Oskar Lafontaine Entlang der Grenze

Wer ins Saarland kommt, lernt die Lebensart schnell schätzen: eine deutsch-französische Mischung. Saarland-Kenner Oskar Lafontaine führt durch sein Bundesland. Der Bäckerssohn aus Saarlouis war Bürgermeister in Saarbrücken, Ministerpräsident des Saarlandes und bis März 1999 Bundesfinanzminister und SPD-Vorsitzender.


Demokratisch offen geht es zu: Als das Saarbrücker Schloß der Öffentlichkeit übergeben wurde, sagte der Dichter Ludwig Harig:"Die Fürsten sind wir."
Tourismuszentrale Saarland

Demokratisch offen geht es zu: Als das Saarbrücker Schloß der Öffentlichkeit übergeben wurde, sagte der Dichter Ludwig Harig:"Die Fürsten sind wir."

Die schönste Stelle des Saarlandes ist die Saarschleife bei Mettlach. Von der Cloef aus, 200 Meter über dem Fluss, hat man eine wunderbare Aussicht, wie schon Viktor Hugo 1863 schrieb. Hier erschließt sich dem Betrachter, warum die Saarländer eine Fünf gerade sein lassen und die Harmonie der Widersprüche suchen.

Der Bergrücken, den die Saar umschließt, fällt auf allen Seiten steil ab. Er ist ein idealer Ort für eine Burg. Nachdem verschiedene Festungsanlagen im Lauf der Zeit immer wieder zerstört worden waren, baute Arnold von Sierk im 15. Jahrhundert die Burg Montclair.

Ein Fußweg führt von der Burg nach Mettlach zurück, wo man die Benediktinerabtei, heute Firmensitz von Villeroy & Boch, bewundern kann. Das herrliche Barockgebäude aus rotem Sandstein ist ein Muss für jeden Besucher, besonders der im Jahr 994 vollendete alte Turm im Abteipark. Dass er erhalten wurde, verdanken die Saarländer Karl-Friedrich Schinkel. Er verhinderte den Abriss der "alten Ruine" durch gutes Zureden.

Von Mettlach ist es nur ein Katzensprung zum Dreiländereck nach Perl. Dort wächst der saarländische Moselwein. Den Elbling, einen sauberen trockenen Wein, ideal zum Durstlöschen im Sommer, bauten schon die Römer an. In Perl-Nennig stand eine der römischen Villen, die der Dichter Ausonius in seiner "Mosella" beschrieb. Der gut erhaltene Mosaikboden zählt zu den schönsten seiner Art nördlich der Alpen.

Wenn man auf der Autobahn Richtung Saarbrücken ins Landesinnere fährt, sollte man bei Wellingen abfahren. Ein Spaziergang entlang der Skulpturenstraße "Steine an der Grenze" ist ein Erlebnis. Der Bildhauer Paul Schneider hat Künstler aus vielen Ländern versammelt, die 26 Skulpturen geschaffen haben. Ich liebe die Arbeit des Saarbrückers Thomas Wojciechowicz. Er hat zwei Platten aus rotem Sandstein über einem Grenzstein zu einem Dach aneinandergelegt. Eines Tages werden sie verwittert zusammenstürzen und den Grenzstein unter sich begraben. Überhaupt die Grenze. Sie ist das Thema der Saarländer. Der Merziger Schriftsteller Gustav Regler erzählt in seiner Biographie "Das Ohr des Malchus", wie sein Vater mit ihm und den Geschwistern im Grenzgebiet spazieren ging. Er ließ sie das Fallobst der Bäume probieren. Dann fragte er: Welcher Apfel ist französisch? Der alte Regler glaubte nicht an Grenzen.

Wenn man auf dem Saargau bleibt und über die Gaudörfer fährt, kommt man nach Leidingen. "Am hällen Dach/metten of da Gass/han aich de Grenz gefonn./Wat hòtt dii dòò/valooa?" dichtet Alfred Gulden. Und in der Tat, was hat eine trennende Grenze mitten auf einer Dorfstraße verloren?

Fährt man auf der Autobahn weiter, kommt man in die Landeshauptstadt. Ihr schönstes Bauwerk, die Ludwigskirche, schuf der von den Fürsten von Nassau-Saarbrücken als Baumeister verpflichtete Friedrich Joachim Stengel. Statt des Standbildes eines Herrschers stellte er sein Meisterwerk auf den Ludwigsplatz, eine deutsche "Place Royale". Ich habe viele Kirchenbauten im Laufe meines Lebens gesehen. Aber kaum eine schien mir architektonisch so klar und harmonisch durchkomponiert wie Stengels Barockkirche. Vom Ludwigsplatz ist es nicht weit zum Saarbrücker Schloss. Ebenfalls von Stengel erbaut wurde es im Laufe der Geschichte immer wieder verändert, bis es nach dem Entwurf des Kölner Architekten Gottfried Böhm restauriert wurde. Beeindruckend der gläserne Mittelpavillon, der den Wandel vom Absolutismus zur Demokratie symbolisiert.

Die kleine Saarland-Tour endet auf dem St.-Johanner-Markt. Dort steht ein gutes Glas Bier oder Wein bereit. Wer hungrig ist, kann die gute saarländische Küche genießen. Im Gasthaus zum Stiefel, in dem nach einer Legende der geschlagene Napoleon schon seine Wunden leckte, gibt es echte saarländische Spezialitäten. Dibbelabbes, Hoorische oder Verheiratete. Was das genau ist, wird Ihnen der Kellner erklären.

Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004



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