Reisemarkt im Social Web Wie Veranstalter Freunde auf Facebook suchen

Wer mit seinen Freunden bei Facebook chattet, ist schnell genervt von kommerzieller Werbung. Trotzdem nutzen immer mehr Reiseveranstalter soziale Netzwerke, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen. Ein schmaler Grat - doch das Potential ist riesig.

dapd

Am Anfang war die Reiselust. Dann kam der Blog, dann der Erfolg. Johannes Klaus ist ein gelassener Mensch. Und ein Reisender aus Passion. Mit seinen 30 Jahren hat er schon viel gesehen. Er war in Armenien, in Berg-Karabach, im Irak, im Iran, im Sudan, in Ruanda und Burundi. Und er ist weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt geworden: Mit der Reisedepesche über seine einjährige Weltreise zog er jeden Tag nicht nur Hunderte Besucher an, die sich im Internet über seine neuesten Erlebnisse informierten.

Als er zurückkam, wurde sein Blog für den Grimme-Online-Preis nominiert - und Klaus gewann. Seine Reise plante er in allen Details selbst. "Die Route war offen. Ich wusste nie, was der nächste Tag bringen wird. Die Ideen holte ich mir aus Facebook, aber auch aus Foren und Blogs."

Immer mehr junge Leute planen ihre Reisen in sozialen Netzwerken. Mehr als 27 Millionen Deutsche nutzen bereits Facebook, LinkedIn, Twitter und Co. Laut der aktuellen Studie "Tourismus 2011" der Münchner Agentur Peppermind und der Hochschule Fresenius liegen soziale Netzwerke als ausschlaggebende Informationsquelle für die Buchungsentscheidung mit 16 Prozent bereits an zweiter Stelle hinter den Internetseiten der Reiseanbieter (56 Prozent).

Für die Reiseindustrie ist das ein riesiges Potenzial. Besonders, weil ihr die Kundenschicht unter 30 Jahren wegzubrechen droht, denn es wächst eine Generation heran, die noch nie in einem Reisebüro war und noch nie eine Pauschalreise gebucht hat.

Social Media als Vertriebskanal

"Schon jetzt nutzen viele Reiseanbieter soziale Netzwerke, um Kundenbindung zu erzeugen und Erinnerungswert zu schaffen", sagt Michael Buller, Vorstand des Verbands Internet Reisevertrieb (VIR). Was den Reiseverkauf angehe, sei der Vertrieb über Facebook und Co. bei den meisten Unternehmen zwar noch im Aufbau. Schon bald könnte Social Media aber der Vertriebskanal Nummer eins werden.

Vor allem in Sachen Reichweite könnte man sich keine bessere Plattform wünschen als eine wie Facebook. Das Netzwerk hat rund 800 Millionen Mitglieder, die untereinander vernetzt sind und sich Seiten empfehlen, die sie gut finden. Sollte das Unternehmen aus dem kalifornischen Palo Alto im Frühjahr 2012 tatsächlich an die Börse gehen, könnte es Geschichte schreiben: Derzeit wird der Wert des Unternehmens auf über 100 Milliarden Dollar geschätzt.

Die Reiseindustrie sieht in sozialen Netzwerken vor allem eine große Chance: Sie funktionieren auf persönlicher Ebene, die Konversation findet nicht im Geschäftsjargon statt. Neben wenig effektiver Bannerwerbung betreiben deshalb immer mehr Reiseunternehmen ihre eigenen Profile und versuchen dort Kunden als "Freunde" zu gewinnen. "Die Frage, ob man mitmachen soll oder nicht, stellt sich nicht. Die Frage ist nur wie", sagt auch Dirk Föste, Mitglied der Geschäftsführung von RUF Jugendreisen und einer der Pioniere im Social-Media-Bereich.

Gerade für seine Klientel sieht Föste großes Potenzial. "Die meisten Pauschalreiseveranstalter erreichen die junge Kundschaft bis 35 Jahre nicht mehr, dabei macht sie fast ein Drittel des gesamten Reisemarktes aus." Drei bis vier Communities gehörten zum täglichen Handwerkszeug vieler junger Leute. Und 81 Prozent würden sofort online buchen, nur 15 Prozent im Reisebüro.

Immer mehr Veranstalter nutzen soziale Netzwerke

Das versucht Föste zu nutzen. Er ist sehr aktiv auf Facebook und Co. Allein 15 der 108 Mitarbeiter des Bielefelder Unternehmens arbeiten ausschließlich im Netz. RUF betreibt derzeit 25 Seiten in sozialen Netzen, auf denen sich regelmäßig 120.000 bis 130.000 Jugendliche tummeln. "Da gibt es Leute, die warten förmlich auf Angebote. Für uns ist es eine zwingende Notwendigkeit, dabei zu sein."

Und Föste ist nicht allein. So hat erst vor wenigen Tagen Marco Polo Reisen für seine Marke Young Line Travel eine eigene Fanpage auf Facebook eröffnet, nachdem sich rund 900 Kunden zwischen 20 und 35 Jahren zunächst in ihrer privaten Facebook-Gruppe über ihre Reisen mit dem zur Studiosus-Gruppe gehörenden Unternehmen ausgetauscht hatten.

