Kreuzfahrtschiff-Designer: "Wir müssen um jeden Zentimeter kämpfen"

Sie sind die Ideengeber für die meisten Neubauten deutscher Kreuzfahrt-Reeder: Siegfried Schindler und Kai Bunge haben bei Aida-Clubschiffen und beim Luxusliner "Europa 2" das Design bestimmt. Im Interview berichten sie, was das Geheimnis eines gelungenen Schiffs ausmacht.

Vom Stahlschnitt zum Schiff: Wie die "Europa 2" entstand Fotos
Lutz Jäkel

SPIEGEL ONLINE: Herr Bunge, Herr Schindler, was ist für Sie ein gut designtes Kreuzfahrtschiff?

Schindler: Gutes Design entsteht, wenn Funktion und Form in Einklang zueinander stehen. Die Abläufe und die Orientierung auf dem Schiff sollten für Passagiere und Crew selbstverständlich und einfach sein. Die Innenarchitektur folgt immer der Funktion.

Bunge: Das Design sollte so sein, dass es den Passagier in Urlaubsstimmung versetzt. Es kann in verschiedene Stilrichtungen gehen - ein schön designtes Schiff ist nicht unbedingt etwas Zeitgeistiges -, aber das legt der Reeder mit der Zielgruppenbestimmung fest. Es müssen aber Emotionen vermittelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Aufgabe als Schiffsinnenarchitekten?

Bunge: Unser Aufgabengebiet umfasst die Architektur, Innenarchitektur und das Design für alle Bereiche eines Schiffs. Zunächst entwickeln wir in enger Abstimmung mit der Reederei den Generalplan und entwerfen dann die Innenbereiche der Crewkabine, die Passagierkabinen bis hin zu den öffentlichen Bereichen und Außendecks. Dafür designen wir auch rund 80 Prozent der Möbel, Stoffe, Teppiche und dekorativen Leuchten speziell für das jeweilige Schiff.

SPIEGEL ONLINE: Womit beginnen Sie die Planung?

Schindler: Mit den Kabinen, sie sind die kleinsten Bausteine des Schiffes. Nach ihnen richtet sich die Struktur und Konstruktion. Dann folgen die öffentlichen Bereiche, Restaurants, Shops, Entertainment- und Wellnessbereiche, die funktional zueinander angeordnet werden. Das Schiff muss so kompakt wie möglich gebaut sein, denn jeder Reeder will natürlich so viele Passagiere wie möglich aufnehmen können und ihnen so viele Erlebnisse wie möglich bereiten.

SPIEGEL ONLINE: Ein Schiff hat eine lange Entwicklungs- und Lebensdauer - wie entwickelt man ein Design, das noch in 20 Jahren gefällt?

Schindler: Sie dürfen nicht auf Trends setzen. Sie müssen vielmehr zeitlos entwerfen: das Gefühl ansprechen, indem Sie Farben wählen, die in der Natur nebeneinander vorkommen. Wenn Sie zum Beispiel nach einem langen Winter auf eine Maiwiese gehen, werden Sie emotional berührt sein. Dasselbe gilt für den Herbstwald, die Farben des Strandes, des Meeres.

Bunge: Das gilt auch für Strukturen und Licht. Trendiges Design dagegen wie etwa das der Sechziger ist oft nichts Natürliches, es mag eine Zeitlang schick sein, weil es anders ist, vergeht aber auch schnell.

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Partner Ship Design: Die Kreuzfahrtschiff-Macher
SPIEGEL ONLINE: Auf den Aida-Schiffen haben Sie ja ordentlich kräftige - und nicht gerade natürliche - Farben eingesetzt: Rot, Gold, Orange...

Schindler: Ja, das kann man für die "Aida Diva" sagen, das erste Schiff der Sphinx-Klasse. Das Design sollte - wie schon ihr Name besagt - vermitteln: Ich bin eine Diva, ich bin schön, bin mutig. Das war unsere Aufgabe. Die Nachfolger sind wesentlich ruhiger in den Farben.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie die Farbgebung auf der "Europa 2" beschreiben, die am 10. Mai in Hamburg getauft wird?

