Bauchaos in Sotschi Im Land des feuchten Zements

Straßenzüge werden noch gepflastert, hinter den Hotels türmen sich Farbeimer. Kurz vor dem Start der Olympischen Spiele in Sotschi werkeln Arbeiter an den ambitionierten Bauprojekten. Trotz Last-Minute-Chaos verlangen Hoteliers saftige Preise.

Aus Sotschi berichten und

REUTERS

Drei Tage vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele ist ein Wettlauf in Sotschi bereits voll entbrannt: der Kampf der Organisatoren gegen die Zeit. Auf den letzten Drücker werden Unterkünfte und Hotels fertig, Fußgängerzonen noch gepflastert, Grünflächen eilig bepflanzt.

Das ist der Endspurt einer gigantischen Anstrengung. Mehr als 24.000 Hotelzimmer wurden in Sotschi für die Spiele neu gebaut. Damit hat die 350.000-Einwohner-Stadt mehr Hotelkapazitäten als jeder andere Ort in Russland, eingeschlossen der Zwölf-Millionen-Metropole Moskau.

"Alle Hotels sind fertig", sagt Vizepremier Dmitrij Kosak, ein Vertrauter von Präsident Wladimir Putin und vom Kreml mit der Olympia-Koordination betraut. IOC-Chef Thomas Bach stärkt den Russen demonstrativ den Rücken: "Insgesamt kann man sagen: Sotschi ist bereit."

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Bauchaos in Sotschi: Hotelbau unter Hochdruck
Tatsächlich ist die Lage angespannt, vor allem in Krasnaja Poljana, dem Olympia-Ort in den Bergen vor Sotschi. Dort werden die Wettkämpfe im Skispringen, Skifahren, Rodeln und Bobfahren ausgetragen. Im Dorf sieht es aus wie an einem Filmset. Die Bäume sind frisch eingepflanzt, Straßenschilder wurden gerade erst in den Boden gerammt. Der Zement, in dem sie stecken, ist so frisch, dass man darauf einen Fingerabdruck hinterlassen könnte.

Letzte Lieferung Fensterscheiben

Entlang der vierspurigen Hauptstraße in Krasnaja Poljana steht ein neues Hotel neben dem anderen. Sie sind rot, gelb und violett angestrichen. Alle haben ein Dach oben drauf, doch fertig sind die Unterkünfte für die Olympia-Touristen noch lange nicht.

Das Marriott ist mit über 420 Zimmern eines der größten Hotels in Krasnaja Poljana. Mitte Januar war die Eröffnung. Die Fassade glänzt, sie besteht aus weißen Betonsäulen. Auf der Rückseite herrscht jedoch Chaos. Überall stehen Zementsäcke und Pyramiden aus Farbeimern auf dem Boden.

Dutzende Arbeiter mit Wollmütze auf dem Kopf und Zigarette im Mundwinkel schuften. Sie streichen Treppengeländer grau an, ziehen Mauern hoch und schütten Erde in einem kleinen Park aus.

Die Zimmer im Marriott sind schon länger fertig, zurzeit wohnen dort Mitarbeiter des US-Fernsehsenders NBC. Sie haben zwar einen Fernseher und auch Internetzugang, aber keinen Mülleimer. Der Komplex hat erst seit dieser Woche eine eigene Postadresse mit Straßenname und Hausnummer - so kurzfristig ist Krasnaja Poljana fertig geworden.

Gleich neben dem Marriott steht das Gorky Gorod, ein weiteres Hotel mit Hunderten Zimmern. Vor dem Eingang sind zwei Männer an Fahnenmasten damit beschäftigt, Flaggen verschiedener Nationen zu hissen: Kanada, Kroatien, Lettland. Die Rezeption ist schon besetzt. Es hapert aber noch an der Grundausstattung. An einem Seiteneingang hält ein roter Lastwagen an, der Fahrer lässt die Ladeklappe herunter. Mit einem Gabelstapler wird die Ladung vom Lkw in den Liefereingang gefahren. Es sind Stühle und Fensterscheiben.

"Wir sind Russen", sagt ein Arbeiter. Er verlegt letzte Pflastersteine am Kurort-Boulevard im Zentrum. "Wir brauchen einfach diesen Stress, dann schaffen wir auch Großes." Die russische Sprache kennt sogar ein eigenes Wort dafür. Es heißt awos und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass unter Aufbietung aller Kräfte alles noch ein gutes Ende finden kann.

