Polens alte Schlösser: Spuren des Größenwahns

Von Maike Grunwald

Mythische Hexen-Treffs, Mumien von Mönchen: Die Schlösser der polnischen Swietokrzyskie-Region bieten reichlich Gelegenheit zum Gruseln. Doch einige Idealisten richten nun die prunkvollen Bauwerke der Vergangenheit wieder her - und bieten edle Zimmer für Besucher an.

Polnische Schlösser: Reich der Hexen, Mönche und Ritter Fotos
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Andrzej Borkowski trägt eine Kopfbedeckung aus purpurrotem Stoff, mit Pelz besetzt, verziert mit einer großen goldenen Brosche und einer prächtigen Fasanenfeder. "Keiner hat an meinen Traum geglaubt. Nur ich", sagt der stolze Besitzer des Ritterguts Zamek in Sobkow. Das historische Kostüm mit Cotte und Surkot wirkt ganz natürlich an dem Mittelalterfreak, nur die Brille auf der Nase entlarvt ihn als modernen Zeitgenossen. Er sieht stolz und glücklich aus, wie er da sitzt beim opulenten Mittagsmahl in seinem Rittersaal.

Eine Zofe, ebenfalls im historischen Kostüm, bringt frisch geräucherte Forellen. "Heute morgen gefangen, aus dem Fluss Nida, direkt hier am Gut", sagt der Hausherr. Schon jetzt scheint sich der massive Holztisch unter dem Gewicht der Speisen fast zu biegen. Obwohl draußen die Sonne scheint, herrscht Dämmerlicht im weiß getünchten Saal. Kerzen brennen auf dem Tisch und in dem schweren Kerzenhalter, der von der Decke hängt. In einer Ecke steht eine Rüstung, wie sie die polnischen Reiter der Hussaria im 16. Jahrhundert trugen. Hinten sind Flügel aus Eisen und Adlerfedern befestigt. "Die erzeugten beim Reiten ein unheimliches Geräusch, das die Feinde erschreckte und ihre Pferde scheuen ließ", sagt Andrzej Borkowski.

Als er vor 13 Jahren mein Leben in Warschau aufgab und hierher nach Sobkow zog, hielten ihn alle für verrückt. "Das Rittergut war nur eine Ruine", sagt der Hausherr. "Aber ich hatte keine Wahl. Als ich die Schlossruine und die alten Gebäude sah, habe ich mich sofort verliebt." Er nahm Kredite auf und verkaufte sein Haus in Warschau, um das nötige Geld für die ersten Renovierungen zu bekommen. "Meine Schwiegermutter redete jahrelang kein Wort mit mir. Aber sie hinterließ mir sehr viel Geld für das Schloss."

Heiligtum auf dem Gipfel

Borkowski ist ein Zeitreisender, der in die Vergangenheit verliebt ist. Ein Städter, der sein Leben in Warschau aufgab und all sein Geld in eine Ruine steckte, die in einer Gegend steht, die keiner kennt. Die Wojewodschaft Swietokrzyskie gehört zu den kleinsten und ärmsten Verwaltungsbezirken Polens und liegt irgendwo zwischen Warschau und Krakau. Ihr konsonantenreicher Name (ausgesprochen ähnlich wie "Schwi-ento-kschiski-e") heißt wörtlich übersetzt "Heiligenkreuz". Sie ist nach einer Reliquie aus Splittern des Kreuzes Jesu benannt.

Das Heiligtum wird in einem Kloster angebetet, das auf dem Gipfel des 600 Meter hohen Berges ysa Góra steht. Der "kahle Berg", so die Übersetzung, ist gleichzeitig ein berüchtigter Hexen-Treffpunkt, ähnlich wie der Brocken im Harz. Bis heute trauen sich die älteren katholischen Pilger nicht, den alten Kreuzweg zu verlassen - aus Angst vor Hexen. Ganz in der Nähe fand man die Reste einer heidnischen Kultstätte aus dem 8. Jahrhundert.