Schindler: Sie ist eher zurückhaltend. Es sind sehr nuancierte Farbkompositionen, sehr lichte Töne, die durch Akzente wie zum Beispiel Anthrazit, Türkis oder Magenta zum Leben erweckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist ansonsten das Besondere an dem neuen Hapag-Lloyd-Flaggschiff?

Schindler: Das Deck 4, auf dem öffentliche Bereiche wie Rezeption, Restaurant und das Theater liegen, verfügt über eine Raumhöhe von circa 3,50 Meter. Dies ist im Passagierschiffbau ein Novum. Bisher mussten wir selbst auf großen Schiffen um jeden Zentimeter Höhe kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wohin geht der Trend bei den Kreuzfahrtschiffen?

Schindler: Die Schiffe selber werden immer mehr zu Destinationen, zu eigenen Reisezielen. Das wird vielleicht damit enden, dass sie irgendwann wie kleine Inseln festliegen und von dort aus kleinere Schiffe Tagesausflüge machen. Je größer Kreuzfahrtschiffe werden, desto mehr Freizeiteinrichtungen und Restaurants können Sie darauf anbieten.

Bunge: Die Megaschiffe wiederum schaffen auch mehr Platz für Produktnischen auf dem Markt, für kleine individuelle Schiffe. Immer mehr Leute machen sich mit der Kreuzfahrt vertraut, und viele scheuen die großen Schiffe.

SPIEGEL ONLINE: Wie gelingt es, dass sich die Gäste trotz Tausender Mitfahrer wohlfühlen?

Bunge: Die Organisation der Passagierströme ist der Schlüssel. Schon in der Planung überlegen wir, welche Räume zu welchen Tageszeiten wie belegt sein werden. Wir stellen Bewegungsprofile auf, die zum Beispiel zeigen, wo sich die Passagiere an Seetagen und wo an Hafentagen aufhalten. Darauf können wir dann mit der Innenarchitektur reagieren.

Schindler: Sie müssen die Leute über Wegeführung und unterschiedliche Essens- und Veranstaltungszeiten aneinander vorbeileiten. So fühlt sich derjenige wohl, der Ruhe haben will, und auch derjenige, der animiert werden will.

SPIEGEL ONLINE: Was folgt daraus zum Beispiel?

Bunge: Wenn die abendaktiven Bereiche wie Theater, Disco, Bars über das Schiff verteilt wären - auf einem Deck achtern, auf einem ganz vorne -, dann werden sie alle leer sein. Daher konzentrieren wir sie so, dass unsere Schiffe abends noch ein aktives Zentrum haben. Ein Raum funktioniert nur im Kontext mit anderen.

Schindler: Es kann im Laufe des Schiffslebens noch an Stellschrauben gedreht werden: Wenn ich nur ein Restaurant öffne, dann konzentriert sich alles dort. Wenn ich zur gleichen Zeit eine interessante Comedy laufen lasse, kann ich wieder etwas entzerren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es innenarchitektonische Kniffe?

Bunge: Jeder Passagier soll sich in jedem Bereich als Individuum fühlen. Wenn wir ein Restaurant entwerfen, setzen wir uns mental auf jeden einzelnen Platz. Prüfen, ob es ein überschaubarer Raum ist oder er einengt. Oder ob man das Gefühl hat, in der Mensa oder Kantine zu sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie dagegen?

Schindler: Man muss einen Raum im Raum schaffen…

Bunge: ...und das etwa über Strukturen wie Pfeiler oder Stützen. Wir arbeiten aber auch mit Paravents, mit Stoffen, Farben und Lichtinseln.

