Pannenachsen Bahn-Störung dauert noch Monate

Die Probleme mit den Pannenachsen sind größer als bekannt: Die Bahn teilt mit, die Sicherheitschecks an 70 ICE-T könnten bis Februar dauern. Solange die Ursache unklar ist, bleibt die Neigetechnik aus, die Züge fahren langsamer - Fahrgastverbände empören sich über das Krisenmanagement.


Berlin - Die Bahn kämpft stärker als bisher bekannt mit dem Achsproblem ihrer Neigetechnik-Schnellzüge. Die Überprüfung der ICE-T kann sich noch bis Februar hinziehen, sagte ein Konzernsprecher "Bild am Sonntag".

Die Bahn prüft derzeit in Sonderkontrollen, ob sich Risse in den Achsen der Züge gebildet haben. Mehdorn hatte in dieser Woche darüber informiert, dass bei einer Überprüfung der Antriebsachse eines ICE-T ein Schaden entdeckt worden sei - der zweite solche Fall nach dem Entgleisen eines ICE in Köln im Sommer wegen Achsbruchs.

Die Bahn wurde nach dem Vorfall in Köln zu schärferen Kontrollen angehalten und hat kürzlich 70 ICE-T-Züge vorläufig aus dem Verkehr genommen. Laut "Bild am Sonntag" wurde bisher ein Viertel von ihnen überprüft. Weil sich zahlreiche ICE in den Werkstätten befinden, kommt es derzeit zu Fahrplaneinschränkungen und überfüllten Zügen. Der Bahn-Sprecher sagte allerdings, dass trotz Kontrollen schon wieder 90 Prozent der Fernverkehrszüge planmäßig führen. Bis zum Fahrplanwechsel am 14. Dezember sollen nahezu alle Fahrten auf den ICE-T-Linien wieder abgedeckt werden.

Ein Problem für die Bahn ist allerdings, dass die Neigetechnik, die die Züge beschleunigt, bis auf Weiteres nicht benutzt werden kann: "Solange wir nicht die Ursache für die Risse gefunden haben, wird bei den ICE-T auch die Neigetechnik abgeschaltet", sagte der Konzernsprecher.

Der für Personenverkehr zuständige Bahnvorstand Karl Friedrich Rausch sagte "Bild am Sonntag", man arbeite rund um die Uhr und beschleunige die Kontrollen, "indem wir zusätzlich 115 Mitarbeiter für diese Sonderkontrollen eingestellt beziehungsweise geschult haben". Außerdem habe man acht neue Ultraschall-Prüfgeräte für 2,5 Millionen Euro bestellt. "Solange wir nicht die Ursache für die Risse kennen, gehen wir absolut auf Nummer sicher."

"Geduld der Fahrgäste darf nicht überstrapaziert werden"

Grafik: Diese ICE-Routen sind von Notfallplänen betroffen
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Grafik: Diese ICE-Routen sind von Notfallplänen betroffen

Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert die Bahn jetzt auf, das Angebot an Zugverbindungen wieder verlässlich zu machen: "Wenn die Ausfälle bis in den Dezember andauern, brauchen wir eine verlässliche Fahrplanvorschau mit festen Fahrzeiten der Züge und der Möglichkeit auch dort Sitzplätze zu reservieren. Die Geduld der Fahrgäste darf nicht überstrapaziert werden", schrieb der Pro-Bahn-Vorsitzende Karl-Peter Naumann in einem Gastbeitrag für die "Bild am Sonntag". Er kritisierte die "gigantischen Gehalts- und Prämienerhöhungen der Bahnvorstands" und appellierte an den Vorstandsvorsitzenden: "Lieber Herr Mehdorn, verzichten Sie darauf, nehmen Sie dieses Geld in die Hand und spendieren Ihren Fahrgästen lieber ein Freigetränk in den vollen Ersatzzügen."

Wegen der ICE-Probleme und Berichten über seine Bezüge steht Mehdorn schon länger in der Kritik. Der Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann verlangte jüngst in der "Berliner Zeitung" die Ablösung der Konzernspitze und begründete dies unter anderem mit den Achsproblemen beim Schnellzug ICE.

Kritisiert wird Mehdorn außerdem, weil er und die Konzernspitze ausgiebige Boni für den geplanten Börsengang vereinbart haben. Das Grundgehalt von Hartmut Mehdorn soll im kommenden Jahr um 20 Prozent steigen - von 750.000 auf 900.000 Euro.

Als Leistungszulage, die vom Konzernergebnis abhängt, soll der Bahn-Chef im kommenden Jahr 3,51 Millionen Euro verdienen können statt bisher 2,99 Millionen Euro. Dazu kämen im Fall eines Börsengangs auf jeden Fall 140.000 Euro; wenn der Börsengang 4,5 bis fünf Milliarden Euro einbringe, steige dieser Sonderbonus für Mehdorn auf 560.000 Euro, bei einem höheren Erlös sogar auf bis zu 1,4 Millionen Euro.

Tatsächlich haben zahlreiche Dax-Vorstände 2007 wesentlich mehr verdient. So beliefen sich die Gesamtbezüge von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Vorjahr auf über 14 Millionen Euro, die von Siemens-Chef Peter Löscher auf 11,49 Millionen und die von Daimler-Chef Dieter Zetsche auf 10,67 Millionen. Dennoch sei das Timing für das Bahn-Gehälterplus denkbar schlecht gewählt, sagen Kritiker.

Auch Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee ist wegen der Boni unter Druck. Er musste inzwischen einräumen, dass er bereits seit Mitte September von den üppigen Zusagen wusste. Seinen Staatssekretär Matthias von Randow, der den Bonuszahlungen im Juni im Bahn-Aufsichtsrat zugestimmt hatte, feuerte er aber erst vergangenen Mittwoch, weil dieser angeblich eigenmächtig und ohne Rücksprache mit dem Minister gehandelt hatte.

Tiefensee verteidigte sich in der "Bild"-Zeitung: "Im Juni hat der Personalausschuss das beschlossen. Wenn ich das vorher erfahren hätte, dann hätte ich mich gegen die Boni gestellt." Tiefensee appelliert nun an den Bahn-Vorstand, auf die Boni zu verzichten.

ssu/AFP/ddp

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