Outdoor-Messe in Friedrichshafen: Schöner schlummern im Hightech-Sack

Von , Friedrichshafen

Ein Schuh für Wanderer mit Zehenschiefstand. Eine tragbare Brennstoffzelle mit USB-Anschluss. Die Industrie versorgt Aktivurlauber gerne mit Dingen, die aus der Natur eine Hightech-Welt machen. Die neuesten Trends der Outdoor-Branche.

Outdoor-Ausrüstungstrends: Die Zukunft im Gepäck Fotos
OutDoor Friedrichshafen

Humpa, humpa - verfolgt vom Technobeat reißen Models zackig die Arme in die Luft, zappeln im Discoqueen-Stil und werfen sich auf Dreibein-Stühlchen. Die Modenschau auf der Outdoor-Messe in Friedrichshafen am Bodensee nähert sich dem Höhepunkt. Die lächelnden jungen Frauen und Männer führen Funktionsjacken, Kletterleggings und Wander-T-Shirts vor, die auch 2014 wieder in neonfarbennahen Tönen in die Läden kommen werden.

Ein Stand-Anrainer stöhnt gequält. Sein Fachgespräch über zertifizierte Lieferketten versinkt heute zum wiederholten Male im Humpahumpa-Klangteppich. Über 900 Aussteller müssen sich in den Hallen arrangieren, da ist trotz weithin plakatierter idyllischer Landschaften die Stille der Natur fern.

Dass Outdoor heute nicht mehr viel mit Lagerfeuergesang und gewachsten Baumwolljacken zu tun hat, ist inzwischen wohl auch dem letzten Käufer klar. Wer einen Ausrüstungsladen betritt, muss schon wissen, dass Wassersäulen etwas über Regenfestigkeit aussagen und Softshells nichts mit Muscheln, sondern mit Windschutz zu tun haben.

Hightechfasern statt Selbstgestricktes halten heute Camper und Kletterer warm. Der Ansturm auf Zelte, Stiefel, Schlafsäcke und Klamotten bescherte der europäischen Branche in den vergangenen Jahren Zuwachsraten im zweistelligen Bereich und einen Umsatz von rund zehn Milliarden Euro.

Schuhe für Menschen mit Zehenschiefstand

Der Hype scheint seit vergangenem Jahr vorbei zu sein. Der Chef der European Outdoor Group, Mark Held, rechnet für 2013 nur noch mit einem Wachstum "im tiefen einstelligen Bereich". Die ersten sechs Monate dieses Jahres mit üblem Wetter und mauer Wirtschaftslage servierten dem Branchenverband sogar ein kleines Minus. "Das Phänomen des Outdoor-Booms geht aber weiter", sagt Held auf der Fachmesse optimistisch, denn: "Wir haben besser als jede andere Industrie performt."

Große Hoffnungen setzen Hersteller wie Häglöfs auf ausländische Märkte. "Zehn Prozent unserer Verkäufe gehen schon jetzt nach Asien, hauptsächlich nach Japan und China", sagte der Chef der schwedischen Marke, Nicolas Warchalowski. "In den nächsten Jahren wollen wir 20 bis 25 Prozent erreichen."

Bis dahin wird aber auch auf den heimischen Märkten mit neuen Trends um Kunden gerungen: Viele Hersteller setzen auf die Trailrunner, jene Waldläufer, die im Extremfall mehr als 100 Kilometer über Stock und Stein zurücklegen und möglichst leichte Ausrüstung benötigen. Nicht nur Adidas und Ecco, auch Berghaus, Mammut und Patagonia produzieren Schuhe speziell für die zähen Traber und freuen sich über außergewöhnlich hohe Zuwachsraten.

Der deutsche Schuhproduzent Hanwag widmet sich den Menschen, die an Hallux Valgus, dem Zehenschiefstand, leiden. Und dann gibt es noch Mamalila mit ihrer Kollektion, "die das Babytragen schöner macht". Das mittelfränkische Unternehmen bietet Jacken mit Erweiterung für Schwangere und mit Guckloch für das Kind im Tragetuch.

Zielgruppe der über 50-Jährigen

Oft jedoch sind Innovationen nicht so leicht erkennbar wie die Bekleidung im Känguru-Stil. Der deutsche Handelsverbund Sport 2000 beklagt sogar: "Leider fehlt es der Industrie an echten Innovationen." Die Produktentwicklung müsse eher auf die Konsumentenbedürfnisse ausrichtet sein, sagte der Geschäftsführer Andreas Rudolf.

Der Textileinzelhandelsverband BTI fordert sogar speziell für die "große, ausgabewillige Gruppe der über 50-Jährigen" mehr Outdoor-Mode: Die Käufer seien oft viel älter als die Wunschkunden der Markenstrategen. Dabei sind in der Halle zwischen jüngeren Inline-Skatern und Slackline-Akrobaten durchaus ältere Grauhaarige im bewährten Karohemd zu sehen - die Veteranen der inzwischen 20 Jahre alten Messe.

