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15. Juni 2012, 14:58 Uhr

Ortlieb-Fahrradtaschen

30 Jahre wasserdicht

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Unter Radwanderern sind sie legendär: Satteltaschen von Ortlieb aus wasserdichter Plane. Zum 30-jährigen Jubiläum sucht die Firma nach Taschen aus ihrer Anfangszeit. Doch mancher Besitzer will sich nicht von ihnen trennen, denn sie stecken voller Erinnerungen.

Mit einem geübten Handgriff schlägt Elke Übel das Tascheninnere nach außen. Dort, wo die Plane beim Öffnen und Schließen immer wieder geknickt wird, hat sich ein Mini-Loch gebildet. Ein kleines Stück gleichfarbige Plane, mit einem Heißluftfön schnell angeschweißt, schließt es wieder. "Kein Problem", sagt Übel, "das fällt kaum auf."

Übel arbeitet seit 24 Jahren bei Ortlieb. Wasserdichte Taschen sind das Markenzeichen der fränkischen Firma - mittlerweile seit 30 Jahren. Die Kundenbetreuerin weiß von den 130 Kollegen vielleicht am besten, was die Taschen so alles mitmachen und was die Kunden mit ihnen erleben. An den Wänden in ihrem Büro hängen Dankespostkarten aus aller Welt, per E-Mail melden sich 20 bis 30 Kunden pro Tag.

"Wir bekommen Taschen zur Reparatur, die schon 20, 25 Jahre alt sind", sagt sie. Manche davon hätte die Firma Ortlieb gern in ihrem Archiv. Vor allem bei den Modellen aus den achtziger Jahren gibt es noch einige Lücken. "Wir bieten den Kunden einen kostenlosen Tausch gegen neue Taschen an, aber längst nicht alle machen da mit. Die wollen die Taschen nicht hergeben, da hängen zu viele Erinnerungen dran", berichtet Übel.

Eine typische Antwort laute: "Die Taschen begleiten mich seit über 20 Jahren." Andere hätten sie sich als Studierende von mühsam zusammengespartem Geld gekauft. Das Rad von damals ist längst gegen ein besseres getauscht, aber die Radtaschen wollen die Kunden behalten. Und so kommt es, dass Elke Übel 20 Jahre alte Taschen mit dem modernsten Haltesystem von Ortlieb nachrüstet, damit sie problemlos an moderne Gepäckträger passen.

"Warum gibt es keine wasserdichten Taschen?"

Die Verbundenheit der Kunden mit ihren Taschen überrascht kaum. Die aus Plane gefertigten Modelle haben im verregneten Irland zwar nicht für besseres Wetter gesorgt, aber immerhin für einen stets trockenen Schlafsack. Sie haben den Wüstenstaub ferngehalten von allem, was man nicht am Leib trug. Und nicht zuletzt haben sie das Radreisen einfacher und bequemer gemacht.

Ortlieb-Fahrradtaschen sind längst eine Legende: äußerst robust, praktisch - und damit irgendwie auch typisch deutsch. Obwohl die Konkurrenz wie Vaude, Brooks, Deuter oder Arkel längst ähnlich gute Taschen anbietet, dominiert Ortlieb nach wie vor den deutschen Markt.

Dass es die Firma überhaupt gibt, geht auf das notorisch schlechte Wetter in England zurück. Hartmut Ortlieb war Anfang der achtziger Jahre dort mit dem Rad unterwegs. Es regnete in Strömen, und die Innenbeschichtung seiner Nylon-Radtaschen war dem nicht gewachsen. "Warum gibt es keine wasserdichten Radtaschen", fragte er sich. Die Ware in Lkw wird ja auch nicht nass.

Und so nähte er auf der Nähmaschine seiner Mutter sein erstes Paar Satteltaschen aus Lkw-Plane. Kletterfreunde aus Franken erfuhren davon und wollten auch welche. 1982 begann er schließlich in Nürnberg mit einer Kleinserie - die Firma Ortlieb entstand. "Unsere Fahrradtaschen sind für jene gemacht, die gute Handarbeit billigen Massenprodukten vorziehen", heißt es im ersten Ortlieb-Prospekt von 1982.

Schweißen statt Nähen

Ein Prinzip, das heute nur noch eingeschränkt gilt: Produziert wird zwar nach wie vor in Deutschland, der Firmensitz liegt in Heilsbronn, knapp 30 Kilometer entfernt von Nürnberg. Aber die Manufakturzeiten sind lange passé. Die Angestellte arbeiten in zwei Schichten, die Firma belegt mehrere große Hallen. Gleich nebenan wird gerade eine große Halle als neues Auslieferungslager gebaut. In den Hallen werkeln modernste Maschinen, teils selbst von Ortlieb entwickelt, wie jene, die 14 Lagen Folie auf einmal mit einem unter Hochdruck stehendem Wasserstrahl zerschneidet.

Am Material hat sich bis heute wenig geändert: ein beidseitig mit Plastik beschichtetes Polyestergewebe. Anfangs arbeitete Hartmut Ortlieb noch mit richtigen Nähten, die von innen abgeklebt werden mussten, damit kein Wasser eindringt. Doch schon seit langem werden die Nähte nur noch verschweißt. Dabei verbinden sich die Plastikschichten übereinanderliegender Planen perfekt. Einige Taschen werden mittlerweile aus beschichtetem Cordura hergestellt, ein besonders abriebfestes Gewebe.

Im Ortlieb-Showroom am Firmensitz Heilsbronn sind einige der Taschenmodelle aus der Gründerzeit ausgestellt. Die rote Satteltasche von 1982 sieht äußerlich mitgenommen aus, ist aber ansonsten noch gut in Schuss. Die Befestigungshaken der ersten Modelle besorgte sich der Firmengründer anfangs im Baumarkt.

Das Prinzip wasserdicht ist geblieben - verändert hat sich das Befestigungssystem. Anfangs wurden die Taschen mit einem Gummi am Gepäckträger fixiert, damit sie beim Fahren nicht herumwackeln. Die schwarzen Riemen auf der Innenseite gingen bei Radtouren gern mal verloren - bis heute bietet sie Ortlieb als Ersatzteil an. "Wir verschicken sie inzwischen sogar gratis", sagt Firmensprecher Christoph Schleidt.

Dem Fahrradboom sei dank

Die Radtaschen der neuesten Generation "Plus" lassen sich ganz ohne Werkzeug auf den Gepäckträger eines Rades anpassen. Die Befestigungshaken oben und der untere Haken, der verhindert, dass die Tasche zur Seite wegklappt, können mit einem Handgriff verschoben werden.

Um die Zukunft macht sich Ortlieb-Geschäftsführer Wolfgang Paulus kaum Sorgen. Das Unternehmen wächst nach seiner Aussage pro Jahr um zehn Prozent und rüstet längst nicht nur Radfahrer, sondern auch Wanderer, Camper und Motorradfahrer aus.

In den USA hat Ortlieb mittlerweile so gut Fuß gefasst, dass es der drittwichtigste Absatzmarkt des Unternehmens nach Deutschland und Großbritannien ist. Ortlieb profitiert generell auch vom Fahrradboom, der in vielen Städten weltweit zu beobachten ist. "Das Radfahren wird gefördert - Gott sei Dank", sagt Paulus. "Die Rahmenbedingungen für unsere Produkte sind derzeit ideal."

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