In der Krypta des Heiligenkreuzklosters, das 1006 gegründet wurde und bis heute von Mönchen bewohnt wird, ruhen die Gebeine von 1400 Benediktinern. Einige gut erhaltene Mumien sind ausgestellt. Im Kloster-Café verkaufen die Mönche selbst gebraute Kräuter-Arzneien: Mittel gegen Allergien oder für die Schönheit, den Honig-Wodka "Kamianniak", der für und gegen alles gut sein soll, sowie die Liebesdroge Lubczyk. "Manche reisen Hunderte von Kilometern, um unsere Arzneien zu kaufen", sagt Pater Kaziemierz Bialok. Umgeben ist das Kloster von einem richtigen Hexenwald: Wild wachsende Buchen- und Tannenbäume prägen den 7000 Hektar großen Heiligenkreuz-Nationalpark. Hier gibt es Wölfe und 28 weitere geschützte Tierarten, dazu 82 sehr seltene Pflanzen. Das Heiligenkreuzgebirge ist eines der ältesten Europas. Einst lag es auf dem Grund eines Meeres, dann wanderten Dinosaurier durch das Land. Eine mystische, versteckte Gegend. Das Reich der Hexen und Mönche. Das Land der Ritter und Träumer.

Gästezimmer im Rittergut

Noch ist die Swietokrzyskie-Wojewodschaft ein Geheimtipp. Doch es wird nicht mehr lange dauern, bis sie auch für Urlauber aus Deutschland ganz erschlossen ist.

Die polnische Regierung pumpt Millionen in die Entwicklung des Tourismus. In der 4000-Seelen-Gemeinde Batow ist ein riesiger Saurierpark mit Achterbahn und Skilift entstanden, die Angestellten sprechen mehrere Sprachen. "Die Arbeitslosenquote ist enorm gesunken", sagt Jarosaw Kuba, Vorsitzender des Wirtschaftsvereins Club Batek. "Tourismus ist die Chance für unsere Region, die Urlaubern eine Menge zu bieten hat, und das zum kleinen Preis."

Auch Andrzej Borkowski hat auf seinem Rittergut Gästezimmer eingerichtet und eine polnisch-englische Internetseite ins Netz gestellt - alles natürlich im mittelalterlichen Stil. Geplant war der Schritt in die Touristikbranche eigentlich nicht. "Aber irgendwie muss ich meinen Traum ja finanzieren", sagt er. "Es ist ja alles noch nicht fertig." Noch sind es vor allem polnische Hochzeitsgesellschaften, die sich bei ihm einbuchen, um ritterlich zu feiern.

Die niedrigen Gebäude, Stallungen und Kutschenhäuser stehen auf den Fundamenten einer alten Festung. Zur Original-Substanz aus dem 16. Jahrhundert gehören unter anderem drei von ursprünglich vier viereckigen Wachtürmen. Inmitten der liebevoll restaurierten Gebäude steht eine Ruine, die nachts angeleuchtet wird: Die Überreste eines klassizistischen Sommerschlosses, das um 1770 gebaut wurde. Überall hängen Wappen polnischer Fürstenfamilien. Prächtige Pfauen laufen zwischen funktionstüchtigen Nachbauten alter Kutschen herum. Pferde schnauben in den offenen Ställen. Ein winziges Kätzchen liegt in der Morgensonne und schnurrt.