Vielfach wetteifern die Hersteller auch um Superlative im Gramm-Bereich, die vielleicht dem Normalwanderer - und damit Hauptkunden - nicht ganz so wichtig sind. Da wirken Zeltstoffe feiner als Seide (sind aber laut Hersteller "15-mal stärker als Stahl"); Regenponchos, Hängematten und Windjacken lassen sich auf Faustgröße zusammenknüllen.

Daunenjacke aus pflanzenbasierter Nylonfaser

Umweltfreundlichkeit und neue Materialien - auch aus Pflanzenrohstoffen - sind ebenfalls Themen auf der noch bis Sonntag tagenden Fachmesse am Bodensee. Aspekte, die auch der Jury des Outdoor Industry Award 2013 wichtig waren, die am ersten Messeabend 52 neue Produkte ausgezeichnete.

Darunter ist der kleine Alpinrucksack Alpha FL 45 Pack der kanadischen Firma Arc'teryx, der nur 680 Gramm wiegt, von innen verschweißt und damit wasserdicht ist. Die Juroren, zu denen auch die Münchner Expeditionsbergsteigerin Alix von Melle gehört, verliehen dem 45-Liter-Sack einen der elf Goldpreise.

Der Hakkoda-Kunstfaserschlafsack von Proway FS aus Weissach erhielt Gold, weil bei ihm "erstmals ein biokeramisches Innenmaterial zum Einsatz kommt, das den Schlafkomfort spürbar verbessert". Das neue Innenleben reflektiert die Wärme des Schlafenden. Die Görlitzer Firma Yeti wiederum war mit Rizinus erfolgreich. Aus dem Wolfsmilchgewächs entwickelten sie ein leichtes, wasserabweisendes Gewebe für die Daunenjacke North. "Diese pflanzenbasierte Nylonfaser kann in Zukunft für zahllose Produkte in der Mode- und Outdoor-Industrie genutzt werden", hofft die Jury.

Mit alternativer Energiegewinnung versucht die schwedische Firma Brunton, Menschen mit hohem Strombedarf zu gewinnen - was wohl inzwischen auf jeden Smartphone-Besitzer zutrifft. Gold gab es hier von der Jury für den Hydrogen Reactor, die erste tragbare Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzelle mit USB-Anschluss. "Neben dem Strom gibt sie nur eine kleine Wasserdampfwolke und ein leises Zischen von sich", werben die Schweden.

Damit könnten die Massen der AA-Batterien ersetzt werden, die am Ende in Mülldeponien landen, meinen Alix von Melle und Co., "ein Produkt mit Zukunft". Fünfmal soll man mit einer Patrone ein iPhone laden können, ein Refill im Fachhandel werde sechs Euro kosten. Eine Innovation, die - wie so viele der Superlativ-Erzeugnisse der Outdoor-Branche - ins Geld geht.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Nippes
mikesch0815 12.07.2013
...kaum eine Branche ist lächerlicher...
2.
deepfritz 12.07.2013
Zitat von mikesch0815...kaum eine Branche ist lächerlicher...
Kaum eine Nation liebt den Outdoor Kram mehr als die Deutschen! Egal wo man auf der Welt ist, läuft jemand in einer bunten Outdoor-Jacke ( Jack Wolfskin und Co) in der Stadt rum, ist es fast immer ein Deutscher! Guten Geschmack kann man leider nicht kaufen...
3. Gerade der Umstand des Umsatzeinbruchs
stefan_sts 13.07.2013
aufgrund des schlechten Wetters sagt alles aus über die Outdoor Branche .Da steigt man ungern aus dem SUV . Einfach nur lächerlicher Mumpitz .
4. Haben muss man sie!
doc.nemo 13.07.2013
Zitat von deepfritzKaum eine Nation liebt den Outdoor Kram mehr als die Deutschen! Egal wo man auf der Welt ist, läuft jemand in einer bunten Outdoor-Jacke ( Jack Wolfskin und Co) in der Stadt rum, ist es fast immer ein Deutscher! Guten Geschmack kann man leider nicht kaufen...
Es ist so wie mit den über alles geliebten SUVs: jeder hat einen, keiner braucht einen. Die wenigsten Outdoorartikel in D werden auch outdoor genutzt. Aber haben muss man sie...
5.
Bob Hund 13.07.2013
Zitat von deepfritzKaum eine Nation liebt den Outdoor Kram mehr als die Deutschen! Egal wo man auf der Welt ist, läuft jemand in einer bunten Outdoor-Jacke ( Jack Wolfskin und Co) in der Stadt rum, ist es fast immer ein Deutscher! Guten Geschmack kann man leider nicht kaufen...
Aber Deutschenphobie bekommt man geschenkt, oder was? Also ich kann andere Nationen sehr gut an ihren Outdoorklamotten unterscheiden. Skandinavier tragen meist Häglöfs, Berghans oder Everest Franzosen Millet oder Quechua Amis eben Columbia, North Face oder Patagonia An den Rucksäcken kann man die Leute fast noch besser unterscheiden. Einfach mal drauf achten, wenn man mal wieder in touristisch stark frequentierten Gegenden unterwegs ist.
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