Der Hamburger Spezialveranstalter Kite World Wide bewirbt seine Kite-Surf-Reisen sogar fast ausschließlich über Facebook. "Das ist unser Marketingkanal Nummer eins, damit sind wir groß geworden", sagt Dominik Christ. Innerhalb von zwei Jahren gelang es seinem Unternehmen, 40.000 Fans zu rekrutieren. Nur wenige Anbieter aus dem Reisebereich haben mehr, darunter die Branchenriesen TUI und Aida. Mittlerweile befördert der Hamburger Veranstalter rund 1000 Kite-Surf-Begeisterte jedes Jahr.

In Zukunft werden sich wohl auch viele der etwa 11.000 Reisebüros in Deutschland noch stärker in sozialen Netzwerken tummeln. Im September hat der IT-Anbieter Amadeus seine sogenannte Social-Media-Suite für Reisebüros vorgestellt. Mit ihr können sich Reisebüros künftig mit wenigen Mausklicks eine professionell und individuell gestaltete Seite für Facebook, später auch für andere Netzwerke, einrichten - inklusive Buchungsmöglichkeit. Derzeit befindet sich das Programm noch in der Testphase, ab März 2012 soll es im großen Stil an Reisebüros verkauft werden.

Posten, ohne dem Kunden auf den Wecker zu gehen

Auf Facebook zu werben, ist ein sensibler Bereich. Zwar ist es laut den Richtlinien von Facebook nicht verboten, einen Shop auf seiner Seite zu betreiben - Unternehmen wie das Versandhaus Baur, die britische Supermarktkette Tesco und der Schweizer Kontaktlinsenanbieter Linsenmax haben in dem sozialen Netzwerk bereits seit einiger Zeit Verkaufsplattformen. Doch wer auf Facebook, der ist in erster Linie da, um soziale Kontakte zu pflegen. Werbung, besonders unpersönliche, ist bei den Usern verpönt.

Dabei komme es allerdings stark auf das werbende Unternehmen an, sagt Michael Buller vom VIR. "Die meisten Marken dürfen Botschaften schicken, ohne den Kunden zu nerven." Unternehmen wie Lufthansa zum Beispiel posten viel, ohne dem Kunden damit auf den Wecker zu gehen. "Wenn ich Fan von Lufthansa werde, dann erwarte ich ja gerade, dass sie mich benachrichtigen, wenn es günstige Angebote gibt. Gleiches gilt für die Bahn."

Blogger und Facebook-Freund Johannes Klaus sieht das ähnlich. Offizielle Seiten sprechen den 30-Jährigen zwar kaum an. Er suche keine Reiseangebote, sondern in erster Linie Reiseinspiration, sagt der frisch gebackene Grimme-Preisträger. "Werbung ist aber dann okay, wenn sie unterhaltsam gemacht ist oder einen eindeutigen Nutzwert bringt. Alles andere nervt."

Zwar hielte sich unerwünschte Reklame derzeit auf den meisten Plattformen noch in Grenzen, sagt der Blogger. Wenn ein soziales Netzwerk aber seine Kernqualitäten vergesse, um mehr Geld zu verdienen, dann gäbe es über kurz oder lang andere Wettbewerber, die das besser machten. "Es ist gut möglich, dass uns in einigen Jahren nur noch sentimentale Erinnerungen überkommen, wenn der Name Facebook fällt", sagt Klaus.

Fabian von Poser, SRT



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Schmeckhengst 29.11.2011
1. Is der Artikel von vorgestern?
Zitat von sysopWer mit seinen Freunden bei Facebook chattet,*ist schnell genervt von kommerzieller Werbung. Trotzdem nutzen immer mehr Reiseveranstalter soziale Netzwerke, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen. Ein schmaler Grat - doch das Potential ist riesig. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,800612,00.html
Wann ist dieser Artikel bitte geschrieben worden? Vor zwei Jahren? Und jetzt noch schnell den aktuellen Martkwert von Facebook eingestreut und fertig ist der Web3.0-Quark.
hanspeda82 30.11.2011
2. Social Media ist nicht Verkauf
Ich glaube Social Media wird nie ein klassischer Verkaufskanal. Gut, ab und zustellt jemand mal eine Frage nach einem Urlaubstipp in Paris. Dazu werden wahrscheinlich seine Freunde auch etwas sagen können. Aber da hört es auch schon auf. Wenn es detailierter wird wie z.B: ich brauche ein Unterkunft in Pontebba (Italien) stößt Facebook & Co. an seine Grenzen und man muss zurück zum guten alten Google. Ich habe eine Frage. Google gibt mir die Antwort. So weit ist Facebook noch nicht. Im eigenen Betrieb (http://www.berghotel-zirm.com) setzen wir ebenfalls auf Social Media. Aber es dient mehr zur Unternehmenskommunikation bzw. Gästebindung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.