Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Chinesin auf dem Oktoberfest: Ein Zelt aus einer anderen Welt

Oktoberfest: München dreht durch Fotos
Minji Yao

In China gelten Deutsche als ordentlich, diszipliniert und gut erzogen. Auf dem Oktoberfest überprüft Minji Yao aus Shanghai diese Klischees - und ihre eigene Trinkfestigkeit.

Als ich meinem Vater erzählte, dass ich zum Oktoberfest fahre, war er alles andere als begeistert. "Du meinst dieses Bierfest?", fragte er mich am Telefon, nachdem er im Internet nachgeforscht hatte. "Deine Redaktion schickt dich ganz allein zu einer Million betrunkenen Männern? Lass mich mal mit deinem Chef reden!" Er klang, als würde er am nächsten Tag in ein Flugzeug steigen, um den Ausflug persönlich zu verhindern.

"Papa, mach dir keine Sorgen, Deutsche sind total langweilig", versuchte ich ihn zu beruhigen. "Die sind total zivilisiert, selbst wenn sie völlig betrunken sind." Das schien ihm einzuleuchten, schließlich passt es zu den bei uns verbreiteten Vorurteilen.

Wenn Chinesen über Deutsche sprechen, bemühen sie gerne Vergleiche mit deren hochwertiger Technologie: präzise, organisiert, effizient und ordentlich. Deutsche bauen hervorragende Straßen und Schienen. Und Maschinen, die jahrelang halten. Sie sind pünktlich, verlässlich und haben gute Manieren. Ihre einzigen Nachteile sind laut Klischee ihr Mangel an Flexibilität und Humor. Außerdem sprechen sie eine Sprache, die ein bisschen nach Maschinengewehr klingt. Rau, streng und sehr fremd für alle, die die Wörter nicht verstehen.

Drei Bier vor vier

Natürlich bin ich trotz der Warnungen meines Vaters zum Oktoberfest gefahren. Und sagen wir mal so: Nach zwölf Stunden auf dem Festgelände bin ich sehr froh, dass er nicht hier ist. Deutsche wissen, wie man feiert. Zumindest nach ein paar Bier. Und auf eine ganz eigene Art.

Wer sich ins Getümmel der größten Trinkparty des Planeten stürzt, betritt eine andere Welt. Eine Welt aus kräftigen Kellnerinnen, die zehn Maßkrüge auf einmal tragen; aus ausgelassenen Menschengruppen, die fröhliche Melodien singen und dazu tanzen; aus unglaublichen Mengen von Bier.

Ich trinke eigentlich nur selten Bier. Umso erstaunter bin ich, als ich beim Warten in der Kloschlange nachrechne, dass ich aus unerfindlichen Gründen bereits drei Liter davon heruntergekippt habe. Dabei ist es noch nicht einmal drei Uhr nachmittags. In der Parallelwelt auf der Theresienwiese gelten andere Regeln, auch für die eigenen Grenzen.

Ich versuche, gerade zu stehen, und stelle mir den Blick meines Vaters vor, wenn er mich hier so sähe: nicht besonders wohlwollend. Dabei hat er mir mein erstes Bier eingeflößt, als ich drei war. Er amüsierte sich sehr, als ich wegen des bitteren Geschmacks das Gesicht verzog.

Und die "zivilisierten" Deutschen? Immer mal wieder halten mich Gruppen junger Männer an, die etwas rufen, was wie Flirten klingt (gar nicht nach Maschinengewehr). Ich verstehe kein Wort, einmal wird es etwas unangenehm, als eine Gruppe mir immer weiter folgt und ein sichtbar alkoholisiertes Kerlchen vor mir auf- und abhüpft und kaum abzuschütteln ist.

Vorsicht am Kotzhügel

Im Schottenhamel-Zelt erlebe ich eine erfreulichere Begegnung mit den Einheimischen. Obwohl zunächst ich diejenige bin, die sich daneben benimmt: Ich setze mich nämlich an einen reservierten Tisch. Eine freundliche Kellnerin fragt, aus welchem Land ich komme und führt mich an einen Platz ganz nah an der zentralen Bühne, der eigentlich Stammgästen vorbehalten ist. Sie stellt mich Konrad vor, einem 23-jährigen Münchner, der sich um mich kümmern soll.

"Ich komme seit 2008 jedes Jahr am Eröffnungstag zur Wiesn", erzählt er, dann stellt er mich reihum seinen Freunden am Tisch vor. Und schon bin ich mittendrin im Geschehen: Sie übersetzen das Menü, geben mir Tipps, was ich essen soll, und laden mich in ihre Kartenspielrunde ein, das Spiel heißt "Arschloch".

Auch ein paar Tipps haben sie parat: "Nicht betrunken in die Achterbahn." "Pass draußen am Kotzhügel auf, wo du hinläufst." "Trink nicht zu langsam, sonst wird das Bier schal."

Ich merke, dass um mich herum Besucher abgewiesen werden, die nach einem freien Tisch suchen. Glück gehabt. Eine der häufigsten Fragen zu Deutschland in chinesischen Reiseforen lautet: Sind die Menschen sehr kühl gegenüber Ausländern? Ich glaube, spätestens jetzt weiß ich die Antwort.

