Von Luise Poschmann, Frankfurt
"Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns auf die Leute zu Hause zu verlassen", ärgert sich Carmen Nechimis aus Rumänien. Die Marketing-Spezialistin ist fast den Tränen nah. Der Flug nach Hause ist abgesagt und die Airline keine große Hilfe. "Ich habe Deadlines, ein Meeting gleich morgen früh", sagt die 25-Jährige, die jetzt versuchen will, vom Dortmunder Flughafen Richtung Osten zu gelangen. Die Tickets dafür bucht das Büro ihres eigenen Unternehmens.
Der Zeiger rückt vor. 15 Uhr, Streikbeginn. Und es passiert: nichts. Zumindest vorläufig. Die Probleme beginnen sich erst langsam abzuzeichnen. Menschentrauben bilden sich vor Abflug- und Informationschaltern, auf der Anzeigetafel sammeln sich die schlechten Nachrichten. Manch einer hat schon resigniert und richtet sich auf eine längere Liaison mit der Abflughalle ein. "Hat mal jemand 'ne Isomatte?" ruft ein junger Mann scherzend in die Runde, dabei ist es draußen noch helllichter Tag.
Grund für die ungeliebte Wartezeit ist der Arbeitskampf der rund 200 Mitarbeiter der Verkehrsaufsicht und der Kontrolle des Flugfelds auf Deutschlands größtem Airport. Sie ist unter anderem dafür zuständig, dass die Maschinen nach der Landung die richtige Parkposition erreichen. Zwar versucht der Flughafen-Betreiber Fraport einen Großteil der Beschäftigten mit zahlreichen "Management-Lotsen" zu überbrücken, doch trotzdem bleibt etwa die Hälfte der Flüge gestrichen - und die Reisenden müssen eine unfreiwillige Pause einlegen.
"Ganz Europa ist ständig im Streik"
Dass die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) am Morgen angekündigt hatte, im Zweifel fortzusetzen, löst dann doch Unmut aus. Viele hatten gehofft, noch in der Nacht oder zumindest in den frühen Morgenstunden ihr Ziel zu erreichen. Ein zweitägiger Streik ist da ein ganz anderes Kaliber.
Am schwersten treffen solche Streiks immer diejenigen, deren Weg besonders weit ist. Menschen aus Übersee hängen im Transferbereich des Drehkreuz-Flughafens fest. Wegen fehlender Visa können sie - selbst wenn sie wollten - nicht einmal ein Hotelzimmer in der Stadt nehmen. Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf den schwarzen Lederbänken ein Lager zu bauen und den Entrüstungssturm der Angestellten vorbeiziehen zu lassen.
So gesehen haben es Jordan und Elena aus den USA noch ganz gut getroffen. Sie wollen weiter nach Namibia und haben zwischen den Flügen ausgecheckt. Trotzdem sind auch sie ratlos. Die Reiseagentur ist nicht zu erreichen, und da ihr Flug relativ spät geht, fühlt sich die Airline noch nicht zuständig. "Wir fühlen uns nicht gut informiert, aber vielleicht haben wir ja Glück", hofft der 20-jährige Jordan aus Wisconsin. Auch die beiden Studenten hätten morgen früh ein Meeting in Namibia. Danach soll es zu Recherchen in die Wildnis gehen.
Muffins zum Zeitvertreib
Die einzig wirklich glücklichen an diesem Donnerstagnachmittag auf dem Frankfurter Flughafen sind dann wohl die Betreiber der zahlreichen Bistros. Denn nach einiger Zeit begibt sich auch der Magen unweigerlich in den Streik. Zwar soll es nach einer gewissen Wartezeit Gutscheine von den Fluggesellschaften geben, aber so ein Tag am Airport kann lang sein. Ein Muffin hier, ein Sandwich da - zumindest die Restaurantbesitzer machen heute ein gutes Geschäft.
Die meisten Passagiere jedoch wissen noch nicht, wie es weitergeht. "Wenn wir heute nicht fliegen können, werden wir wohl hier schlafen müssen", meint die Amerikanerin Elena. "Aber immerhin wird es nicht kalt werden", lacht sie, "wegen unserer Zeit in der Wildnis haben wir so einiges an Ausrüstung dabei."
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