Pisa - Bart Simpson hält sich das Wahrzeichen aus Marmor in den Schritt und protzt: "Den schiefen Turm von Pisa kann ich dir geben." Der Cartoon ziert eine Boxer-Shorts in einem Souvenirshop in Pisa. Nebenan hängt eine weitere Unterhose an einem Kleiderbügel: Sie ist bedruckt mit dem weltberühmten Turm in den italienischen Nationalfarben Grün-Weiß-Rot - und mit zwei Fußbällen rechts und links davon, so dass das bizarre Ensemble Kunden an das männliche Geschlecht denken lässt.
Der schiefe Turm von Pisa, der jedes Jahr Millionen Besucher anzieht, war zuletzt zum Phallussymbol verkommen. Wer an den Verkaufsständen an der Piazza dei Miracoli vorbeiging, fand die Touristenattraktion als verballhornte Comiczeichnung oder Motiv auf Shorts, Kochschürzen und Postkarten. Was Urlauber aus aller Welt neugierig begutachteten und betatschten, war italienischen Politikern ein Dorn im Auge: Skandal-Souvenirs, die es zu bekämpfen gilt.
Marco Filippeschi, Bürgermeister von Pisa, empörte sich so sehr, dass er nun Händlern eine Strafe von 500 Euro aufdrückt, wenn sie Andenken verkaufen, die Symbole wie den schiefen Turm lächerlich machen. Fünf Mal sei das Bußgeld schon verhängt worden, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Pisa. Werde ein Händler bei einer zweite Kontrolle wieder mit dieser Ware erwischt, könne sie beschlagnahmt werden.
Auch Kochschürzen mit Michelangelos David werden für wenige Euro feilgeboten - wer sie sich überhängt, stellt die kunstvolle Blöße am eigenen Leib zur Schau. "Basta, das ist unanständig und damit muss Schluss sein", sagte Filippeschi Anfang August nachdem die Kirche kritisch vorgeprescht war. In einem Interview mit der italienischen Zeitung "Il Tirreno" hatte sich Enzo Lucchesini, Vikar der Diözese Pisa zu Wort gemeldet und die Souvenirs als "eine Schande" bezeichnet - "nicht nur für die Gläubigen, sondern für die ganze Stadt".
Kreuzzug der "Anti-Trash"-Allianz
Und Pisa ist nicht allein: Auch in Florenz, Pienza, Siena und San Gimignano ist man hoch erbost über das Schindluder, das mit den italienischen Kunstschätzen getrieben wird. Alle fünf toskanischen Städte zählen zum Unesco-Weltkulturerbe, ihre Bürgermeister wollen sich noch im August an den "Anti-Trash-Tisch" setzen, wie die florentinische Tageszeitung "Corriere Fiorentino" das Bündnis nennt.
Italien ist zwar dank seines Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi für leicht zu erregende Politiker bekannt. Aber wer hätte gedacht, dass billige China-Ware sie derart auf die Palme bringen könnte?
Der vom "Corriere Fiorentino" auch als "Kreuzzug der Toskana" bezeichnete Vorstoß scheint offenbar schon etwas gebracht zu haben: Am vergangenen Wochenende waren die Souvenirs auf der Piazza dei Miracoli schon kaum noch zu finden, sagte ein Sprecher der Stadt Pisa am Donnerstag SPIEGEL ONLINE. "Man hätte schon danach suchen müssen", hieß es, "vielleicht hätte dann jemand so ein Teil unter dem Ladentisch hervorgezaubert." Ein Sieben-Euro-Souvenir auf dem Index.
Alessandra Marino von der italienischen Denkmalschutzbehörde schloss sich zwar der Meinung an, dass italienische Kunst nicht verkaspert werden sollte. Doch sie warf noch ein anderes Licht auf die Diskussion über schlüpfrige Souvenirs: "Die Schürzen mit dem David-Phallus sind ein leuchtendes Beispiel für den schlechten Geschmack unseres Landes", sagte Marino kürzlich dem Online-Kunstmagazin "Il Giornale dell'Arte". Vielleicht ist das das wahre Ärgernis, das der Schlüpfrige Turm von Pisa zu Tage gebracht hat.
jus
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