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Reisechaos-Protokoll: Der 42-Stunden-Horrortrip

Hamburg - Lissabon: eigentlich eine Flugreise von ein paar Stunden. Nicht so für Stefan Schultz. Wie Millionen andere in Europa wurde er zum Schneeopfer. Protokoll einer Winterreise, auf der alles anders kam als geplant.

Reisende in Paris-Charles de Gaulle: Wenn der Zwischenstopp ein bisschen länger dauert Zur Großansicht
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Reisende in Paris-Charles de Gaulle: Wenn der Zwischenstopp ein bisschen länger dauert

Vielleicht war es meine Schuld.

Vielleicht hätte ich nicht ausgerechnet dieses Buch einpacken sollen: "Die Langsamkeit" von Milan Kundera, ein Buch, das um die Frage kreist, weshalb das Vergnügen am gemächlichen Fließen der Welt verschwunden ist.

Kundera schreibt: Die Langsamen schauen dem lieben Gott ins Fenster und sind glücklich. Doch wie glücklich kann man sein, wenn man seit 42 Stunden auf den Beinen ist, oft ohne Essen und fast gänzlich ohne Schlaf, in den immerselben Klamotten, und versucht, in quälender Langsamkeit mit dem Flugzeug von Hamburg nach Lissabon zu kommen?

Unser Trip beginnt in durchaus annehmbarem Tempo. Die Maschine aus Hamburg hebt am Mittwochmorgen pünktlich ab und senkt sich ebenso pünktlich auf dem Rollfeld des Flughafens Charles de Gaulle in Paris. Dann wird unser Anschlussflug nach Lissabon gestrichen.

Wir befinden uns plötzlich in einem Zustand der Langsamkeit, den Kundera nicht gemeint haben kann. Es ist eher ein Zustand maximaler Stressbelastung durch chronisches Nichtvorankommen.

Das Terminal gleicht einem Ameisenhaufen. Überall um uns herum wuseln Menschen umher. Ein Mann nähert sich der Stewardess, die den Flug gerade abgesagt hat, und schreit drauflos. Die Frau ist so erschrocken, dass sie sich hinter ihrem Stehpult wegduckt. Wütend läuft der Mann weg; er zieht seinen Koffer so schnell über ein Rollband, dass die Räder aufröhren wie ein Ferrari. Mehrere Leute folgen ihm. Wohin eigentlich?

Das Gepäckband, zu dem wir gehen sollen, existiert nicht. Für eine Weile weiß niemand, was mit unserem Flug ist. Später wird uns gesagt, unser Gepäck werde gar nicht ausgecheckt. Es werde uns "einfach folgen", egal wohin wir fliegen. Wirklich beruhigt sind wir nicht.

Ein Mann gibt uns einen Ersatzflug: für übermorgen, eher geht erst mal nicht. Und einen Hotelgutschein für eine Nacht. "Kommen Sie morgen wieder", sagt er. "Vielleicht können wir dann mehr für Sie tun."

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Weihnachten 2010: So feiert die Welt
Abends sitzen wir im Restaurant einer alten Pariser Dame. Es gibt Ente mit Honigsüße und Rotwein. Am Nachbartisch sitzt eine Neuseeländerin. Sie sagt, sie irre seit Tagen durch Europa, scheinbar ohne ihrem Zuhause näherzukommen. "Ob ich Weihnachten wohl am Flughafen verbringe?" Ich schenke ihr von unserem Wein nach, mit einer Mischung aus Mitleid und unguter Vorahnung.

Am Donnerstag sind wir früh wieder am Flughafen. Der Mann am Schalter bearbeitet abwechselnd den Ziffernblock seines Rechners und die Tastatur eines Telefons. Nach einer Weile lächelt er. Er wird uns in ein Flugzeug nach Madrid umbuchen. Von dort gibt es einen Anschlussflug nach Lissabon. Geplanter Aufenthalt in Spanien: sechs Stunden. Geplante Ankunft in Portugal: neun Stunden früher als mit dem anderen Flug. Meine Begleiterin telefoniert mit ihren Eltern, die uns um Mitternacht abholen wollen.

Es wird sich als großer Fehler erweisen, den Flug nach Madrid zu nehmen.

Auf dem Flughafen Charles de Gaulle dehnt sich die Zeit. Sechs Brötchen. Eine Staffel "Curb Your Enthusiasm" auf dem Rechner. Anderthalb Päckchen Zigaretten. Zwei Liter Wasser. Ein Liter Kaffee. Wäre Kundera wohl stolz auf uns?

