Öko-Aktivist Rothschild: Das Müll-Traumschiff

Von , San Francisco

Auf 12.000 Plastikflaschen über den Pazifik: Der Öko-Aktivist und Bankiersohn David de Rothschild will mit einem Katamaran aus Müll ein Zeichen setzen - gegen die Verschmutzung der Weltmeere und für Recycling. SPIEGEL ONLINE hat den Abenteurer in seiner Werft besucht.

Das Müll-Traumschiff gibt es gleich zweimal in der morschen Werft am Pier 31. Einmal als plumpes, von der Decke baumelndes Bootsungetüm aus leeren Plastikflaschen. Und einmal als Computergrafik: Gekrönt von einer futuristisch wirkenden, kokonförmigen Kajüte zerschneidet es mit schlanken Kufen das virtuelle Polarmeer.

Die zwei Schiffe sind verschiedene Entwicklungsstadien einer Idee, eines symbolischen Extremsport-Events, das die Beziehung der Menschheit zum Abfall, den sie produziert, in Frage stellen soll: David de Rothschild, Öko-Aktivist, Extremsportler und Spross der britischen Bankierfamilie, baut in Kalifornien einen 20 Meter langen Katamaran, der fast ausschließlich aus 12.000 miteinander verschnürten, ausgedienten Plastikflaschen besteht.

Mit dem plumpen Prototypen ist er vergangene Woche in der Bucht von San Francisco gesegelt und hat damit medial für Aufsehen gesorgt. Er posiert jetzt öfter für Fotografen, im Designer-Hemd und mit Sechstagebart in seiner Werft, zwischen Müllbergen, hölzernen Designstudien und wirren Schaubildern. Rothschild sagt Sätze wie "Müll ist nicht der Feind" und "Müll ist Rohstoff kreativer Gestaltung" und drückt vor den Kameras Beulen in PET- und Plastikflaschen.

"Segelndes Mahnmal"

Dumpfes Hämmern hallt durch die baufällige Werft. Helfer in gelben Handschuhen pulen rote Coca-Cola-Aufkleber von bauchigen Flaschenwänden. Eine Frau mit regenbogenfarbener Wollmütze schneidet Tücher aus gepresstem Plastik für das Skelett der Bordwand zu.

Im Sommer will Rothschild auch das futuristische Müll-Traumschiff, das auf der Computerskizze zu sehen ist, fertig gebaut haben und damit den Pazifik besegeln: von San Francisco nach Sydney, vorbei an Honolulu, Oahu und dem Bikini-Atoll, fast 18.000 Kilometer weit über eine hoffentlich angemessen dramatisch wogende See.

"Es geht darum, Menschen durch Drama wachzurütteln", sagt Rothschild. "Ich will ein segelndes Mahnmal setzen." Er wirft eine PET-Flasche durch die Luft. Krachend landet sie auf einem der Müllhaufen.

Allein in den USA werden jährlich gut 6,8 Millionen Tonnen Plastik produziert aber nur rund 450.000 Tonnen recycelt (siehe Infobox). Rothschild will nun die Idee der Wiederverwertung auf eine neue, kreative Stufe stellen. "Ich will der Menschheit zeigen, dass man aus vermeintlichem Müll ein Schiff bauen kann, mit dem man atlantischen Stürmen trotzen kann", formuliert er seine Werbebotschaft.

Rothschilds Müllschiff-Utopie trägt den Namen "Plastiki", in Anlehnung an die "Kon-Tiki", ein Floß aus Balsaholz, mit dem der norwegische Kamikaze-Kapitän Thor Heyerdal 1947 von Peru aus über den Pazifik segelte. Der Ozeanritt, den Rothschild plant, ist indes weit weniger todesmutig. Begleiten lässt sich der Abenteurer von Kameras und einem stets in Reichweite befindlichen Rettungstrupp.

Für Rothschildsche Verhältnisse ist das bemerkenswert unextrem. Der vollbärtige Sohn einer reichen Familie überquerte 2006 die Arktis von Russland nach Kanada in gut hundert Tagen, ein eisiger Marsch am Limit, der bislang nur wenigen gelang. Die grönländische Eiswüste durchwanderte er gar in Rekordzeit und bekam dafür einen Eintrag im Guinness Buch.

Abtauchen im Müllstrudel

Doch um Gefahr geht es nicht. Sie ist dieses Mal nur Mittel zum Zweck. "Es geht eher darum, Umweltschutz als Abenteuer zu verkaufen", sagt Rothschild, "die zentrale Botschaft eine Geschichte zu stricken."