Das Interview führte Antje Blinda

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Es treibt, aslo Schiff ich
Flussball08 23.04.2013
Mit herkömmlichen Schiffen hat dies nichts mehr zu tun. Nautischen Proportionen und Linien haben nichts mehr zu sagen. Alles wird der Effizienz untergeordnet, sprich dem Mast-tourismus. Ein auf dem Wasser treibender, viereckiger Stahlcontainer, wo der Schlüssel zum Erfolg bei den Passagierströmen liegt. (revenue streams). Man muss doch nicht immer alles machen, nur weil man es jetzt über die Massen machen kann.
2. Was ein Geplapper....
KhunMick 23.04.2013
Binsenweisheiten in hochtrabende Worte verpackt. Entsprechend dem Zeitgeist des plappernden Marketings. "Wenn ich nur ein Restaurant öffne, dann konzentriert sich alles dort. Wenn ich zur gleichen Zeit eine interessante Comedy laufen lasse, kann ich wieder etwas entzerren." Ach nee..... 1 Liter Wasser in zwei Gläser ergibt halt eben einen "entzerrten" Halben... Gewäsch!!!
3. -----------------
brux 23.04.2013
Nun ja, ist wohl alles eher Marketing-Sprech.... Hinweis: Kein Kreuzfahrtschiff bleibt 20 Jahre innen unverändert. Spätestens nach 10 Jahren kommt in der Regel der grosse Umbau.
4. Wer fragt den Passagier?
exHotelmanager 23.04.2013
Wir rätseln ein jedes mal, warum es in der Kabine und in den Restaurants keinen Haken für die nasse Regenjacke gibt und bei Balkonkabinen die Balkontür nicht permanent geöffnet werden kann. Bei vielen Schiffen ist das "Design" nur Tünche über den Unzulänglichkeiten. Man darf sich nicht blenden lassen. Es wäre sicher besser, mehr Geld in die Bezahlung wirklich qualifizierten Personales zu investieren und auf das Blattgold zu verzichten.
5. Luxs?
guxdu 23.04.2013
Das sind doch keine Luxusliner! Das snd schwimmende Plattenbauten, in denen die Passagiere wie die Ölsardinen zusammengequetscht werden. Das Motto: "Immer größer, immer teurer!" mag zwar viel Rendite bringen, aber mit Luxus hat das nix zu tun. Das is wohl eher der schwimmende Ballermann für Senioren! Wer wirklich komfortabel kreuzfahren will, der sucht sich kleine Schiffe!
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Partner Ship Design
  • Partner Ship Design
    Siegfried Schindler (l.), Jahrgang 1950, ist Innenarchitekt und begann als Möbeldesigner. 1979 kam er auf der Kieler Werft HDW zum Schiffbau.

    Kai Bunge (r.), Jahrgang 1958, studierte Architektur in Hamburg und arbeitete dann auf der Meyer Werft in Papenburg und für Tilberg Design in Schweden.

    1991 gründeten sie Partner Ship Design in Hamburg und waren seither an vielen Schiffsneubauten beteiligt, unter anderem für die Reederei Deilmann, Sea Cloud Cruises, Aida Cruises, CCL, P&O und Hapag-Lloyd Kreuzfahrten.

    Zurzeit steht die "Europa 2" von Hapag-Lloyd kurz vor der Taufe (10. Mai in Hamburg), und für Aida Cruises arbeitet das Büro an der neuen "Hyperion"-Klasse, deren erstes Schiff 2015 auf große Fahrt gehen soll.


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"MS Europa 2"
Reederei Hapag-Loyd Kreuzfahrten
Bau STX Europe, Saint Nazaire, Frankreich
BRZ 40.000
Länge 225,38 Meter
Breite 26,70 Meter
Tiefgang 6,30 Meter
max. Geschw. 21 Knoten
Suiten 251
Max. Passagierzahl 516
Crew mehr als 370
Taufe 10. Mai 2013 in Hamburg
Jungfernfahrt 11. Mai 2013
Einsatzgebiet Mittelmeer, Arabisches Meer, Asien
Quelle: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten

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