Flugzeug-Inneneinrichtung "Niemand will mehr über den Sitznachbarn klettern"

Recaro-Chef Mark Hiller stellt Produkte her, die niemand liebt: Seine Firma ist Marktführer für Economy-Class-Flugzeugsitze. Im Interview mit manager-magazin.de erklärt er, wie die Sitze der Zukunft aussehen - und warum er selbst gern Langstrecke in der Holzklasse fliegt.

Recaro Aircraft Seating

mm: Sie bauen ein Produkt, das die Passagier nicht mögen. Kaum jemand freut sich auf ein paar Flugstunden im Economy-Sitz. Was können Sie für diese gepeinigten Menschen tun?

Hiller: Wir bemühen uns, die Sitze auch bei geringem Sitzabstand so komfortabel wie möglich zu halten. Die Rückenlehnen etwa sind viel dünner geworden - der Platz sollte nicht für die Sitzstruktur verbraucht werden, sondern dem Passagier zur Verfügung stehen. Letztlich haben die Fluggesellschaften ja dasselbe Interesse wie die Kunden: Es sollen möglichst viele Passagiere in die Maschine hineinpassen. Denn alle wollen billige Tickets.

mm: Also Augen zu und durch?

Hiller: Nein, man kann auch bei dem geringen Platzangebot der Economy Class noch einiges verbessern. Unser Modell CL3710 hat jetzt seitlich klappbare und vertikal sehr weit verstellbare Kopfstützen. Die machen diese beliebten Nackenhörnchen überflüssig, die viele mit auf Reisen nehmen - der Kopf sackt beim Einschlafen nicht mehr weg.

Und wir haben gemeinsam mit Panasonic einen Sitzprototypen entwickelt, bei dem der Monitor fürs In-Flight-Entertainment die gesamte Breite der Rückenlehne einnimmt - da können Sie auf 13 Zoll Filme gucken. Zudem bietet unser neuer Sitz BL3530, die Weiterentwicklung des mehr als 200.000 Mal verkauften Bestsellers 3520, Lösungen, die das Handling persönlicher elektronischer Geräte vereinfachen. Dazu gehören unter anderem eine Halterung für Tablet-PCs, eine Tasche zum Verstauen sowie ein Stromanschluss zum Laden der elektronischen Geräte.

mm: Sie sind CEO einer großen Firma. Da fliegt man ja eigentlich gar nicht Economy. Oder doch?

Hiller: Ich bin in allen Klassen unterwegs. Sowohl Economy als auch Business Class. Es kann auch mal durch ein Upgrade die First Class sein. Aber ich genieße es natürlich, Economy zu fliegen. So kann ich erfahren und erleben, wie unsere Produkte von den Kunden genutzt werden - und ich kann Wettbewerbsprodukte ausprobieren.

mm: Wie sieht ein idealer Sitz für Sie aus?

Hiller: Die Luftfahrtindustrie ist nicht sehr profitabel. Viele Fluglinien schreiben Verluste. Der ideale Sitz sieht so aus, dass er viel Komfort bietet, aber wenig Gewicht hat - und man so auch nachhaltiger unterwegs ist. Jedes Kilo Sitz mehr treibt ja den Spritverbrauch in die Höhe.

mm: Und was gibt es für Trends in der Business Class?

Hiller: Die Fluggesellschaften wünschen sich auch hier eine hohe Verdichtung und möchten möglichst viele Passagiere unterbringen. Aber jeder soll einen eigenen Zugang zum Gang haben und nicht mehr über den Sitznachbarn klettern müssen. Wichtig ist viel Stauraum - und dass man den Esstisch nicht abräumen muss, wenn man aufstehen möchte, sondern ihn so zur Seite schieben kann, dass man daran vorbeikommt. Und natürlich muss der Sitz ganz in die Waagerechte gebracht werden können. Sitzkonzepte müssen so flexibel sein, dass man Flugzeuge damit ganz individuell bestücken kann.

mm: Wie lange wird ein Sitz genutzt?

Hiller: Unsere Kunden tauschen die Sitze im Normalfall nach sechs bis acht Jahren aus. Die fliegen danach aber noch weiter - es gibt einen Zweitmarkt dafür. Die gesamte Einsatzdauer liegt dann schon mal bei 30 Jahren. Unsere Erstkunden lassen aber durchaus sogar schon innerhalb dieser sechs bis acht Jahre Modifikationen durchführen, etwa eine Nachrüstung von Kopfstützen, neuen oder Beinauflagen.

mm: Reden wir über Geld. Was kostet ein Flugzeugsitz?

Hiller: Ein Economy-Class-Sitz kostet - ganz grob gerechnet - zwischen 2000 und 5000 Euro. Für die Business Class kann man das mindestens mit dem Faktor 10 multiplizieren. Und in der First Class geht es dann schon locker in den sechsstelligen Bereich.

mm: Wie lange brauchen Sie für die Entwicklung?

Hiller: Für eine Neuentwicklung rund zweieinhalb Jahre. Aber danach schließt sich ja meist noch das Customizing mit dem Kunden an, das sind dann nochmal acht bis 12 Monate.

mm: Warum bauen Sie eigentlich keine First-Class-Sitze?

Hiller: Ach, das geht doch eher in Richtung Möbelbau - da spielen weder Platz noch Gewicht eine entscheidende Rolle, das ist für uns keine wirkliche Herausforderung. Außerdem ist der Markt sehr klein, weniger als fünf Prozent des Gesamtmarkts, Tendenz eher schrumpfend. Darauf können wir verzichten. Viel interessanter ist für uns der Bereich . Der wächst gerade stark, weil zwischen Economy und Business Class doch eine sehr weite Spanne klafft.

mm: Sie haben Kunden aus aller Welt. Wie unterschiedlich sind die Wünsche und Bedürfnisse?

Hiller: In Europa und Japan sollen die Sitze schlank aussehen. Im restlichen Asien und den USA sollen sie mehr nach Sofa aussehen. Ein großer Unterschied betrifft das Bedürfnis nach Privatsphäre: Im Mittleren Osten gibt es völlig abgeschottete Einzelabteile in der Business Class. Die Amerikaner mögen es viel kommunikativer, da stehen die Sitze auch schon mal gegenüber - fast wie im Bus. Die Europäer sind eher in der Mitte, ein bisschen kommunikativ darf es sein, aber man will einander nicht auf die Pelle rücken.

Das Interview führte manager-magazin.de-Redakteurin Maren Hoffmann

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