Eine Liveband spielt, um mich herum sitzen Menschen in Tracht und Dirndl, manche Männer tragen Hüte, an denen Baumzweige befestigt sind. Ich gucke sie an, sie gucken mich an, und die Blicke sind keinesfalls unfreundlich. Ein "Prost" kennt keine Sprachbarriere. Das Bier scheint wie ein Zaubertrank zu helfen, die anfangs noch etwas steife Stimmung aufzulockern. Bald steigen die Leute auf Sitzbänke, um zur Musik zu tanzen.

Ein Mann mit Hornbrille betritt die Bühne, er scheint sehr berühmt zu sein, denn alle jubeln ihm zu. "Das ist DJ Ötzi", erklärt Konrad. Ich singe auch ein bisschen mit. Das geht nach drei Maß Bier auch ohne Deutschkenntnisse, die Musik ist nicht so kompliziert.

Wie Qingdao, nur anders

Jetzt fühlt es sich an wie eine Party. Und anders als meine bisher einzige Bierfest-Erfahrung in der Hafenstadt Qingdao, einem früheren deutschen Kolonial-Handelsstützpunkt. Dort wurde das Bier aus einer Leitung gezapft, die angeblich direkt zur Brauerei führte, die Leute hielten Plastiktüten darunter und tranken daraus. Ich erinnere mich an eine Gruppe Partygäste, die sich einen Wettkampf lieferten, wer am meisten trinken kann.

Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen deutschem und chinesischem Exzess: Hier wird niemand zum Trinken gezwungen, während es in meiner Heimat oft die Höflichkeit verlangt, dass man auch sein Glas leert. Speziell, wenn derjenige, der einen dazu auffordert, älter ist als man selbst.

In Qingdao lag mehr Müll herum, und ich sah einige Leute, die beim Schlangestehen in Streit gerieten. In München geht es ordentlicher zu, zumindest ein bisschen.

Eine weitere Chinesin treffe ich auf der Wiesn, in einer der vielen Warteschlangen des Tages. Li Jin ist 26 und hat gerade ihren Marketing-Job gekündigt, um durch Europa zu reisen. Anfangs sei sie etwas enttäuscht gewesen, sagt sie: "Ich war bei dem Trachtenzug am Morgen, da waren die Leute weniger ausgelassen, als ich erwartet hatte. Sie marschierten nur durch die Straßen und wirkten ziemlich ernst."

"Vermutlich haben sie vorher nicht genug Bier getrunken", scherzte ich. Alles eine Frage der richtigen Menge Zaubertrank. Li stimmt zu und deutet auf ein paar singende Männer in Lederhosen, die auf einer Holzbank tanzen: "Das hier macht echt Spaß. Es hat mir den Tag gerettet."

Zur Autorin
  • Minji Yao
    Minji Yao, 31, ist Reporterin der englischsprachigen Zeitung "Shanghai Daily". Sie studierte Ökonomie und Filmwissenschaften am Wellesley-College in den USA. Derzeit besucht sie mit dem "Medienbotschafter"-Programm der Robert-Bosch-Stiftung für drei Monate Deutschland. Dabei konnte sie schon einige Klischees widerlegen, zum Beispiel das Vorurteil, dass alle Deutschen jeden Tag Würstchen essen.

Übersetzung: Stephan Orth

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Täuscht...
fatherted98 22.09.2015
...euch nicht mit der Trinkfestigkeit der Chinesen...in die geht ganz schön was rein und die stehen danach auch noch gerade.
2.
wortmacht 22.09.2015
Lederhose und nur besoffen fähig zu feiern, was für ein Bild! Bitte sagt der Dame, dass außerhalb Bayerns niemand solche Bauerntrampelklamotten trägt. Da war mir das Deutschlandbild bei der WM 06 wesentlich lieber!!
3. Bauerntrampelklamotten
muppetgang 22.09.2015
So, so. Sie sind ja sehr sympathisch, Gott sei Dank hat die Dame nicht Sie kennen gelernt. Sonst wären nun alle als sehr negative Menschen bekannt. Prost :) Vielleicht trinken Sie ja doch mal eines mit, dann überzeugen wir Sie gerne, dass auch Bayern Gutes zu bieten haben. Wir sind nämlich schon auch freundlich, arbeitssam und sehr oft sogar nüchtern.
4. Wieso hält der Chinese diesen Anblick aus....
olicrom 22.09.2015
... und der Syrer und der Iraker nicht, wie Innenneger Herrmann (will heissen von innen ist er ja schon recht dunkel) behauptet? Zumal es sich ja wohl sogar um eine Chinesin, also eine Frau, handelt? Steckt die mehr weg als ein gestandener Wüstensohn? Also ich hab da so meine Zweifel!
5. Als Expat-Bayer :
alexanderschulze 22.09.2015
Sehr amüsanter Beitrag, danke. Aber auf der Wies'n tummelt sich mittlerweile eher ausländisches Publikum. Als Asiatin dürfte sie da eh nicht aufgefallen sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Promis auf dem Oktoberfest: Eine Maß für Mireille

Fotostrecke
Bier-Anstich: Es darf gesoffen werden