Hyatt Regency musste kapitulieren

Probleme gibt es nicht nur in den Skigebieten, sondern auch im Tal. Die Unterkünfte für die insgesamt 13.000 akkreditierten Journalisten stehen zwar, nicht aber die Technik. Mal fällt das Wasser zum Duschen aus, mal das Internet. Viele Fernseher funktionieren nicht, Steckdosen sind noch verplombt, Stromkabel hängen von der Decke. Das Foyer des Hyatt Regency im Stadtzentrum - geplante Fertigstellung Ende 2013 - ist noch immer eine riesige Baustelle. Das 200-Zimmer-Hotel wird nicht mehr rechtzeitig für die Olympia-Besucher fertig.

Die Hoteliers verlangen zudem kräftige Aufschläge, obwohl Russlands Regierung offiziell Preiserhöhungen verboten hat. Das wissen die Unternehmer aber zu umgehen. So erhebt etwa das Hotel Raduschnij im Stadtzentrum von Sotschi Zusatzgebühren: Neben dem gedeckelten Grundpreis von 100 Euro für ein Einzelzimmer mit Fünfziger-Jahre-Einrichtung fallen pro Nacht 60 Euro sogenannter Transportpauschale an.

Laut einer Erhebung der Reise-Webseite Ab-in-den-Urlaub.de ist das kein Einzelfall. Zahlreiche Hotels haben ihre Preise für die Zeit der Olympischen Spiele vervielfacht. Während der Wettkämpfe kosten sieben Übernachtungen in der Nobelherberge Golden Sochi Apartments etwa satte 4133 Euro. Nach dem Ende der Veranstaltungen kostet dort eine Woche Urlaub nur noch 1600 Euro.

Abseits von Baustress und Abzocke aber hat sich Downtown Sotschi herausgeputzt für seine Gäste. Die Uferpromenade lädt zum Flanieren ein. Der Himmel über der Olympiastadt ist seit Tagen so blau wie das Meer. Die Café-Besitzer haben Tische und Stühle unter die Palmen im Freien gerückt, als wäre schon Hochsaison - und Sommer.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
rudolf_mendt 05.02.2014
1. Caress Of Steel
Als wenn der IOC-Präsident während der Spiele in einem unmöblierten Zimmer wohnen würde. Glaube ich im Leben nicht.
kahabe 05.02.2014
2. Zu den Preisen:
Buchen Sie mal z. B. in Düsseldorf während einer Messe ein Hotelzimmer! Man nennt das Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage im Preisauf und-ab. Und nochwas. Die Nichtrussen (Hyatt) können es wohl nicht...
habenichts2 05.02.2014
3. Wo bleibt das Positive?
Zitat von sysopDPAStraßenzüge werden noch gepflastert, hinter den Hotels türmen sich Farbeimer. Kurz vor dem Start der Olympischen Spiele in Sotschi werkeln Arbeiter an den ambitionierten Bauprojekten. Trotz Last-Minute-Chaos verlangen Hoteliers saftige Preise. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/olympische-spiele-in-sotschi-chaos-in-hotels-und-auf-strassen-a-951590.html
Ich würde den Herrn Bidder nur eine Frage stellen! Geht es nochschlechter den Olympiaort sotschi darzustellen? Nur Chaos? Um mit Kästner zu sprechen: Wo bleibt das Positive? Verstehe! Darf es nicht geben!
Jan B. 05.02.2014
4.
240.000 Hotelzimmer für ein Event von 2 - 3 Wochen? Und dann? Glauben denn die Hoteliers in Sotschi, dass sie die nach der Olympiade noch voll bekommen? Was für ein Aufwand nur für ein bisschen Wintersport.
juergw. 05.02.2014
5. War nicht zu erwarten...
Zitat von habenichts2Ich würde den Herrn Bidder nur eine Frage stellen! Geht es nochschlechter den Olympiaort sotschi darzustellen? Nur Chaos? Um mit Kästner zu sprechen: Wo bleibt das Positive? Verstehe! Darf es nicht geben!
wenn gebiddert wird ,wird grundsätzlich schlecht gemacht.Wer hat ihn eigendlich in Russland auf die Füße getreten.Wäre man bautechnisch doch soweit bei dem BER gewesen,mit etwas feuchtem Zement auf der Rollbahn...
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