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Reisefotografie: Sehen, knipsen, staunen

Von Stephan Orth

Jeder kann phantastische Reisebilder machen, selbst mit einer durchschnittlichen Digital-Knipse. Behauptet zumindest Reisefotograf Peter Schickert. Ein Foto-Rundgang durch Lübeck beweist: Der Mann hat Recht.

Lübeck - "Stört es Sie, wenn Sie mit im Bild sind?" Der Angler an der Trave deutet ein Kopfschütteln an, im selben Moment klickt schon der Auslöser der Kamera von Peter Schickert. Zwei weitere Bilder, schon läuft der Fotograf weiter, macht noch ein Foto aus der Distanz. "Oft entstehen die besten Personenfotos, wenn sich das Motiv entspannt und nicht mehr glaubt, im Bild zu sein", sagt der braun gebrannte 41-Jährige mit schwarzem Piraten-Bandana und winzigem Unterlippenbärtchen. Seine Bilder erschienen in "Merian", SPIEGEL, "Stern" und "Geo" sowie fast sämtlichen großen Tageszeitungen.

Reisefotograf Schickert: "Stört es, wenn Sie mit im Bild sind?"
Stephan Orth

Reisefotograf Schickert: "Stört es, wenn Sie mit im Bild sind?"

Dabei verwendet Schickert eine Ausrüstung, die mancher Hobbyfotograf belächeln würde - ein solide digitale SLR-Kamera, drei Objektive, darunter ein "wirklich schlechtes" 28-bis-300-Millimeter-Zoomobjektiv, ein paar Speicherkarten, NoName-Ersatzakkus, die er bei eBay ersteigert hat, eine tragbare 60-Gigabyte-Festplatte. Mehr nimmt der pragmatische Minimalist nicht mit auf seinen Reisen. Schließlich soll die Tasche nicht zu schwer werden, wenn er zu Fuß auf Motivjagd geht.

Schickert verzichtet auf ausgefeilte Blitztechnik und meistens sogar auf ein Stativ. "Das dauert mir zu lang - bis ich das aufgebaut habe, ist schon das Motiv weg." Stattdessen stützt er die Kamera auf Geländern oder Vorsprüngen ab oder lehnt sich an einer Mauer an, um eine ruhigere Hand zu haben, dann macht er zwei oder drei Bilder mehr, damit eins davon scharf ist.

Können zählt mehr als Technik

"Selbst mit einer kleinen Digitalknipse kann man hervorragende Bilder machen - man muss nicht wahnsinnig viel Geld für Ausrüstung ausgeben", sagt Schickert. Für ihn basiert Fotografie auf ein paar simplen Grundregeln über Licht, Tageszeit und Bildkomposition, der Rest ist Erfahrung. "Inzwischen lösche ich noch drei oder vier von hundert Bildern, früher waren das viel mehr."

Schickert war Bassist in einer Hardrockband, Tontechniker, Grafikdesigner und Reisekaufmann, bevor er begann, als Fotograf die Welt zu bereisen. Er war in Indien, Nicaragua, auf den Seychellen und zuletzt in Nepal. Oft ist er auch in Deutschland unterwegs. Bei einem Rundgang durch die Lübecker Altstadt erklärt er, worauf es ankommt, wenn man bessere Reisebilder knipsen will.

Los geht es am Holstentor. Bei einem so bekannten Bauwerk, das jeder von Fotos kennt, sei es wichtig, zusätzliche Elemente als Rahmen zu verwenden. Schickert platziert eine der Löwenstatuen am anderen Ende des Parks ins rechte Bilddrittel oder einen Strauch mit roten Rosen als Unterkante. Menschen im Bild vermitteln eine Vorstellung von den Dimensionen des Backsteinbaus.

Kein Problem mit Kitsch

Ein paar Standard-Postkarten-Fotos müssen allerdings doch noch her. "Komischerweise verkaufen sich meine 08/15-Bilder besser als die, die mir selbst besonders gefallen." Auffallend häufig finde er beispielsweise Abnehmer für Bilder mit Menschen im Café im Vordergrund. "Manche nennen das Kitsch - aber ich habe kein Problem damit, auch typische Postkartenmotive zu fotografieren." Er empfiehlt auch Foto-Neulingen, einfach mal am Postkartenstand herauszufinden, wo gute Standpunkte für den Fotografen sind.

Für Schickert ist die Fotografie kein Ganztagsjob, weil die meiste Zeit des Tages das Licht sowieso nichts taugt. "Mittags setze ich mich lieber ein paar Stunden in die Sonne", sagt er. "Das soll ja nicht in Arbeit ausarten." Sollen doch andere Fotografen stundenlang an einem Motiv ausharren und auf das perfekte Licht warten. "Ich versuche, mir den Spaß bei der Sache zu erhalten."

"Blaue Stunde" dauert 15 Minuten

Häufig bringt nicht intensive Vorbereitung, sondern der Zufall die besten Motive, sagt Schickert, der noch nie in Lübeck war und außer der Kameratasche lediglich einen Stadtplan aus der Touristeninformation dabei hat. Die Ausbeute eines ganzen Tages ergebe sich oft in wenigen Minuten. Etwa dann, wenn die Stimmung im Abendlicht perfekt ist. Oder zur "blauen Stunde", also in den 15 bis 20 Minuten nach Sonnenuntergang, wenn der Himmel ein kräftiges Dunkelblau hat, aber noch nicht schwarz ist.

Heute ereignet sich dieser Zufall am Trave-Ufer nahe der Dankwarts-Brücke: Im Abendlicht am Fluss sonnen sich mehrere wunderbar fotogene Gestalten, die nur darauf zu warten scheinen, abgelichtet zu werden. Drei ältere Damen vor pittoresker Altstadtfassade, eine schwarzgraue Katze in der Abendsonne, zwei Jungen in einem Schlauchboot, Frauen in indischen Saris mit Kind. "Kommen Sie aus Lübeck?" fragt der Fotograf die beiden, nachdem er das Gruppenbild im Kasten hat, sie bejahen - auf Lübeck-Fotos sollen auch Lübecker drauf sein.

"So was lässt sich nicht planen", sagt Schickert begeistert und läuft weiter von einem Motiv zum nächsten - für keines wählt er mehr als einen Standpunkt, langjährige Erfahrung bei der Bildkomposition zahlt sich aus. Schließlich verrät er noch, dass er sich bei den meisten Bildern kaum um Belichtung und Blende kümmert, sondern auf die Programm-Funktion der Kamera vertraut.

"Ich habe spaßeshalber mal einen Reisefotografie-Kurs an der VHS gemacht", erzählt er. "Da war dieser ältere Dozent mit Vollbart, der seitenweise Listen mit mathematischen Formeln verteilte, um uns die Fotografie zu erklären." Das Bild wurde zum Nebenprodukt der Theorie. "Am Ende des Kurses hatte keiner auch nur ein einziges gutes Foto."

Auf den folgenden Seiten: Acht Tipps für perfekte Reisefotos von Peter Schickert

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