Osterinsel Der Frevel des Finnen

Es war die Schändung eines Heiligtums: Seit ein Tourist einer der mysteriösen Moai-Statuen ein Ohr abschlug, fordern immer mehr Bewohner der Osterinsel, die Besucherströme zu begrenzen. Die Lager sind gespalten - jetzt sorgt auch noch ein umstrittenes Hotelprojekt für Ärger.


Der Tatort ist einer der idyllischsten Plätze der Osterinsel. Dass sich am Strand von Anakena im Frühjahr ein Tourist an einer der weltberühmten Statuen vergriff und einer davon ein steinernes Ohrläppchen abschlug, brachte die abgelegene Insel rund um den Globus in die Medien. Die Tat und ihre Folgen sind unter den knapp 4000 Insulanern bis heute ein Gesprächsthema.

Denn nur hier, mitten im weiten Pazifik, gibt es die geheimnisumwitterten Steinstatuen, die von den Rapa Nui "Moai" (steinerne Figur) genannt werden. So kommt es, dass das an sich wenig zauberhafte Eiland, benannt nach dem Tag seiner Entdeckung durch den Holländer Jakob Roggeveen am Ostersonntag 1722, auf der Traumzielliste vieler Zeitgenossen ganz oben steht. Und das, obwohl die politisch zu Chile gehörende Insel so weit entfernt von anderen menschlichen Ansiedlungen ist wie sonst kaum ein Flecken auf dem Planeten. Rund 3700 Kilometer sind es bis zum chilenischen Festland, 4100 Kilometer bis Tahiti und fast 16.000 Kilometer bis nach Deutschland.

Das Mysterium um die immer noch viele Rätsel aufgebenden Statuen verleiht der aus drei Vulkanen entstandenen Pazifikinsel ein Flair, dem sich kaum ein Zugereister entziehen kann. "Die Leute schweben hier im siebten Moai-Himmel", sagt Conny Martin, eine Wiesbadenerin, die seit 18 Jahren auf der Insel lebt und im Tourismus arbeitet. Die aufrecht bis zu zehn Meter hohen menschlichen Ebenbilder aus Tuffstein stellen nach heutigem Verständnis allseits verehrte Ahnen dar und bildeten eine Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits.

Niemand kennt die genaue Zahl, wie viele der ursprünglich über 1000 hergestellten Moais heute noch erhalten sind. Rund 400 sollen es sein, alle vermutlich zwischen 400 und 1000 Jahre alt und das wichtigste Zukunftskapital der Osterinsel. Das alles muss man wissen, um zu ermessen, wie ungeheuerlich für die Rapa Nui jene Tat ist, die der 26-jährige finnische Tourist Marko Kulju beging - und welche weitreichenden Folgen sie für die Entwicklung des Tourismus auf der Osterinsel haben könnte. Nach dem Sakrileg spitzte sich die Diskussion zu, wie die Insel, die wirtschaftlich mangels anderer Erzeugnisse vollständig auf Touristen angewiesen ist, künftig mit Besuchern, aber auch mit der Bürde ihres Weltkulturerbes umgehen soll.

Entrüstung unter Einheimischen

"Die Statuen bleiben immer lebendig, der Finne aber wird irgendwann sterben und ruhen", sagt Nico Urcelay Haoa, ein junger einheimischer Touristenführer. "Die Statuen sind nicht einfach Statuen, sie stellen Menschen dar, die hier vor uns lebten, und viele von uns wären ohne sie gar nicht hier."

Was der skandinavische Übeltäter nicht ahnen konnte: Manchem auf der Insel kommt seine Tat durchaus gelegen. "Der Finne ist ein ganz schlechtes Beispiel dafür, was Rucksacktourismus anrichten kann", sagt zum Beispiel Mike Rapu, der sich für "hochklassigen Tourismus auf dieser sensiblen Insel" stark macht. Der braungebrannte 44-Jährige im blau-weißen Hawaii-Hemd ist so etwas wie ein kleiner Sonnenkönig auf diesem so weltentrückten Eiland.

Rapu hat hier überall seine Hände im Spiel, er handelt mit Tunfisch, ist im Baugeschäft, baut Kartoffeln an und betreibt eine Flotte von Lastwagen, eine Eisdiele sowie eine Tauchschule. Sein eigener Rekord im Apnoe-Tauchen liegt bei 71 Metern. Und Rapu besitzt Land, besonders wichtig auf einem Flecken im ewigen Ozean, in dem kein Ausländer, und dazu gehören auch Festlandschilenen, eigenen Grund und Boden erwerben darf.



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