20 Euro Bestechung? "Bedaure, nein!"

Gegen Mittag beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Unsere Maschine scheint sich zu verzögern. Ein paar Meter weiter geht noch ein Flieger nach Madrid, das Boarding ist fast abgeschlossen. Wir stehlen uns zum Schalter.

Es stehen schon drei Leute auf der Warteliste. Irgendwann ruft er sie auf, sie gehen in die Maschine. "Sind vielleicht noch mehr Plätze frei?", frage ich und lächle. "Nein, tut mir Leid", sagt der Mann. Ich lege einen Zwanziger auf den Tresen. "Wirklich nicht?" - "Bedaure, nein." Den Schein rührt er nicht an.

Mit stundenlanger Verzögerung betreten wir unsere Maschine nach Madrid doch noch. Die Piste in Paris ist inzwischen komplett zugeeist. Dichte Schneeflocken rieseln auf die Fensterscheiben und kleben dort fest. Grauer Dunst verhängt den Himmel.

Wir sitzen seit zwei Stunden im Flieger, der sich keinen Millimeter bewegt hat. Der Mann vor mir wird nicht müde zu klagen, eigentlich habe er erste Klasse bezahlt. Nun hat er offenbar beschlossen, seine Wut über die Fehlbesetzung an jedem auszulassen, der in seiner Nähe sitzt. Immer wieder rammt er mir seine Sitzlehne in die Knie.

Vier Stunden. Noch immer hat sich der Flieger nicht bewegt. Das Fenster ist von Eisblumen überzogen. Die Kabine verwandelt sich in eine Art menschlichen Reptilienzoo. Babys schreien. Ein Mann schubst eine Frau auf dem Gang um, Wasserflaschen zerschellen, der Boden ist nass und glitschig. Es riecht nach Schweiß. Der Amerikaner hinter uns lallt in einer Tour Schimpfwörter, seine Frau streicht ihm wie einem kleinen Jungen über den Kopf.

Nach knapp fünfeinhalb Stunden, als es niemand mehr erwartet, bewegt sich die Maschine in Richtung Startbahn.

"Dafür ist Air France zuständig"

Dort hat sich eine Schlange gebildet. Wir sind die sechste Maschine in der Reihe, jede einzelne muss enteist werden und Starterlaubnis bekommen. Dauert pro Maschine eine Viertelstunde. Also noch mal anderthalb Stunden warten.

Gegen 22 Uhr starten wir schließlich. Wir haben gut 17 Stunden auf diesen Moment gewartet.

Ich lese im Kundera und trinke Rotwein, der fast tiefgekühlt ist. Die Stewardess schenkt jedes Mal unaufgefordert nach, wenn das Glas leer ist.

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Später werden wir erfahren, dass wir wahrscheinlich großes Glück hatten. Offenbar war es dem Starrsinn des Piloten zu verdanken, dass unser Flug nicht gestrichen wurde. Angeblich hat er sich geweigert, wieder auszusteigen. Vielleicht hatte er auch Angst davor, 150 rasende Passagiere zum Aussteigen zu zwingen und verletzt zu werden.

"Weshalb ist das Vergnügen an der Langsamkeit verschwunden?", schreibt Kundera. "Wo sind sie, die Flaneure von einst? Wo sind sie, die faulen Burschen der Volkslieder, diese Vagabunden, die gemächlich und unter freiem Himmel schliefen? Sind sie mit den Feldwegen, den Wiesen und den Lichtungen, mit der Natur verschwunden?" Irgendwo über Spanien schlafe ich ein.

Ankunft in Barajas, Madrid, dem Flughafen, der so riesig ist, dass man eigentlich ein Flugzeug braucht, um von einem Terminal zum nächsten zu kommen. Es ist weit nach Mitternacht, und wir haben tatsächlich unseren Anschlussflug verpasst.

Ein übernächtigtes Schaltermädchen von Iberia Airlines bucht uns in eine neue Maschine, Freitagfrüh, neun Uhr. Ein Hotel gibt sie uns nicht. "Dafür ist Air France zuständig." Der Air-France-Schalter ist geschlossen.

Und wo ist das Gepäck?

Gegen halb zwei holt uns mein alter Studienfreund Carlos mit dem Auto ab. Schwatzend fahren wir in einen Club in Madrids Viertel Prosperidad. Wir tanzen zu Funk und Soul, erzählen uns unsere Leben der vergangenen drei Jahre. An der Bar umarmt mich ein Fremder. Er zeigt mir Familienfotos, lächelt, redet auf Spanisch auf mich ein. Ich nicke, verstehe nur noch die Hälfte, mein Kopf fühlt sich an wie eine Schüssel Cornflakes, die man zu lange hat einweichen lassen. Der Fremde zahlt all meine Getränke und verschwindet. Ich halte es plötzlich für möglich, dass alles gut wird.

