Reiseführer "San Sombrèro" Klischees, Kokain und Kakerlaken

Kinder essen Kokain-Zuckerwatte, Erwachsene trinken Molotovo-Cocktails, die Nationalhymne handelt von Sex: Das mittelamerikanische San Sombrèro ist ein ganz besonderes Reiseziel – erstunken und erlogen von einer australischen Komiker-Kombo.

Von Stephan Orth


Hamburg - Kennen Sie die Guanos-Inseln im Pazifik, die aus Vogelkot bestehen? Oder den Reiseanbieter "Kamikaze-Tours", der Trips nach Sierra Leone, Kaschmir oder Tschtschenien anbietet, mit garantiertem anschließenden Krankenhausaufenthalt? Haben Sie schon von dem Staat "San Sombrèro" in Mittelamerika gehört, in dem die katholische Kirche Tieropfer abhält und die Nationalhymne mit "Mein Baby bringt mein Herz zum Schmelzen" beginnt? Wohl kaum, denn alle diese Dinge sind erdichtet und erlogen – von den Autoren des Reiseführers "San Sombrèro - Karibik, Karneval und Kakerlaken".

Eine Mischung aus Lonely Planet, Borat und "Das neue Buch Otto", ist "San Sombréro" bereits der dritte "Jetlag Travel Guide" der Australier Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch. In den Vorläufern ging es um "Molwanîen" in Osteuropa und um "Phaic Tan" in Asien, zwei fiktive Reiseziele, die als so ungastlich beschrieben werden, dass sie niemand in natura erleben will.

Das Konzept hatte Erfolg – allein in Deutschland wurde der Erstling "Molwanîen" über 300.000-mal verkauft. Ein geografisch wenig bewanderter amerikanischer Verleger soll vor der Veröffentlichung sogar gesagt haben, er habe schon immer mal nach Molwanien reisen wollen.

Lachen im Korruptionsparadies

Das Grundprinzip der "Jetlag-Guides" ist einfach und jedes Mal gleich: Man nehme sämtliche Vorurteile und Klischees über eine Region, übertreibe sie bis zur Schmerzgrenze und packe dazu ein paar unscharfe Fotos - mit haarsträubenden Interpretationen in der Bildunterschrift.

"Eigentlich haben wir uns schon wiederholt, bevor wir mit dem zweiten Buch anfingen", gibt Santo Cilauro zu, einer der Autoren des australischen Komiker-Kollektivs "Working Dog". "Jede Beobachtung in jedem Buch ist ein wiederholter Witz, doch solange die Beobachtungen lustig sind, denke ich, dass den Lesern das gefällt."

Im dritten Buch spielen sie mit mittelamerikanischen Klischees von Drogen, Kriminalität und ungezügelter Sexualität. So wird "San Sombrèro" mit seinen Orten Cucaracha City, Polluçiòn und Nicotiño als höchst korrupter Schurkenstaat mit schwer kriminellen Bürgern beschrieben. Trotzdem seien die Bewohner glückliche Menschen, schreibt der Reiseführer: "Lächeln ist für sie die natürlichste Sache der Welt, und es ist nicht ungewöhnlich, selbst nach Unfällen große Menschenmengen dabei zu beobachten, wie sie sich vor Lachen kringeln."

Im ganzen Land sind schon die Kinder drogenabhängig, weil sie in der Schule Rum und auf den Straßen Zuckerwatte mit Kokain bekommen. Erwachsene dagegen greifen lieber auf Cocktails wie den Molotovo (Rum, Ananas, Flugbenzin) oder Inexplicado (nicht einmal der Kellner weiß, was drin ist) zurück.

Nach dem Alkoholgenuß wird getanzt, etwa der traditionell schlüpfrige "Bababumba", der früher nackt zelebriert wurde und häufig zu Schwangerschaften führt. Promiskuität ist dabei eine Grundhaltung der San Sombrèrer: Bei Geburten ist traditionell meistens sowohl der Ehemann als auch der Vater des Kindes dabei.

Die schönsten Sehens-Unwürdigkeiten

Das Ziel von Cilauro und seinen Mitstreitern war es weniger, sich über andere Länder und Sitten lustig zu machen, als eine Parodie auf handelsübliche Reiseführer zu schreiben. "Dort werden ständig Ziele romantisiert, die niemand jemals besichtigen würde, der sie noch alle beisammen hat", sagt Cilauro.

Die Satire ist bis in die Schnurrbärte der Fotomotive gespickt mit bitterbösem Borat-Humor. Doch während die skandalträchtige Pseudo-Dokumentation von Sasha Baron Cohen fast zur Staatskrise in Kasachstan führte, erhielten Cilauro und Co. bislang wenige Beschwerdebriefe: "Ein rumänischer Journalist beschwerte sich sogar, wir seien in 'Molvanîen' nicht weit genug gegangen mit der Kritik an osteuropäischen Ländern. Ich musste ihn daran erinnern, dass wir absurde Comedy-Bücher schreiben, keine politischen Werke."

Die einzigen Beschwerden seien von Briten und Amerikanern gekommen, die sich in Solidarität mit den betroffenen Staaten gekränkt fühlten. "Diese Fürsorge-Mentalität finde ich extrem bevormundend und anstößig. Wer sich durch unsere Bücher beleidigt fühlt, kann doch wohl für sich selbst sprechen."

Zur Fußball-Weltmeisterschaft besuchte Cilauro Deutschland. Zwar würde er nie ein Buch über ein einzelnes Land schreiben, doch ein paar Seiten Bayern-Satire könnte er sich durchaus vorstellen. "Ich würde eine Region in Süddeutschland erfinden, die sich "Beervaria" oder "Brauyern" nennt, ein Hauptstadt namens 'Pist' oder 'Besoffenberg' hat und 20 Millionen Hektoliter Bier jährlich produziert", sagt Cilauro. "Eine Hälfte davon ist für den Export, die andere trinkt der Ministerpräsident."

Deutschland als weltweit einzigartige Bier-Hochburg? Natürlich nicht, denn alles ist Wiederholung in der globalisierten Welt der Reise-Satire: "Ein Jetlag-Guide über die australische Liebe zum Bier würde wahrscheinlich ganz ähnliche Passagen enthalten."



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