Frankfurt/Main - Deutsche Piloten warnen wegen langer Dienstzeiten und kurzer Ruhepausen vor einer zunehmenden Gefährdung der Sicherheit im Flugverkehr. Schon heute stelle die teilweise extreme Ermüdung ein ernst zu nehmendes Risiko dar, sagte der Vizepräsident der Vereinigung Cockpit (VC), Ilja Schulz, am Montag in Frankfurt am Main.
Er fürchte eine weitere Verschlechterung durch die von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) geplanten, international einheitlichen Flugdienstregeln. Diese sollen die bisher geltenden nationalen gesetzlichen Regelungen ablösen und laut VC im Mai in die europäische Abstimmung gehen.
Bereits heute spiele bei mehr als 80 Prozent aller Flugunfälle menschliches Versagen eine Rolle, sagte Schulz. Bei einer Umfrage unter den aktiven VC-Mitgliedern hätten 36 Prozent der 2800 antwortenden Piloten angegeben, schon einmal während des Fluges unfreiwillig eingeschlafen zu sein.
Fast alle, nämlich 93 Prozent der Teilnehmer, gaben an, aus Ermüdung schon einmal einen Fehler im Dienst gemacht zu haben. 14 Prozent sagen, sie seien wegen Müdigkeit in einen "Zwischenfall", also einem Beinahe-Unfall verwickelt gewesen. Umfragen von anderen europäischen Berufsverbänden haben ergeben, dass sich sogar bis zur Hälfte ihrer befragten Piloten an ein Nickerchen erinnern könnte.
Ausweitung der Einsatzzeiten auf bis zu 16 Stunden
Anlässlich des Deutschen Verkehrspilotentages appellierte die VC in einem offenen Brief an Bundestagsabgeordnete, sich auf europäischer Ebene für mehr Sicherheit im Flugverkehr und kürzere Dienstzeiten einzusetzen. Dem schlossen sich die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) und der Deutsche Fliegerarztverband (DFV) an.
Es zeichne sich ab, sagte Schulz, dass die Easa in wesentlichen Punkten den wirtschaftlichen Interessen der Fluggesellschaften mehr Gewicht einräume als der Sicherheit von Passagieren und Besatzungen. Es drohten längere Einsatzzeiten am Tag und in der Nacht, obwohl Forscher sich einig seien, dass dies die Sicherheit gefährde.
Derzeit gelten in den europäischen Ländern nationale Gesetze, nach denen bei den Tagschichten auf Kurz- und Mittelstrecken Einsatzzeiten von bis zu 14 Stunden normal und rechtlich zulässig sind, sagte Schulz. Ausnahmeregelungen erlaubten schon jetzt Dienstzeiten von 15 Stunden. Die neuen Regelungen der Easa sähen sogar Verlängerungsmöglichkeiten auf bis zu 16 Stunden vor.
Die Unfallwahrscheinlichkeit steige jedoch laut wissenschaftlicher Studien bereits ab 13 Stunden auf das Fünfeinhalbfache - verglichen mit einer neunstündigen Dienstzeit. Gerade bei mehreren Flügen am Tag, wobei Starts und Landungen die höchste Konzentration erforderten, müssten die Dienstzeiten verkürzt werden.
Für Nachtflüge wolle die Easa das Limit für europäische Piloten künftig auf elf Stunden festlegen. Studien zeigten aber laut VC, dass eine sichere Flugdurchführung mit Dienstzeiten von über zehn Stunden in der Nacht nicht gewährleistet werden könne.
VC: Druck auf tarifgebundene Fluglinien wird steigen
Eine Erweiterung der gesetzlich zulässigen Dienstzeiten würde sich auch auf deutsche Fluglinien auswirken, sagte VC-Pressesprecher Jörg Handwerg SPIEGEL ONLINE. Bisher seien die Regelungen bei den etablierteren Fluggesellschaften wie Lufthansa zwar durch Tarifverträge geregelt, die meist strenger als die gesetzlichen Vorgaben seien. Doch der Druck durch nicht-tarifgebundene Fluglinien, die ohne Weiteres ihre Einsatzzeiten verlängern könnten, würde wachsen. "Der Gesetzgeber muss für die Sicherheit im Luftverkehr sorgen", sagte Handwerg, "und nicht der Tarifvertrag."
Unterstützung erhalten die Flieger vom Ärzteverband DFV. Die Ruheregelungen für Lastwagen- und Busfahrer seien schärfer als die für Verkehrspiloten, sagte Hans-Werner Teichmüller. Er berichtete von zahlreichen Klagen der Patienten über zu enge Umlaufzeiten und nicht ausreichende Pausen. Sie wollten aber gegenüber dem Arbeitgeber keine Schwäche zeigen. Computer und Umlaufpläne müssten künftig den Menschen angepasst werden und nicht wie bislang umgekehrt.
Der Ufo-Vorstandsvorsitzende Nicoley Baublies betonte, Flugbegleitung bedeute mehr, als nett und freundlich zu sein. Alles, was außerhalb der Norm passiere, müsse schnell und präzise mit dem Cockpit besprochen werden. Er nannte randalierende Passagiere, plötzliche Erkrankungen bis hin zur Feuerbekämpfung als Beispiele.
abl/dpa/dapd
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