Für diesen Zweck gründete er 2005 Adventure Ecology, eine Umweltschutzorganisation, die sich medial deutlich smarter inszeniert, als es viele andere Öko-Aktivisten tun. Statt zu moralisieren, setzt Rothschild auf Eventmarketing. Er setzt sich selbst Extremsituationen aus, um für den Umweltschutz Gehör zu finden. "Abenteuer bedeutet Event und Event bedeutet Aufmerksamkeit", sagt er. "Moderne Umweltschützer sollten sich diese vielfach bewährte PR-Strategie stärker zunutze machen."

Highlight des "Plastiki"-Abenteuers soll ein Abstecher zum Müllstrudel ( mehr bei SPIEGEL Wissen...) werden, jenem Offshore-Abort, an dem sich die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen angsteinflößend manifestiert. Der Müllstrudel, auch Great Eastern Pacific Garbage Patch genannt, ist ein gewaltiges Müllfeld mitten im Meer. Strömungen haben den im Ozean treibenden Unrat an einem Punkt im Pazifik zusammengeschwemmt - auf einer Fläche, die mittlerweile doppelt so groß wie Texas ist.

Der Müllstrudel besteht zu einem Großteil aus Plastikabfällen, die sich nicht zersetzen, sondern nur in kleinere Teile zerrieben werden und die Fauna der Meere bedrohen. Und deren schädliche Inhaltstoffe, aufgenommen von Fischen, letztlich wieder beim Menschen landen - auf ihrem Teller.

Sollte Rothschilds 12.000-Flaschen-Boot auf seiner Pazifikfahrt nicht selbst zu giftigen Treibgut zerfallen, das denGarbage Patch noch vergrößert, soll es schließlich im Müllstrudel ankern. Rothschild will darin abtauchen - und der Menschheit via Unterwasserkamera und Internet-Livestream die Konsequenzen ihrer Abfallproduktion vor Augen führen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. hoffentlich hält es!
razfaz 14.04.2009
Bleibt nur zu Hoffen, das der Katamaran nicht auseinander fällt uns anschliessend kein 12.000 Plastikflaschen im Meer treiben. mfg razfaz
2. Endlich...
Firedancer 14.04.2009
...mal jemand der begriffen hat, dass ein simples: "Dagegen" nicht ausreicht, um die Menschen wachzurütteln.
3. Dualer Rohstoff
Edgar 14.04.2009
Letztendlich spielt es energietechnisch keine Rolle, ob Plastikflaschen recycled werden oder nicht. In Müllkraftwerken liefern sie nach ihrem Erstgebrauch wertvolle Energie und sparen dadurch wieder Öl. Der Rohstoff Öl macht also nur einen Umweg über die Flasche, bevor er das Schicksal erleidet, das ihm als Benzin für Autos sofort ereilt. Und die Menge von 100.000 Tankfüllungen ist ja wohl, gemessen am Gesamtverbrauch, nur marginal. Recycling ist also erst mal gar nicht das Thema, sondern die Entsorgung des Mülls an sich. Am besten sollte man ihn natürlich gar nicht entstehen lassen. Wenn ich sehe, wie viele Menschen beim Einkauf riesige Mengen blankes Wasser in Plastikflaschen kaufen und nach Hause nehmen, obwohl in Deutschland, von Ausnahmen abgesehen, das Wasser aus der Leitung vor allem in hygienischer Hinsicht qualitativ besser ist, kann ich nur den Kopf schütteln. Aber da es ein gutes Geschäft ist, den Leuten etwas zu verkaufen, das sie eigentlich so gut wie gratis haben könnten, werden wie weiterhin sinnlos Öl verschwenden um Wasser abzufüllen, zu transportieren, zu verkaufen und mit dem Auto (möglichst einem SUV) nach Haus zu fahren. Als nächstes verkaufen sie und wohl Luft in Dosen...
4. keine schlechte Idee
RogerT 14.04.2009
keine schlechte Idee, zumal hier jemand mit dem nötigen Kleingeld dahinter steckt. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen wirklich gute und brauchbare Ideen haben, unsere Umwelt zu schützen, aber kein Geld und keinen Einfluß, um etwas zu bewirken oder sich überhaupt irgendwie Gehör zu verschaffen. Von daher brauchen wir Leute wie diesen Bankiersohn David de Rothschild.
5. Endlich !
Nikocc 15.04.2009
Wunderbar, weiter so. Endlich wird mal wieder der Garbage Patch, dieser Müllstrudel, angesprochen. Wachstum, Wachstum über alles. Ein Drama, wenn die Produktion und Konsum um 5% sinkt, Weltwirtschaftskrise und die Erde erstickt im Dreck. Kompliment für diesen Artikel und an Herrn Rothschild!
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