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1. Artikelkritik
news-leser 11.03.2011
Es freut mich ja, dass Sie Artikel über Polen bringen. Allerdings sollten diese sorgfälltiger überprüft werden. Die Rechtschreibfehler im Polnischen sind schon auffällig. Wenigstens der Name der Wojewodschaft hätte korrekt geschrieben werden können. Zudem heißt es "Lysa Gora". Ich vermuta ja, dass Sie Probleme mit den polnischen Sonderzeichen haben. Zudem hätte ich in der Fotostrecke gerne mehr Bilder von den beschriebenen Orten gesehen, die die Schlösser in ihrer Umgebung zeigen. Die Nahaufnahme von Ruinenresten ist wenig aussagekräftig. Dennoch bedanke ich mich für den Artikel. Schöne Grüße
2. "Woiwodschaft Heiligkreuz"
Endlager 11.03.2011
So heißt diese Gegend auf Deutsch. Wer hatte diese Schösser ursprünglich gebaut, Deutsche oder Polen? Heiligkreuz selbst war ja ursprünglich deutsches Gebiet.
3. Ursprüngliches Polnisch
brainwash 11.03.2011
Ah ja, es ist immer wieder das Gleiche: Bei französischen Eigennamen wird auf jedes "Accent" geachtet, spanische Namen werden sogar in der Tagesschau gerne mit dem "lispelnden S" ausgesprochen. Bei polnischen und vielen anderen osteuropäischen Bezeichnungen macht man sich nicht diese Mühe, obwohl jedes diakritische Zeichen die Aussprache (im Gegensatz zum Französichen bspw.) verändert. Dabei ist es mit moderner Textverarbeitungssoftware so einfach - zur Not auch mittels copy&paste aus Wikipedia. Ich mache mir mal die Mühe, die Fehler zu korrigieren - es heißt: Sobków, Świętokrzyskie, Łysa Góra, Kazimierz, Batów, Jarosław, Kurozwęki, Krzyżtopór. Die Mühe sollte man sich als seriöser Journalist auch machen. Zum Thema "ursprünglich Deutsch": Die Schlösser wurden vor den polnischen Teilungen vom polnischen Adel gebaut. Das Gebiet Heiligkreuz ist so "ursprünglich Deutsch" wie Namibia (früher Deutsch-Südwestafrika), Papua-Neuguinea (früher Kaiser-Wilhelms-Land) und Nauru (früher Deutsch-Neuguinea). (Mehr "ursprünglich deutsche" Gebiete finden sie hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Kolonien_und_Schutzgebiete)
4. Nicht alles Deutsch, was glänzt
himu 11.03.2011
Zitat von brainwashAh ja, es ist immer wieder das Gleiche: Bei französischen Eigennamen wird auf jedes "Accent" geachtet, spanische Namen werden sogar in der Tagesschau gerne mit ...
Exzellent! Leider merkt man immer wieder, dass sich erst einmal neuer User "anmelden" muss, um paar vernünftige Infos dem Forum beizutragen. Wo manche zur Schule gingen, bleibt unlösbares Rätsel. Tja, nicht alles Deutsch, was glänzt.
5. "ursprünglich deutsches Gebiet"
tmaibaum 11.03.2011
Zitat von EndlagerHeiligkreuz selbst war ja ursprünglich deutsches Gebiet.
Tatsächlich? Selbst wenn man davon ausgeht, dass sehr viele Gebiete "ursprünglich" alles mögliche waren, wenn man das Datum des "Ursprungs" geschickt wählt, muss man schon historisch sehr ungebildet und/oder äußerst rabulistisch sein, um sich zu einer solchen Aussage zu versteigen. An die Adresse der Autorin bzw. der Redaktion: Es ist wenig sinnvoll, "Zamek Rycerski w Sobkowie" mit "Rittergut Zamek in Sobkow" zu übersetzen. "Zamek" bedeutet "Burg" oder "Schloss", "zamek rycerski" bedeutet "Ritterburg". "Zamek Rycerski w Sobkow" ist insgesamt ein Eigenname, der - wenn - als "Ritterburg (in) Sobków" zu übersetzen ist.
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Reisemesse ITB 2011
Die Internationale Tourismusbörse (ITB) auf dem Geländer der Messe Berlin ist vom 9. bis 13. März täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die ersten drei Messetage (Mittwoch bis Freitag) sind Fachbesuchern vorbehalten, am Wochenende ist die Messe auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich.
Informationen gibt es auf der Webseite itb-berlin.de.
Hilfreich für die Orientierung auf dem Messegelände ist die Handy-App "ITB Mobile Guide".
Für Privatbesucher kostet das Tagesticket 14,50 Euro, im Online-Vorverkauf 12 Euro. Schüler und Studenten bezahlen 8 Euro Eintritt.
Für Sonntag (13. März) gibt es ein Last-Minute-Ticket für 8 Euro, das für die Zeit von 14 bis 18 Uhr gilt. Kinder bis 14 Jahre erhalten in Begleitung Erwachsener freien Eintritt.

Autofahrer können öffentliche Parkplätze am Messedamm, an der Masurenallee, im Bereich Avus-Nordkurve sowie am Olympischen Platz/Ecke Trakehner Allee nutzen. Von dort verkehrt zwischen 8.30 und 19.15 Uhr alle 15 Minuten ein kostenloser Shuttle-Bus zum Messegelände.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist die ITB über die S- Bahnhöfe Messe Süd, Messe Nord/ICC und Westkreuz, mit der U-Bahnlinie U2 bis Kaiserdamm oder Theodor-Heuss-Platz sowie mit den Buslinien X34, X49, 104, 139, M49, 218 zu den Haltestellen Messedamm, ZOB und ICC.

DPA
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