Outdoor-Sport Mann fährt Damenrad

Tiefer geschnittene Rahmenformen sind bei Herren so beliebt, dass bald jedes Fahrrad die Bezeichnung "Unisex" tragen müsste. Heutzutage ist alles erlaubt, was sich gut fährt – nur zur Statur des Radlers sollte es passen.


Schwalbach/Bielefeld - Manche Vorstellungen haben auch dann noch Bestand, wenn sie in der Realität längst überholt sind. Das gilt zum Beispiel für die Idee vom Unterschied zwischen Fahrrädern für Männer und Frauen. Nicht selten herrscht noch die Überzeugung vor, dass ein Herrenrad das Modell mit dem geraden oberen Rahmenrohr ist. Die Damenwelt dagegen bevorzuge jene Fahrräder mit dem so genannten tiefen Durchstieg, bei denen also beim Aufsitzen das Schwingen des Beines über den Sattel nicht notwendig ist. Tatsächlich aber haben sich die Grenzen mittlerweile verwischt oder sogar umgekehrt. Immer noch gilt jedoch, dass Rad fahrende Frauen in einigen Bereichen andere Vorstellungen und Vorlieben haben als Männer.

Im Hinblick auf die Rahmenform wird von Käufern weniger zwischen den Geschlechtern als nach anderen Faktoren unterschieden. "Es ist hier vor allem eine Frage der Alterskategorien", erklärt Rolf Lemberg, Geschäftsführer des Zweirad Industrie Verbandes (ZIV) in Schwalbach im Taunus. So greifen junge Frauen ebenso selbstverständlich zum Mountainbike wie Männer. "Die früher Damenräder genannten Fahrräder mit dem tiefen Durchstieg werden auch heute noch gefahren, allerdings besonders von der Generation oberhalb von 50 Jahren."

Zum einen sind es ältere Frauen, die aus Gewohnheit immer noch zu den Klassikern greifen. Doch sie sind nicht die einzigen, die diese Fahrradvariante bevorzugen. "Der tiefe Durchstieg wird bei der älteren Zielgruppe von vielen Männern gewählt", erklärt Mike Dietz, Produktmanager des Fahrradherstellers Kettler in Ense-Parsit (Nordrhein-Westfalen).

Begriff "Damenrad" verliert seine Berechtigung

Hintergrund sind vor allem die mit zunehmendem Alter verbreiteten Bewegungseinschränkungen und Handicaps. Es ist eben einfacher, ein Bein über das niedrige Rahmenrohr zwischen Sattel und Vorderradgabel zu fädeln, als es mit Schwung über den Gepäckträger auf die andere Seite zu heben. Laut Dietz ist die Zielgruppe der älteren Männer auch ein Grund dafür, dass der Begriff Damenrad bei solchen Fahrrädern bald endgültig ausgedient haben könnte. "Wir werden einige Modelle nicht mehr Damenrad nennen, sondern sie durch den Begriff 'tiefe Rahmenform' kenntlich machen." Mancher Mann kann sich zwar mit einem solchen Fahrrad anfreunden, nicht aber mit dem Gedanken, ein Damenrad zu fahren.

Neben der älteren Generation gibt es aber auch andere Zielgruppen für den Klassiker. "Beim Transport von Kindern im Kindersitz auf dem Gepäckträger hat der tiefe Einsteig Vorzüge", sagt Stefan Genth, Geschäftsführer des Verbandes des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) in Bielefeld. Das gleiche gelte für Fahrten in der Stadt, bei denen oft auf- oder abgestiegen werden muss.

Einmal in Fahrt, unterscheiden sich die einstigen Damenmodelle mit dem nach unten gezogenen Rahmenrohr aber nicht nur optisch von der Fahrradkonkurrenz. "Das Fahrverhalten solcher Räder ist anders als bei Modellen mit anderen Rahmenkonstruktionen", erläutert Alexandra Kirsch vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Bremen. Die mangelnde obere Rahmenverbindung sorgt für eine geringere Stabilität des Fahrrads, was im Endeffekt wiederum auch zu niedrigeren Geschwindigkeiten führen kann.

Zur eigenen Statur muss es passen

Die Hersteller sind dieser Tatsache in der Vergangenheit mit aufwendigeren Konstruktionen begegnet. Dies hat unter anderem auch eine Rahmenkonstruktion hervorgebracht, die optisch in der Mitte zwischen den traditionellen Modellen Damen- und Herrenrad steht. Derartige Fahrräder mit einem nach hinten abfallenden oberen Rahmenrohr tragen laut Kirsch die Bezeichnung "Trapezrahmen".

Ebenso wichtig wie der Blick auf die Rahmenform ist laut Alexandra Kirsch beim Kauf eines Frauenfahrrades die heute bei vielen Händlern gegebene Möglichkeit, ein Fahrrad auf die individuellen Anforderungen hin zusammenstellen zu lassen. Dabei kommt es nicht zuletzt auf die Körpergröße an - klein gewachsene Menschen benötigen eben auch ein Fahrrad mit kleinerem Rahmen und angepassten Komponenten.

Hinzu kommt laut ADFC, dass zu den bei Frauen meist schmaleren Schultern auch ein schmaler Lenker besser passt. Schmalere Griffe und besser erreichbare Bremshebel für kleinere Hände finden sich ebenfalls in vielen der Komponentenprogramme. Auch im Hinblick auf speziell geformte Sättel gibt es laut Mike Dietz eine Auswahl. So werden von Frauen aus anatomischen Gründen breitere Sättel bevorzugt, während Männer gern auch mal zur schmalen Ausführung greifen.

"Was allerdings nach wie vor noch nicht genügend berücksichtigt wird, sind die angepassten Kurbelgrößen", bemängelt Alexandra Kirsch. Wenn zum Beispiel die Tretkurbel im Hinblick auf die Körpergröße zu lang ist, kann dies zu Überdehnungen und Belastungen der Knie führen. "In diesem Bereich müssen die Hersteller noch nachlegen."

Abgesehen davon gibt es nach Aussage der Experten einen großen Bereich, in dem Männer und Frauen sich beim Fahrradkauf tatsächlich unterscheiden - und der hat mit technischen Eigenschaften nichts zu tun. "Gerade bei der Farbauswahl sind Frauen mutiger", sagt Stefan Genth. Während in der Farbenwelt der Fahrräder derzeit Schwarz oder auch dunkles Blau vorherrschen, greifen die Käuferinnen gern zu knalligeren Tönen wie grellem Orange oder leuchtendem Gelb.

Heiko Haupt, gms



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