Morgens um sieben fährt uns Carlos zum Flughafen. Wir sind unglaublich schmutzig und müde, aber glücklich. Ein freundlicher Steward weist uns den Weg zu unserem Platz. Aus dem Lautsprecher rieselt "Feliz Navidad". Die Maschine düst diagonal in den Sonnenaufgang. Meine Begleiterin lehnt ihren Kopf an meine Schulter und schläft sofort ein.

Wenig später landen wir in Lissabon.

Ohne Gepäck. Es ist uns entgegen aller Versprechen nicht gefolgt.

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insgesamt 79 Beiträge
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1. Was für ein Quatsch!
Matthias Hofmann 25.12.2010
Zitat von sysopHamburg - Lissabon: eigentlich eine Flugreise von ein paar Stunden. Nicht so für Stefan Schultz. Wie Millionen andere in Europa wurde er zum Schneeopfer. Protokoll einer Winterreise, auf der alles anders kam als geplant. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,736537,00.html
So geht es, wenn alle glauben, die Klimaerwärmung wäre nun soweit fortgeschritten, daß es in Mitteleuropa keinen Winter mehr gibt. Zugegeben, in den letzten 30 Jahren gab es hierzulande kaum mehr nennenswerte Schneefälle und offenbar haben wir alle in unserem Wahn, alles beherrschen zu können, vergessen, daß wir kleine Partikel in einem riesigen System sind, das seinen eigenen Gesetzen folgt deren letzte Wahrheit uns immer noch verschlossen geblieben ist. (Wie entsteht unser Klima?!) Ja was heißt das? Vielleicht könnten wir ganz einfach mal einverstanden sein mit dem was gerade ist: Eben einfach mal nicht verreisen! Zu Hause bleiben, raus schauen, das Auto stehen lassen, zur Ruhe kommen. Vielleicht wieder mal richtig über sich nachdenken. Still werden auch miteinander ... sogar mal wieder einen Brief schreiben. Diese Gelegenheit sollten wir besser nicht verpassen! Ich wünsche eine stärkende stille Zeit.
2. die Entdeckung der Langsamkeit.
zephyros 25.12.2010
..rofl
3. Berlin -
ElOmda 25.12.2010
Male in 36 Stunden. Ein Direktflug OHNE winterlich Verhältnisse. Abflug Schönefeld. Dann Direkt über München - Athen - Larnaka - Damaskus - Scharja - Colombo. Flughafen wegen Bombendrohung gesperrt. Also Trivandrum. Pässe einkassiert. Etliche Stunden Wartezeit. Zum Tanken nur Bargeld akzeptiert. Also Sammlung im Flieger. Dann wo sind die Pässe. Erst suchen. Gefunden. Flug nach Colombo. Kurz nach der Landung Bombendrohung. Etliche Stunden im Flieger. Endlich Start . Pustekuchen. Bombendrohung gegen Flieger. Zurück . Alles raus. Nach Stunden Entwarnung. Endlich Male! Irgendwann mal in den 80 ern. So ist halt das Leben. Genieße was auf dich zukommt. Selten lässt es sich beeinflussen. Frei nach Balu dem Bär.
4. Horror
das_schwampel 25.12.2010
Sehr gute Geschichte, nur irgendwie nicht Horror. Ist doch eigentlich alles ganz lustig. Schön in Paris gegessen und in Madrid auch noch ne tolle Nacht drangehängt. Herrlich. Wieso also immer alles als Horror verkaufen? Ein Freund von mir ist gestern von HH nach Düsseldorf mit dem Auto gefahren, er hat 6,5 Stunden gebraucht: OH MEIN GOTT!
5. Es kommt darauf an...
dekantil 25.12.2010
...wo man erwischt wird. Januar 19??, New York. Alle Flughäfen wegen Schneesturm für 3 Tage geschlossen. Wohne im Plaza, Ecke 5th Av./ Central Park. Ja, ich darf das Zimmer behalten und lerne nach 20 Geschäftsreisen nun das Guggenheim und Moma kennen. Die New Yorker Galeristen machen ihre Ausstellung in der Armoury Hall und bei Macys war Winterschlussverkauf. Gerne wieder.
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