost-West-Trasse durch die Innenstadt ist gekappt. Zu Hilfe kamen den S-Bahnern der Mutterkonzern Deutsche Bahn, die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) und das Konkurrenzunternehmen Prignitzer Eisenbahn, das eine Strecke im Osten der Stadt übernahm. Sogar aus München und Stuttgart kam Unterstützung - vier S-Bahnen aus Süddeutschland fahren zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz, um den Pendelverkehr zu entlasten. Außerdem seien Regionalzüge aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und aus Nordrhein-Westfalen im Einsatz, sagte ein Sprecher.

Ruhiger Arbeitstag für die Polizisten

Im Zehnminutentakt fahren am Alex doppelstöckige Regionalzüge ein, die den Ostbahnhof und den Bahnhof Zoo provisorisch verbinden. Trotz Gedränge beim Einsteigen ist letztendlich sogar für Fahrräder meistens noch Platz. Für alle Fälle wurde sogar Polizei an den wichtigen Nahverkehrs-Knotenpunkten stationiert, doch auch die Beamten können sich bisher über einen ruhigen Arbeitstag freuen: "Wir sind für die Sicherheit der Bahnreisenden verantwortlich. Aber der große Andrang bleibt bisher aus. Die Leute haben sich umorientiert. Außerdem sind ja Ferien - das entspannt die Situation zusätzlich", sagt ein Polizist.

Für Berufspendler Frank Härting ist die Situation zwar "gewöhnungsbedürftig", er habe sich aber bereits am Wochenende informiert und laufe daher auch nicht Gefahr, zu spät zur Arbeit zu kommen. "Ich musste aber eine halbe Stunde früher das Haus verlassen, damit ich pünktlich ankomme." Grundsätzlich sei er froh, dass so gut über die Ausfälle informiert wurde: "Man wusste ja, was auf einen zukommt. Ich habe mir einfach die neuen Fahrpläne und die Infos über Ersatzzüge aus dem Internet ausgedruckt", so der 35-Jährige. Für Touristen aber könne das alles schon verwirrend sein, glaubt Härting.

Tatsächlich fehlen englischsprachige Hinweise an den Bahnsteigen, für Touristen aus dem Ausland ist die Orientierung daher schwierig. "Wenn ich nicht ein bisschen Deutsch könnte, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zu finden", beklagt sich Elise Wagner aus New York. Die Busse und U-Bahnen seien aber nicht übermäßig voll gewesen. "Da bin ich aus anderen Städten ganz andere Dinge gewöhnt."

Leichter ist es für das Ehepaar Koch aus der Schweiz: "Wir sind gestern angekommen und wussten nichts von den geänderten Fahrplänen", sagt Johanna Koch. "Aber ein BVG-Fahrgastbetreuer hat uns den Weg zum richtigen Bus gezeigt."

Volle Züge auf der Linie 1

Der Notbetrieb sei "unter dem Strich relativ gut angelaufen", sagte ein Bahnsprecher. Lediglich in der Nord-Süd-S-Bahn, der Linie 1, klagten Fahrgäste über drangvolle Enge. Auch nahmen am frühen Morgen einige der wenigen fahrenden Züge mit stundenlanger Verspätung ihren Betrieb auf. Der Bahn-Sprecher nannte das "dispositive Probleme": Das Unternehmen hatte Schwierigkeiten, die Züge an die richtigen Abfahrtorte zu bringen. In einer ersten Bilanz meldete das Verkehrsunternehmen BVG, dass Bahnen und Busse vor allem zu den Umsteigepunkten an der Ringbahn deutlich voller als üblich gewesen seien. Viele Berliner stiegen jedoch auch aufs Rad um oder fuhren mit dem Auto, um pünktlich zur Arbeit zu kommen.

Die Gewerkschaft Transnet wies darauf hin, dass auch die rund 3000 Mitarbeiter der S-Bahn Opfer der aktuellen Misere seien. "Sie müssen häufig als Blitzableiter für die Kunden herhalten." Die Gewerkschaft bat die Kunden um Verständnis für die Lage der Mitarbeiter und verlangte vom DB-Konzern vollständige Ursachenforschung und ein neues Personalkonzept für die S-Bahn.

Die S-Bahn hat wegen der Sicherheitsüberprüfungen der Räder an ihren Zügen bereits seit Wochen Probleme, die sich nun noch einmal massiv steigerten. Von 551 Zugeinheiten seien nur noch 165 im Einsatz, sagte der Sprecher. Befördert die S-Bahn normalerweise 1,3 Millionen Passagiere am Tag, so schrumpfte die Kapazität nun auf ein Drittel.

Der Mutterkonzern DB hat bis zum 10. August stufenweise Besserung versprochen. Am 15. August beginnt im Olympiastadion die Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Eine vollständige Normalisierung des S-Bahn-Verkehrs wird erst für Dezember erwartet.

Mit Material von AP und dpa



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